Mysterious Women, copyright Sylvia Knelles

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Aglaia Szyszkowitz - „Je größer der persönliche Konflikt, umso spannender die Figur!“

Nicht nur im Film verkörpert die in Graz geborene Wahl-Münchnerin oftmals eine Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht. Auch privat hat Aglaia Szyszkowitz als Mutter, Ehefrau und Schauspielerin alles im Griff

Für die Karriere als Schauspielerin ist der Name Aglaia Szyszkowitz fast schon zu schwierig, aber eben auch einprägsam. Jedenfalls hat die gebürtige Grazerin mit Wohnsitz München nie über einen Künstlernamen nachgedacht. Zu ihrem heutigen Traumberuf ist die 40-jährige Tochter eines Unfallchirurgen und einer Psychotherapeutin durch eine fast filmreife Geschichte gekommen: „Ich habe zuerst Medizin studiert, hatte dann aber eine Hepatitis und habe während ich im Krankenbett lag, gedacht, ich probiere es doch noch mal mit der Schauspielerei aus. Obwohl mir alle davon abgeraten haben, habe ich es probiert, die Aufnahmeprüfung geschafft und das Medizinstudium an den Nagel gehängt“, erinnert sich Aglaia Szyszkowitz an ihre beruflichen Anfänge. Neben Achtungserfolgen in „Single sucht Nachwuchs“ und „Das Sams“ ermittelt Aglaia Szyszkowitz seit acht Jahren als Kommissarin Jenny Berlin im ZDF-Samstagkrimi „Einsatz in Hamburg“. Nun ist sie in dem leisen und sehenswerten Familiendrama „Der große Tom“ (27. Februar,  20.15 Uhr, ARD) als im Beruf engagierte Mutter, die ihre drei Kinder jedoch vernachlässigt, zu sehen. Privat ist Aglaia Szyszkowitz im zehnten Jahr verheiratet und stolze Mutter ihrer Söhne Frederic (wird am 26. März 10) und Samuel (4). Im ebenso seltenen wie ehrlichen Interview redet die Mimin über ihre zwei Kinder und ihre Lebensphilosophie:

Mal sind Sie der Typ eigenwillige und charakterstarke Frau, in dem sehenswerten Fernsehfilm „Der große Tom“ (27. Februar, 20.15 Uhr, ARD) vernachlässigen Sie als Mutter Ihre drei Film-Kinder in eklatanter Weise. Gibt es bestimmte Frauenfiguren, die Ihnen persönlich nahe liegen? 

„Als Schauspielerin finde ich grundsätzlich Frauenfiguren mit großem persönlichem Konflikt spannend, da ist es mir egal, ob ich eine Supermarkt-Kassiererin oder eine Star-Anwältin spiele. Je größer der persönliche Konflikt, umso spannender die Figur.“

Ihre Mutterrolle im Fernsehfilm „Der große Tom“ (27. Februar, 20.15 Uhr, ARD) ist überhaupt keine, mit der man als Schauspielerin die Sympathie des Publikums gewinnt. Was hat Sie als Mutter trotzdem daran gereizt?

„Genau das. Der Regisseur Niki Stein und ich haben versucht, die Zerrissenheit und Überforderung dieser Frau zu zeigen. Nicht als Entschuldigung für ihr Verhalten, sondern als realistische Zeichnung einer allein erziehenden Mutter, die finanzielle Probleme hat und  auf der Suche nach Hilfe den falschen Weg einschlägt.“

Sie haben privat selbst zwei Kinder und spielen nun eine Mutter, die Ihre drei Kinder hinten anstellt, die unter anderem lieber mit dem neuen Freund und dessen Kindern das Wochenende verbringt. Sind eigene Kinder bei der Erarbeitung so eines Charakters hilfreich oder eher hinderlich?

„Natürlich hilft es sehr. Die tiefe Liebe zu den Kindern und die Angst, dass ihnen etwas passiert, weil man sich nicht gut um sie gekümmert hat, kennt jede Mutter sehr genau.“

Sie haben mit 19 Jahren eine Schauspielausbildung gemacht und dafür Ihr Medizinstudium aufgegeben? Haben Sie diese Entscheidung mal bereut?

„Nein!“

Wie haben Ihre Eltern auf den Schauspielberuf reagiert?

