Interview mit Anne Koark

Nach einer Selbständigkeit seit 1996 gründet Anne Koark in 1999 gemeinsam mit einer Geschäftspartnerin ihr eigenes Unternehmen "Trust in Business", das ausländische Firmen in Deutschland aufbaut. 2001 wurde das Unternehmen als das Beste aus über 100 Unternehmen bundesweit mit dem Breakeven Award für Existenzgründer Internetzeitschrift Breakeven.de ausgezeichnet. In der nationalen und internationalen Presse und den Medien wurden Berichte über Anne Koark und ihr Unternehmen veröffentlicht. Ein Highlight der Tätigkeit von Trust in Business war u.a. die Betreuung von Begleitdelegationen des kanadischen Premierministers in Berlin und München in Februar 2002. Im März 2003, meldete Anne Koark für ihre Einzelfirma Insolvenz an. Damit war die private Insolvenz für die Mutter von zwei Kindern auch automatisch ausgelöst. Im offenen Umgang mit dieser Situation macht sie sich Mut auf ihre ganz eigene Art: Sie ist davon überzeugt, dass die Insolvenz nicht das Ende, sondern der Anfang ist. Sie hat sich zum Ziel gemacht, Insolvenz gesellschaftsfähig zu machen. Aus diesem Grunde veröffentlichte sie Artikel zu diesem Thema auf www.wallstreet-online.de und www.changex.de Sie hat außerdem den Verein: B.I.G = Bleib im Geschäft e.V. ins Leben gerufen. B.I.G. soll Insolventen bei der zweiten Chance unterstützen. Außerdem kämpft Anne Koark für eine Entstigmatisierung des Scheiterns, denn sie sagt, dass es immer weitergeht. Anne Koark ist eine gefragte Referentin zu den Themen Insolvenz, Wirtschaft und Ethik. Ihr Buch: "Insolvent und trotzdem erfolgreich" war in 2004 insgesamt 5 Monate und ist seit April 2005 wieder auf der Wirtschaftsbestsellerliste. Anne Koark hat den Lady Business Award 2004 gewonnen und gewann den Sonderpreis beim großen Preis des Mittelstands 2005 . Ihre Bewerbung für den Mutmacher der Nation ist dieses Jahr auch eingegangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ANNE KOARK – PLEITIER – Interview mit Sylvia Knelles

 

„ Die Leserinnen und Leser des Magazins haben Ihre Insolvenzzeit von Anfang an mit verfolgen können. Immer wieder haben wir bei Ihnen nachgefragt. Sie interviewt. Waren auch gespannt, ob Sie Ihr hoch gestecktes Ziel erreichen können. Sie hatten damals zu Beginn die Hoffnung, dass Sie vor Ablauf der Insolvenzzeit Ihre Schulden tilgen könnten. Das ist Ihnen nicht gelungen. War Ihnen von Anfang an klar, welch hohe Kosten der Insolvenzberater verschlingen würde. Dass sich Ihre Schulden dadurch eigentlich erst einmal drastisch erhöhen?“

 

„Ich hatte wirklich am Anfang die Hoffnung, dass ich vor Ablauf der Insolvenzzeit meine Schulden tilgen könnte. Ich habe dieses Ziel nicht erreicht. Dafür gab es mehrere Gründe. Erstens war die Summe, die ich erwirtschaftete nicht hoch genug. Zweitens verschlangen das Verfahren, die Verwertung, die Verwaltung usw. einen erheblichen Teil von dem, was ich erwirtschaftete. Mir war nicht bewusst, wie hoch der Anteil für die Verwertung, Verwaltung und für das Verfahren sein würden.“

 

„Wie viel haben Sie in den Jahren der Insolvenz erwirtschaftet?“

 

„Es hieß im Bescheid über den Schlusstermin, dass der Wert der Insolvenzmasse € 184.993,56 betrug.“

 

„Wie viel ging davon an den Insolvenzverwalter?“

 

