zu: „RTL Boxen – Der Kampf Klitschko gegen Thompson
Auch wenn der Weltmeister im Schwergewicht Wladimir Klitschko von
Talismanen und Aberglauben so gar nichts hält, will er seinen nächsten
Kontrahenten bezwingen – und erzählt im Interview wie das funktieren
soll
Seit der sportlichen Ära von Henry Maske scheint es im Boxsport nur noch
Gentleman-Boxer und gar keine Bad Boys mehr zu geben. Auch die aus Kiew
stammenden Brüder Wladimir (32) und Vitali Klitschko (37) gehören
zweifellos dazu. So erschien Wladimir Klitschko im dunkelblauen Anzug,
mit weißem Hemd und hellblauer Krawatte in Hamburg, um seinen nächsten
Wettkampf (Übertragung: RTL Boxen – Der Kampf, 12. Juli, 22.45 Uhr)–
gegen den US-Amerikaner Tony Thompson, 36, in der Hamburger Color Line
Arena – einzuläuten. Wenn man den dunkelhaarigen Sportler in seinem
schnieken Outfit so sieht, dann mag man kaum glauben, dass Wladimir
Klitschko aus 50 Wettkämpfen als gefeierter Sieger hervorgegangen ist,
in 44. Fällen sogar durch KO. Seine Hände wirken eher zart und auch sein
Händedruck ist nicht gerade fest. Trotzdem sieht sich der Soldatensohn
auch am 12. Juli wieder als Sieger aus dem Ring gehen. Karten für das
Spektakel sind in der Preisspanne von 60.-- bis 835.-- Euro zu bekommen.
Im Interview erklärt Wladimir Klitschko, der im Gegensatz zu seinem
Bruder Vitali (seit zwölf Jahren verheiratet und Vater von Egor-Daniel,
8, und Natalie, 6) immer noch solo ist, warum er ohne Talisman und
Aberglaube in den Ring steigt:
Was sagen Sie dazu, dass Hamburg der Austragungsort für Ihren
nächsten Kampf ist und weshalb ist der Amerikaner Tony Thompson Ihr
Kontrahent?
„Seit längerer Zeit haben die Klitschko-Brüder nicht mehr in Hamburg
geboxt und ich freue mich, wieder zurück zu kommen. Hamburg ist die
Stadt, in der ich meine berufliche Karriere als Profi-Boxer angefangen
habe. Das war 1996 in Hamburg-Wandsbek und nun werde ich am 12. Juli
gegen Tony Thompson, den Mann, der vor einem Jahr in Hamburg sehr
eindrucksvoll gesiegt hat, in der Color Line Arena antreten. Ich kenne
diese Halle nicht, ich habe dort noch nie geboxt, aber ich freue mich
sehr darauf.“
Was erwartet das Publikum?
„Das Publikum wird dann zwei Sportler sehen, den einen, der schon seit
längerem da ist, also mich, den anderen, der in Hamburg schon vor einem
Jahr eine tolle Leistung gezeigt hat. Thompson hat in acht langen Jahren
keinen einzigen Kampf verloren. Das ist wirklich ein Verdienst – und
genau deswegen habe ich auch Tony Thompson als nächsten Herausforderer
ausgewählt.“
Vor kurzem haben Sie und Ihr Bruder die weitere Zusammenarbeit mit
Ihrem deutschen Fernsehpartner RTL bekannt gegeben, sich dabei aber
nicht auf eine Anzahl von Kämpfen oder Jahren festgelegt? Warum nicht?
„RTL ist für mich der Sender, der den Boxsport in Deutschland aufgebaut
hat. Ich freue mich auch auf den Wettkampftag, weil wir dann mit unserem
Partner RTL in die Vertragsverlängerung gehen. RTL ist der Sender, der
es geschafft hat, in Deutschland mit meinem Idol in diesem Sport, mit
dem Gentleman Henry Maske, unfassbare Quotenerfolge hinzulegen und RTL
hat dem Boxsport einen wahren Link für die Schönheit dieses Sports
gegeben.“
Wie wichtig ist die Fernseh-Präsenz für das Boxen?
„Der Sport ist durch das Fernsehen zunächst in Deutschland und dann auch
europaweit auf einer ganz anderen Schiene präsentiert worden, die einen
ganz guten und ganz besonderen Touch hat. Boxen ist ein Sport, der viele
fasziniert, das sehen wir durch die Fernsehquoten. Und es gibt auch
einen sozialen Aspekt, den RTL mit der Übertragung dieser Sportarten
erfüllt, denn auch die Jugend wird davon begeistert sein.“
Hat das Boxen im Fernsehen auch Sie als Jugendlichen fasziniert?