„Meine Mutter begeistert, mein Vater zögerlich, aber mittlerweile sind sie beide stolz auf mich. Ich verdiene Geld damit, sie sind beruhigt, dass ich nicht auf der Straße sitze. Außerdem habe ich jetzt einen Mann, bin verheiratet und habe zwei Kinder. (lächelt) Ich bin das älteste von vier Mädchen, und kenne ,Theater spielen‘ von zu Hause sehr gut. Ich habe früher mit meinen kleineren Schwestern und Cousinen, die es da zu Hauf gab, Theaterstücke und Musicals aufgeführt. Wir haben eine große Familie, deshalb haben sich da auf Festen immer viele Möglichkeiten ergeben. Ich habe dabei gemerkt, dass mir das liegt, ich das gerne mache und es mir Spaß macht. Es wurde auch von meiner Familie sehr gefördert, ohne das hätte ich es wahrscheinlich auch gar nicht probiert.“

Woher kam der Mut?

„Eigentlich habe ich ernsthaft damit gerechnet, dass ich scheitern werde, weil mir so viele Leute gesagt haben, dass der Beruf so überlaufen ist. Trotzdem habe ich gedacht, dass ich es einfach noch mal ausprobiert haben muss, bevor ich es ganz aufgebe. Ich bin tatsächlich bei der zweiten Prüfung genommen worden und dann ging das alles unglaublich schnell. Wenn man erstmal auf einer Schauspielschule ist, dann ist das wie ein Sog: Man lernt Leute kennen, kriegt das erste Vorsprechen, die erste Rolle u.s.w., u.s.w.“

Sie haben lange Theater gespielt und sind dann erst zum Film gegangen. Wollten Sie dort neue Erfahrungen sammeln?

„Ich bin zum Film gegangen, weil ich am Theater so frustriert war. Am Theater wurde unglaublich viel geschimpft und schlechte Stimmung gemacht. Die Situation ist einfach so: Wenn du fest engagiert bist, dann musst du das spielen, was dir zugeteilt wird. Mitunter hast du schlechte Regisseure, mit denen du dann aber zusammen arbeiten musst. In meinem letzten Engagement war ein Ensemble, in dem alle Angst um ihre Stelle hatten und keiner sich traute, seinen Mund aufzumachen. Das war für mich so frustrierend, dass ich etwas anderes machen, und raus aus dieser Mühle wollte.“

Sie spielen seit acht Jahren mit Erfolg die ZDF-Kommissarin Jenny Berlin im Samstagkrimi „Einsatz in Hamburg“. Welche Gefühle haben Sie im Umgang mit Schusswaffen vor der Kamera?

„Wenn du schießt und es knallt wirklich, dann ist das schon aufregend. Du fühlst dich auf einmal wahnsinnig mächtig und cool, zumindest solange keiner wirklich verletzt wird.“

Mit welchen Gefühlen schauen Sie sich im Fernsehen an?

„Das kann ich nicht beantworten. Es ist immer unterschiedlich.“

Gehen Sie am Tag der Ausstrahlung eines Filmes lieber mit Ihrem Mann Essen, oder setzen Sie sich alleine vor das Fernsehgerät?

„Wenn ich es das erste Mal sehe, dann muss ich es mir immer alleine angucken. Ich muss mir erstmal einen Eindruck von der Arbeit machen, und sehen, wie was geschnitten ist.“

Sie spielen wie nun in „Der große Tom“ oft Mutter-Rollen. Wie hat sich Ihr Leben durch die Geburt Ihrer Söhne verändert?

„Das kann man schwer in wenig Worte fassen. Es ist wahnsinnig schön und es relativiert den Egoismus, den Schauspieler sehr stark haben, auf eine sehr angenehme Weise. Kinder sind  eine Bereicherung und für mich nach wie vor ein Wunder. Ein Kind gibt einem unglaublich viel Kraft, von der man auch zehren kann, wenn man wieder arbeitet. Ich kann nur jedem dazu raten!“ (schmunzelt)

Haben Sie sich einmal überlegt, wegen der Kinder beruflich kürzer zu treten oder sogar damit aufzuhören?