„Laut dem gleichen Beschluss bekam der Insolvenzverwalter einschließlich MwSt. € 41.292,46. Es gab am Anfang des Verfahrens eine Rechnung über € 15.847,39 einschließlich MwSt.“

 

„Mussten Sie sich jeden Auftrag, jeden Job von Ihrem Insolvenzverwalter genehmigen lassen?“

 

„Ich musste meinen Insolvenzverwalter über laufende Verträge informieren. Natürlich musste alles an Einkommen gemeldet werden. „

 

„Sie haben sehr viel Zuspruch erfahren. Gab es auch negative Reaktionen, die Ihnen zu schaffen machten?“

 

„Es gab selten negative Reaktionen. Bei einem Vortrag beschwerte sich ein Gläubiger von jemand anders, dass ich mich als Schuldnerin öffentlich zeige. Ich fragte ihn, wie er reagieren würde, wenn er aufgrund seiner offenen Forderungen insolvent werden würde und in einem Monat auf der gleichen Bühne mit der gleichen Fragestellung stehen würde. Er sagte mir, dass er das als unfair empfinden würde, wenn jemand ihm die Frage stellen würde, denn schließlich würde er nichts dafür können, wenn er aus diesem Grund insolvent werden würde. Ich sagte ihm: "Sehen Sie - es gibt viele Gründe, warum jemand insolvent werden kann und ich bin der Meinung, dass ich mich nicht verstecken muss, da ich niemand mit Vorsatz zum Gläubiger gemacht habe.". Ich bin aber um solche vermeintlich negative Reaktionen froh, denn sie geben mir die Möglichkeit, dazu Stellung zu nehmen,. Außerdem bezeugen sie davon, dass Deutschland ein Land der Meinungsfreiheit ist. Manchmal regte sich jemand bei öffentlichen Auftritten auf, dass ich einen Anzug trage. Schließlich sei ich insolvent und sollte mir so etwas nicht leisten können. Erstens hat man Kleidung vor der Insolvenz und in meinem Fall bei den vielen dazu gewonnenen Insolvenzkilos hatte ich gebrauchte Anzüge von Freunden. Aber viel wichtiger - als Schuldner/in ist man doch verpflichtet für die Gläubiger zu arbeiten. Gerade dann unangemessen gekleidet in Arbeitssituationen aufzutauchen, wäre doch meines Erachtens ein Affront gegenüber den Gläubigern, die zu Recht erwarten können, dass man gerade in dieser Zeit so gut arbeitet, wie man nur kann.“

 

„Stehen Sie mit der Insolvenz in der Schufa? Auch nach Ablauf der Insolvenz?“

 

„Die Schufa erfasste die Erteilung der Restschuldbefreiung durch das Gericht als Negativmerkmal und behält diesen Eintrag 3 Jahre lang. Das senkte meine Kreditwürdigkeit von 97,85% auf 30% und das, weil ich mich 6 Jahre lang entsprechend den Anforderungen der Insolvenzordnung nachweislich verhalten habe.“

 

„Was glauben Sie, war Ihr größter Fehler als Unternehmerin?“

 

„Ich denke, dass das schnelle Wachstum der Firma verbunden mit einem unbeweglichen Mietvertrag die zwei größten Fehler waren.“

 

„Was hätten Sie sich, als Sie mit Ihrer Firma ins Straucheln gerieten, am meisten gewünscht?“

 

„Als die Firma ins Straucheln geriet, wünschte ich mir sehnlichst, dass es eine zweite Chance geben würde. So wie ich sie mir damals vorgestellt habe, war es natürlich nicht, da ich dachte, dass diese Chance von außen käme. Aber ich bin felsenfest der Meinung, dass die zweite Chance in jedem von uns steckt und dass wir gemeinsam darauf hinarbeiten müssen, dass die Bedingungen für die zweite Chance am Markt und in der Gesellschaft verbessert werden müssen.“

 