„Absolut. Ich kann mich gut erinnern, wie ich bei der Bundesliga 1995 in
Flensburg die Meisterkämpfe von Henry Maske gesehen habe. Ich war
begeistert. Ich dachte, das gibt es doch gar nicht: Da ist so eine
Dramaturgie im TV aufgebaut worden und das Ganze wurde so gut umgesetzt.
Das war eine tolle Arbeit und eine tolle Leistung. Und ich war so
begeistert, dass ich zugeben muss, das war auch eine Motivation für
mich, in dem Sport zu bleiben und gewisse ZIele erreichen zu wollen. Ich
wollte auch irgendwann Weltmeister werden und irgendwann präsent sein.
Deswegen freue ich mich, dass RTL nach so vielen Jahren mein TV-Partner
geworden ist. Ich befinde mich in meiner besten Zeit des Sports. Ich
freue mich auf diese Zusammenarbeit und ich bin mir ganz sicher, dass
wir eine lange und eine erfolgreiche Arbeit miteinander haben werden.
Vor allem, dass wir nicht nur Erfolge, sondern auch Spaß miteinander
haben. Ich glaube aber auch, die Arbeit, die wir leisten werden und bis
jetzt gemacht haben, wird auch das Publikum erfreuen, denn wir arbeiten
nicht nur für uns, sondern auch für die gute Unterhaltung des Publikums,
um den Boxfans ihren Sport gut präsentieren.“
Mit welchen Gefühlen treten Sie Ihrem Kontrahenten gegenüber? Wie ist
Ihre Einschätzung? Ist der Amerikaner ein schwerer Gegner für Sie?
„Ich bin es schon gewohnt, dass meine Gegner und deren Promoter vor
jedem Kampf besprechen, wie es schon 2001 war, an meinem Geburtstag eine
Beerdigungsparty zu veranstalten. Es gab schon viele Versprechen, mich
wie auch immer im Ring zu zerstören. Ich bin all das gewohnt. Ich habe
über zwölf Jahre in dem Beruf Boxsport verbracht und ich habe dabei
einige Erfahrungen gesammelt. Es bewegt mich immer noch, denn ich bin
immer noch begeistert von dem Sport. Ich bedanke mich für die Aussagen
von Herrn Thompson und seinem Promoter, Herrn Goossen, aber diese
Aussagen sind nichts anderes als eine perfekte Motivation für mich, um
genau das andere zu schaffen.“ (grinst)
Wie werden Sie sich konkret auf den Boxkampf am 12. Juli vorbereiten?
Wann beginnen Sie mit dem Training?
„Ich fange mit meiner Vorbereitung in Hamburg an, werde dann in Kiew
weitermachen und das Training wird in Österreich fortgesetzt.
Normalerweise brauche ich für die Vorbereitung acht Wochen vor Beginn
des Kampfes. Ich freue mich, dass ich keine lange Pause gehabt habe,
zwischen meinem letzten Kampf und dem, der nun auf mich zukommt. Eine
gute Sache ist, die auch die Vorbereitung betrifft, ich habe mich im
letzten Jahr auf einen Rechtsausleger vorbereitet – gegen Sultan
Ibragimov – und der nächste Rechtsausleger heißt Thompson. Das bedeutet
für mich, ich brauche mich nicht so stark umzustellen.“
Was sehen Sie ganz konkret als Stärken und Schwächen bei Ihrem Gegner
Tony Thompson?
„Mr. Thompson ist sehr motiviert, er boxt gegen den besten Mann im
Schwergewicht. Wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde wirklich alles
für den Sieg tun. Ich glaube, dass auch vom Alter her und von allem
anderen dieses der Kampf ist, auf den er sehr lange gewartet hat. Auf
keinen Fall werde ich ihn unterschätzen und ich werde Tony Thompson
genauso ernst nehmen wie alle anderen Gegner in meinen letzten Kämpfen.“
Sie haben Ihren Bruder Vitali bei seiner Arbeit im politischen
Bereich unterstützt – konnte er dies andersherum auch in Ihrer
Trainingsphase tun oder eher weniger?
„Natürlich engagiert sich Vitali im Moment sehr stark im poltischen
Bereich. Aber wir haben nach wie vor ein sehr enges Verhältnis. Wir
haben wahnsinnig viele Erfahrungen im Sportbereich gesammelt und wenn er
die Gelegenheit haben wird, dann wird mich mein Bruder wie in der
Vergangenheit unterstützen. Mein Bruder wird mich vor allem aber beim
Kampf in der Ringecke unterstützen.“
Sie halten Talismane für Quatsch und Aberglauben für eine psychische
Schwäche. Womit motivieren Sie sich außer der Konzentration und des
Trainings für einen Boxwettkampf?