„Ganz wegzustecken, habe ich mir nie überlegt, aber kürzertreten muss ich und das ist manchmal ganz schön schwierig. Es ist eine Sache, die eine Partnerschaft auch erstmal auf die Probe stellt. Es ist ein Kind da und deshalb kann nicht mehr jeder ausschließlich das machen, wozu er Lust hat. Das ist schon eine große Veränderung. Ich bin auch sehr leidenschaftlich Mutter. Ich kann nur schwer den ganzen Tag drehen und Frederic und Samuel gar nicht sehen. Es ist schwierig, sich zu entscheiden, wie viel man arbeitet, was für einen und was für die Kinder gut ist.“

Hat Sie das überrascht oder haben es so erwartet?

„Ich habe mir gedacht, dass es schwierig wird, aber ich habe mir nicht gedacht, dass ich im ,Ernstfall‘ so klar für die Kinder entscheiden werde. Ich dachte immer, wenn du drehst, dann gibt es nichts Wichtigeres, aber ich habe schnell gemerkt, wenn dann dein Baby weint und du weißt, es hat Hunger, dann ist alles andere egal.“

Welche Hobbys haben Sie, neben den Kindern?

„Ein Kind ist kein Hobby, aber über ein Kind entdeckt man neue Hobbys wie zum Beispiel stundenlanges Spazieren gehen.“ (grinst)

 Haben Sie eine Message, die Ihnen auf den Nägeln brennt, und nicht abgefragt worden ist?

 „Es ist das erste Mal, dass mir dazu etwas einfällt: Aber dieses Thema Schauspielerinnen und Kinder ist etwas, bei dem ich es ganz wunderbar finde, dass es langsam öfter mal passiert. Juliane Köhler, Maria Schrader, Marie Bäumer, Meret Becker – ich finde es unglaublich wichtig, dass es selbstverständlicher wird, dass Produktionen Mütter, die stillen oder junge Mütter generell einstellen. Ich denke, wenn da viele an einem Strang ziehen, dann haben Schauspielerinnen wieder eher den Mut, ein Kind zu kriegen. Das ist ein Prozess, der einen menschlich prägt und auch künstlerisch weiterbringt.“

Sie sind vor rund fünf Jahren nach München gezogen, obwohl Sie vorher lange und gern in Hamburg gewohnt haben. Was war der Grund dafür? 

(lächelt) „Ja, das ist absolut richtig. Die Zeit in Hamburg war für mich wirklich schön und ich fühle mich durch meine Zeit in Hamburg immer noch mit der Stadt verbunden. Aber ich habe einen bayerischen Mann und der wollte wieder zurück, und ich muss sagen, mir geht es da unten auch besser.“

Und Sie sind näher an Ihrem Geburtsland Österreich?

„München ist wirklich näher an Österreich, das merkt man auch und das tut mir schon ganz gut.“

Haben Sie gemerkt, dass es mit einem zweiten Kind noch mal etwas anderes ist, die Familie und die Arbeit zu organisieren?

„Ja, du musst ein noch besser funktionierendes System rund um dich aufbauen, weil du beide Kinder organisiert kriegen musst. Aber du bist durch das erste Kind schon ein relativer Profi, also, du weißt, wie du es machst und was du wie einfädelst.“

Konkret?

„Ich habe ein sehr gutes Netz von Kinderfrauen, Schwiegereltern, Freunden und Verwandten. Wenn ich sage, ich muss dringend irgendwo hin, dann ist immer jemand da. Und unsere Kinder, das merke ich auch, sind es gewöhnt, woanders hinzugehen, die sind da relativ unkompliziert, selbst der kleine Samuel, was das Ganze sehr vereinfacht.“

Finden Sie es auch gut, dass Sie für die Arbeit quasi dem Alltag entfliehen? Sie haben „Der große Tom“ zum Beispiel in Frankfurt am Main gedreht.

„In der Regel bin ich sehr gern woanders, weil ich mich dann besser auf die Arbeit konzentrieren kann. Deswegen ist die Zeit zum Drehen für mich auch immer ein besonderer Luxus. Meinen kleinen Sohn habe ich meist mitgenommen. Das ging, so lange er nicht im Kindergarten war und nun kommen mich beide während der Arbeit besuchen.“

Dann vermischen sich Familie und Beruf schon mal?

„Ja, aber wenn beide Kinder und mein Mann bei mir im Hotel zu Besuch sind, dann merke ich, dass mir das schnell etwas zu viel wird. Aber das ist ja immer nur für kurze Zeit – und ich genieße das Alleinsein einfach auch sehr. Ich finde es einen wahnsinnigen Luxus, für fünf Wochen weg zu sein, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren und dann wieder zurück zur Familie zu kommen. Wir leben in München so schön, das ist wirklich ein kleines Paradies.“

Sie sind als Mutter dann wieder leicht in die Familie zu integrieren oder kriegen Sie von den Kindern schon mal Ablehnung zu spüren? 