„Ich höre immer wieder, dass Schuldner sich nach dem Tag der Schuldenfreiheit sehnen. Dann aber erst einmal mit der neuen Freiheit gar nicht umgehen können, weil sie viel zu lang mit dem Rücken zur Wand gekämpft haben. Geht es Ihnen auch so?“

 

„Dieser Tag war wirklich ein Tag, den ich heiß herbeigesehnt hatte. Aber ich kann es nur so beschreiben, dass es so ist, als ob man geistig in einer Zelle 6 Jahre lang gesperrt worden ist  und dann geht die Tür auf und man muss sich mit der neu dazu gewonnenen Freiheit erst einmal auseinandersetzen. Es gibt vieles, was schön ist - zum Beispiel endlich wieder das Geld behalten zu dürfen, was man verdient. Aber es gibt Sachen auf dem Wege zurück ins Leben, an die man sich erst einmal wieder gewöhnen muss. Zum Beispiel war es bei mir so, dass ich eine EC-Karte für mein Konto endlich bekam, dass ich aber diese mehrmals am Tag bewunderte, aber monatelang nicht benutzte. Ich hatte Angst, man könnte sie mir wieder wegnehmen.“

 

„Ärgert es Sie im Nachhinein, dass nach den 6 Jahren, in denen Sie ja, was alle öffentlich verfolgen konnten, alles getan habe, um Geld zu verdienen, immer noch nicht aus dem Insolvenzverfahren entlassen wurden, sondern wieder einmal warten mussten?“

 

„Ich denke grundsätzlich - egal ob man öffentlich verfolgen konnte, was man macht oder nicht - dass ein Mensch, der eine zeitbezogene Strafe bekommen hat, ein Recht darauf hat, dass diese Strafe dann zu diesem Zeitpunkt endet. Es hat mich sehr gefreut, als der Bundesgerichtshof im Dezember 2009 seine Entscheidung bekannt gab, nämlich dass die Entscheidung über Restschuldbefreiung 6 Jahre nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens ergehen muss , auch wenn dieses noch andauert.“

 

„Woran liegt es, dass Sie als Insolvente nicht regelmäßig über den aktuellen Stand Ihrer Schuldenbilanz informiert werden?“

 

„Ich kann nur vermuten, dass es daran liegt, dass ein Insolvenzverfahren in Deutschland gar nicht so ausgerichtet ist, dass der Schuldner über viele Informationen verfügt. Man konzentriert sich auf die Pflichten der Schuldner, vergisst aber, dass der Schuldner sich über 6 Jahre motivieren muss, so dass Geld hereinkommt. Informationen über das schon Geschaffte würden sehr helfen. In meiner Gedankenwelt ist ein Schuldner der Arbeitgeber des Verwalters, da aus dem Geld, das er erwirtschaftet, die Honorare bezahlt werden. Demnach wäre es doch logisch, dass man Informationen bekommen.“

 

„Kann es sein, dass es daran liegt, dass zuerst der Insolvenzverwalter aus der Kasse bedient wird?“

 

„Ich glaube nicht, dass er daran liegt, dass die Kosten für das Verfahren und für die Verwaltung und Verwertung abgerechnet werden, dass der Schuldner wenig Informationen bekommt. Ich glaube, dass man allgemein annimmt, dass der Schuldner sich dafür nicht interessiert und dass daher nur bestimmte Mitteilungen für den Schuldner vorgesehen sind. Schade, denn der Motivationsschub ist ganz anders, wenn man mit einbezogen wird. Man darf nicht vergessen, dass ein Insolvenzverwalter schon Geld verdienen muss. Es kann nicht Sinn und Zweck eines Verfahrens sein, dass er kostenlos arbeitet. Es muss meiner Meinung nach angemessen bleiben.“

 

„War Ihnen von Anfang an klar, wie viel des Geldes, das Sie erwirtschaften, für Kosten aufgewendet werden und gar nicht den Gläubigern zukommen würden?“

 