„Ich möchte mich vollkommen machen und ich möchte nicht auf einen
Talisman achten müssen, denn solche Dinge bringen Unglück, wenn sie
nicht dabei sind. Das ist eine Abhängigkeit, die ich als ungesund ansehe
und deshalb bin ich ganz bei mir selbst und motiviere mich so. Ein
Talisman ist für mich eine große Ablenkung. Deswegen möchte ich keinen
Talisman haben und nicht abergläubisch sein, sondern ich konzentriere
mich voll und ganz auf meine Qualität.“
Macht Ihr Bruder das genauso? Hat er auch nie einen Talisman oder ist
das ein Unterschied zwischen Ihnen beiden?
„Oh, das weiß ich nicht. Das ist sicher individuell und ich kann nur für
mich sprechen.“
Ist der größte Unterschied zwischen den Klitschko-Brüdern der, dass
es Ihren Bruder Vitali in die Politik drängt oder können Sie sich so
einen Weg auch für sich vorstellen – wobei der Posten als Bürgermeister
von Kiew dann womöglich nicht erreichbar ist?
„Mein Bruder hat sich von seinem Dasein und seinem Weltempfinden immer
für die Politik interessiert und ich glaube, dass Vitali das wunderbar
umsetzen kann. Das sind seine Eigenschaften, ich glaube, er ist dazu
geboren worden.“
Was können Sie sich für sich parallel zum Boxsport in dieser
Wichtigkeit vorstellen, wenn Sie denn nicht für die Politik geboren
sind?
„Ich glaube, für die Politik bin ich noch ein bisschen zu jung, also,
ich werde mir ein bisschen Zeit lassen. Ich lasse aber alle Optionen in
meinem Leben frei. Aktuell bin ich ein Sportler und ich möchte mich voll
und ganz auf den Sport konzentrieren.“
Wie belohnen Sie sich selbst, wenn Sie den Kampf am 12. Juli in
Hamburg gewinnen? Gönnen Sie sich etwas Schönes vom Preisgeld oder legen
Sie es lieber an?
„Früher habe ich das gemacht, aber heute bin ich zufrieden und ich bin
weiter motiviert, erfolgreich zu bleiben. Ich brauche nicht so viel im
Leben, um zufrieden zu sein.“
Ehrlich nicht? Gibt es denn einen Ausgleich zum körperlichen
Training? Belohnen Sie sich selbst mit ein paar mehr
Kindermilchschnitten, auf die Sie während des Trainings verzichten
müssen?
„Vom Essen habe ich gar keine Probleme. Ich kann essen, was ich will,
denn ich bin Schwergewichtler.“
Was ist neben dem Boxsport Ihre größte Leidenschaft?
„Eindeutig Kaiserschmarren, aber nur die original in Österreich
zubereitete Teig-Süßspeise mit Zwetschgen-Marmelade, Rosinen und
Mandeln.“
Was ist Luxus für Sie? Welche Bedeutung hat Luxus in Ihrem Leben?
„Zeit ist für mich der größte Luxus, und dazu kommt noch Geld, um die
Möglichkeiten zu haben, das zu machen, was man möchte. Zeit und Geld,
das ist für mich Luxus.“
Sind Statussymbole für Sie wichtig?
„Wahrscheinlich haben Statussymbole für jeden Menschen einen gewissen
Wert. Mir ist es aber nicht wichtig aus persönlichen Gründen, aber es
ist wichtig für eine Marke, es ist wichtig, für die Umsetzung gewisser
Arbeit – aber Statussymbole sind nicht für mein Ego wichtig.
Geschäftlich ja, privat nicht.“ (grinst)
Können Sie sagen, was Sie denken, kurz bevor Sie in den Ring steigen,
um einen Boxkampf auszutragen, der von Millionen Menschen gesehen wird?
„Man denkt sehr konzentriert an die Umsetzung von seinem Plan. Man denkt
an den Plan, was muss ich tun, darauf ist man ganz scharf. Trotzdem
nehme ich natürlich die Fans als Motivation wahr und sie sind mir als
Unterstützung zur Umsetzung meines Plans sehr wichtig.“
Sind Sie im Privatleben nach wie vor Single?
„Genau das ist richtig, ich bin Single und ich bin glücklich. (grinst)
Ich glaube, dass ich natürlich eines Tages heiraten werde, aber dazu
muss ich die richtige Frau finden und im Moment liegt meine
Konzentration voll auf dem Boxsport.“
©Wolfgang Wittenburg - Jegliche Infoauswertung honorarpflichtig
(07/2008)