„Meine Kinder fremdeln in dem Fall schon. Ich muss es schon ertragen, dass der Frederic dann Papa ruft und nicht Mama, wenn irgendetwas ist. Aber das ist halt der Preis und das ist auch okay so. Man muss damit umgehen, aber es ist ja auch nicht so, dass er dann für ein halbes Jahr sagt, Mama, bleib mir vom Leib, sondern zwei Tage später hat er sich wieder an mich gewöhnt und dann darf ich ihn wieder umsorgen.“

Tatsächlich?

„Die erste Woche nach beendeten Dreharbeiten ist immer schwer, weil es so schwierig ist, sich wieder auf Familie einzustellen. Man kann nicht mehr alles selber bestimmen. Du musst dich beim Drehen zwar in den Dreh-Apparat integrieren, aber du hast als Schauspieler, der gute Bedingungen hat, auch große Freiheiten. Das ist schon ein großer Luxus. Und zu Hause musst du dann halt wieder deine Wäsche selber in die Waschmaschine stopfen, den Geschirrspüler selbst einräumen und deine Töpfe selber abwaschen. (lächelt) Keiner fragt dich: Hätten sie jetzt gern einen Tee? Aber das ist auch ganz richtig so und die Umstellung wird mit den Jahren auch leichter, aber der Übergang ist schwierig – immer wieder.“

Glauben Sie, dass Arbeit und Familie in anderen Berufen leichter zu organisieren ist oder schwerer?

„Es kommt natürlich darauf an, wie gut du als Schauspielerin beschäftigt bist – in meinem Fall geht das gut: ich arbeite nur für ein paar Wochen. Ich verdiene genug Geld, um mir eine Kinderfrau zu leisten. Aber wenn du dieses Glück nicht hast und um deine Jobs kämpfen musst, ist es sehr viel schwerer. Ich kenne das von einigen Freundinnen. Du müsstest eigentlich weg und auf Castings, aber du kannst nicht richtig weg, wegen der Kinder. Und wenn du dann einen Job hast und Theater spielst, dann musst du abends immer ins Theater und kannst die Kinder nicht ins Bett bringen. Es ist einfach noch unsicherer geworden in diesem Beruf, es gibt weniger Jobs, Theater wird schlecht bezahlt und Hartz IV hat diese Problematik noch verschärft.“

Können Sie einen Stellenwert in Ihrem Leben zwischen Arbeit und Familie hinkriegen? Muss sich das die Waage halten oder haben Sie die Phase schon hinter sich und momentan wird die Familie wichtiger?

„Sicherlich ist durch das zweite Kind für mich Familie noch wichtiger geworden. Im Laufe der Jahre hat die Familie für mich an Bedeutung gewonnen, bis dahin war mein Leben sehr durch den Beruf dominiert. Trotzdem bedeutet für mich Glück, Arbeit und Familie kombinieren zu können. Ich hasse diese , Wenn Sie sich entscheiden müssten …?‘-Fragen, weil es das Natürlichste auf der Welt ist, dass Frauen arbeiten und Kinder haben wollen.“

Inwiefern würden Sie sagen, dass Ihre Lebensphilosophie aufgegangen ist. Sie sind erfolgreich im Beruf, verheiratet und Mutter von zwei gesunden Kindern. War das immer Ihr Traum?

„Ja, im Grunde genommen schon. Es gab sicher immer den Wunsch, eine große Familie zu haben und einen Beruf zu haben, der mich fordert und mir Spaß macht.“

Was tun Sie zum Ausgleich für Körper, Geist und Seele – einmal nach der Arbeit und dann privat?

(überlegt): „Die heiße Badewanne ist im Winter das einzige, was sich immer nach dem Dreh noch ausgeht, was für mich großartig ist. Und im Sommer ist es das Alleinsein. Bei uns zu Hause kannst du einfach sofort im Wald und in der Natur sein und das ist einfach das, was mich am meisten erdet. Ich bin am liebsten in Ruhe, allein draußen.“

©Wolfgang Wittenburg - Infoauswertung honorarpflichtig (01/2008)