„Ich war so damit beschäftigt zu schauen, was ich arbeiten kann, so dass meine Gläubiger Geld bekommen, dass ich keinerlei Zeit darauf verschwendete, Recherchen über Kosten des Verfahrens, der Verwaltung, der Verwertung usw. anzustellen. Ich nahm einfach an, dass Sinn und Zweck des Insolvenzverfahrens der sei, dass die Gläubiger zu möglichst viel Geld bekommen. Ich hätte mir nicht ausmalen können, dass es so sein könnte, wie führende Experten behaupten, nämlich dass zwei Drittel der Gelder für die Verwertung und Verwaltung drauf gehen.“

 

„Wie schwer oder einfach war es, Aufträge anzunehmen, wenn diese erst abgesegnet werden mussten?“

 

„Mir fiel es nicht schwer Aufträge anzunehmen, da ich stets an die Gläubiger dachte. Ich hatte ihnen versprochen, dass ich mein Bestes für sie in den sechs Jahren gebe und wollte, dass dieses Versprechen eingehalten wird. Es fiel mir allerdings schwer überwacht zu werden. Ich hatte zwar nichts zu verbergen, aber ich war es jahrelang gewohnt selbstständig und unabhängig zu sein. Ich fühlte mich nicht frei.“

 

„Ab wann verfügten Sie wieder über ein eigenes Konto?“

 

„Ich hatte am Anfang ein Sparkonto, da dieses nicht Schufa-geprüft wurde und es war sehr umständlich, immer Geld in bar bewegen zu müssen. Ein Guthaben- Girokonto hatte ich erst ab Januar 2008 - allerdings ohne EC Karte.“

 

„Sie haben auch mit Ihrem Verein viel erreichen können. Wie viele Mitglieder zählt ihr Verein?“

 

„Der Verein hat nicht so viele Mitglieder, weil die meisten Menschen, die sich beim Verein melden, so wenig Geld haben, dass sie eine Mitgliedschaft nicht bezahlen können. Kontaktaufnahmen hatten wir aber mehrere Tausend. Ich denke, dass der Verein neben einem Austausch zwischen den Betroffenen und einen Weg aus der Isolation auch ein Sammelbecken bildete für die vielen Probleme, die es mit der Handhabung der Insolvenzen gibt. Damit kann der Verein auch nach vorne gehen und versuchen, auf diese Probleme aufmerksam zu machen.“

 

„Werden Sie wieder eine neue Firma gründen?“

 

„Ich bin nach wie vor selbstständig. Es gibt noch so viel zu tun, um die Stigmatisierung dieses Themas zu entfernen, dass ich keine Zeit hätte, mich voll einer Firma zu widmen. Deshalb würde ich im Moment nicht gründen, obwohl ich jetzt für die beste Zeit halte, um zu gründen. Die erfolgreichsten Firma gründeten in schwierigen Zeiten und hatten den Vorsprung, bis die Anderen auf die Idee kamen, dass sie gründen könnten.“

 

„Was werden Sie ändern, wo Sie wieder FREI sind?“

 

„Es hat sich viel in den sechs Jahren sowieso geändert. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass man viel gewinnen kann, wenn man verliert. Das möchte ich nicht ändern. „Das einzige, was ich lernen muss, ist dass es nun wirklich OK und nicht übertrieben extravagant ist, ein Kaffee in der Stadt zu trinken. Wenn man das sechs Jahre nicht gemacht hat, dann ist es normal geworden, dass man es nicht darf.“

 

„Was ändert sich in Ihrem Leben durch die neue Freiheit?“

 

„Die größte Änderung ist, dass ich irgendwann meine Visitenkarten ändern muss, so dass Ex-Pleitier darauf steht. Wer hätte je gedacht, dass EX- sich so toll anfühlen könnte.“

 

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Das zweite Buch von Anne Koark "Zurück auf Start" ist im März 2010 im Eichborn-Verlag erschienen

 

Copyright: Sylvia Knelles

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Mysterious Women Magazin

Interviews:
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Katerina Jacob

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