Dieter Wedel

 

am 20. und 21. Januar 2010 strahlt Das Erste (ARTE am 15. Januar 2010 ab 20.15 Uhr) den neuen Dieter-Wedel-Zweiteiler "Gier" aus. Erfolgsregisseur Dieter Wedel hat bei diesem packenden Film, der zugleich Komödie und Thriller ist, nicht nur Regie geführt, sondern auch - nach umfangreichen Recherchen - das Drehbuch geschrieben. Mit Ulrich Tukur, Jeanette Hain, Devid Striesow, Heinz Hoenig, Sibel Kekilli, Uwe Ochsenknecht, Harald Krassnitzer, Marion Mitterhammer, Katharina Wackernagel, Kai Wiesinger, Regina Fritsch, Anouschka Renzi, Bibiana Beglau, Mariella Ahrens, Cordula Trantow u.v.a. konnte ein hochkarätiges Staraufgebot für diesen Film gewonnen werden.

Zum Inhalt: Der charismatische Finanzmagier Dieter Glanz (Ulrich Tukur) hat offenbar die Lizenz zum Gelddrucken. Seine begeisterten Anleger schwärmen von außergewöhnlichen Renditen. Auch der junge Immobilienmakler Andy Schroth (Devid Striesow) lässt sich von der Profitgier anstecken. Er leiht sich Geld von Kollegen und von seinen Eltern und schafft es, in den kleinen Kreis exklusiver Investoren aufgenommen zu werden. Gemeinsam mit Dieter Glanz feiert er rauschende Partys und träumt vom ganz großen Reichtum. Noch ahnt niemand, dass die Freigebigkeit von Glanz, der Luxus, mit dem er sich umgibt, nur Mittel zum Zweck sind. Die Anleger sollen in Sicherheit gewiegt werden, nicht durchschauen, dass sie selbst es sind, die den riesigen Aufwand finanzieren und immer wieder frisches Geld investieren ...

Dieter Wedel stellte sich in Hamburg den Interviewfragen zu seinem neuen Film „Gier“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview mit Dieter Wedel. Copyright Sylvia Knelles

 

„Sie führen wieder Regie und Sie haben das Drehbuch geschrieben. Haben Sie Angst vor den Drehbuchschreibern oder haben Sie Angst vor den Regisseuren?“

 

„Vor allem einmal vor den Regisseuren, weil das, was ich unter Regisseur verstehe, gibt es ja heute kaum noch. Die Produzenten und die Redakteure der Sender definieren den Regisseur inzwischen als Oberaufnahmeleiter. Der ist eigentlich nur noch dazu da. Er sagt den Schauspielern nichts mehr. Er ist nur noch dazu da die Wünsche der Produktion mit den Bedürfnissen der Schauspieler, die wenn sie spielen zumindest im Bild sein müssen, auszugleichen. Aber das, was ich als Regie, als Erarbeitung eines Hintergrundes, als Arbeit an der Szene definiere, das gibt es heute kaum noch. Da ist die Zeit nicht dazu da. Es ist auch nicht gefragt. Der Produzent macht den Film, der Cutter, der heute da war hat mir gesagt, er hat zum ersten Mal erlebt, dass der Regisseur immer neben ihm saß und das er den Schnitt bestimmt hat und nicht der Produzent. Ich will ja nichts dagegen sagen. Wenn der Produzent besser schneiden kann als der Regisseur, dann soll er es ruhig machen. Es sollte nur nicht von vorneherein so sein, dass eine bestimmte Berufsgruppe einfach beseitigt wird. Es ist ja auch gar nicht üblich, dass Regisseure noch genannt werden oder dass sie in einer Pressekonferenz mit vorne stehen. Das war ja heute eine Ausnahme. Normalerweise kommen Regisseure ganz hinten unter ferner liefen nach der Kostümbildnerin.“

 

„Also ganz hinten am Abspann.“

 

„Genau. Ich habe vor 17 Jahren durchgesetzt, dass Fernsehspiele vorne die Schauspieler nennen dürfen. Das war bei Bellheim. Da musste ich zu Stolte (ehemaliger ZDF Intendant), der eine Sondergenehmigung gab. Bis dahin gab es nur den Titel und den Autor. Notfalls noch den Regisseur. Mir unvergesslich, dass Stolte damals zu mir sagte: „Herr Wedel, Sie nehmen sich dadurch selbst was weg, wenn Sie da vorne die Schauspieler nennen.“ Aber wir haben so tolle und die wollte ich auch vorne nennen. Adorf, Quadflieg, Korte und so weiter. Heute wird jeder Fahrer im Vorspann genannt. Ich habe gesagt: „Nein, wir machen den Vorspann so und so.“ Ich wollte auch nicht, wenn die Szene beginnt oder der Text, dass da noch Namen stehen. Dann sehe ich den Film bei der Mischung wieder, da gehen die Namen weit in die erste Szene hinein. In der Hotelszene stehen alleine acht Redakteure drauf, die ich nie gesehen habe. Ich habe gesagt, dass das überhaupt nicht in Frage kommt, das das weg sein muss. Dann hat man mir gesagt: „Das entscheiden nicht Sie. Da hat der Regisseur überhaupt nichts zu sagen.“ „Gut“ habe ich gesagt, „Dann verschwindet mein Titel.“ Wenn ich Müller heißen würde, wäre es denen völlig wurscht gewesen. So kam wörtlich: „Der Name bringt aber was. Folglich muss er bleiben.“ Und dann wurde nur mit dieser Drohung der Titel so gemacht, wie ich sie haben wollte. Das kann doch nicht wahr sein. Da stimmt doch etwas nicht mehr. Allein beim Vorspann gibt es mittlerweile so viele Bestimmungen, dass Sie gar nicht mehr wissen, wen sie noch nennen können und wen nicht. Ich bin ja extra hingegangen und habe die ganzen berühmten Namen in eine Reihe gestellt.“

 

„Das ist mir auch sofort aufgefallen. Ist nicht zu übersehen.“

 

„Ja natürlich. (lacht) Es ist doch albern. Das bringt ja den Zuschauern noch was. Das interessiert sie, aber doch nicht der Aufnahmeleiter. Das soll hinten stehen und wenn einer das lesen will, dann soll er langsam schalten. Aber doch nicht die Leute damit strapazieren oder uns kostbare Filmzeit wegnehmen. Inzwischen ist eines das allerwichtigste bei den Sendern. Das es 90 Minuten sind und keine Minute länger. Am besten noch 89,30, weil sie wollen ja unbedingt noch zwei Trailer senden. Um Gottes willen zwei, obwohl das Programm es gar nicht hergibt. Es wird alles betrailert mit dem Ergebnis, dass diese Bilder überhaupt keine Wirkung mehr haben. Es ist von einer solchen Überbürokratisierung und das erzähle ich auch in meiner Biographie. Es hat doch dem Fernsehen nicht geschadet, dass man auch mal einen Film von 120 Minuten gemacht hat. Bellheim war 4 x 110, 120 Minuten. Der fünfte Teil vom Schattenmann war 150 Minuten. Hatte 10 Millionen Zuschauer. Gut, die Zeiten sind andere, aber es hat dem Sender damals nicht geschadet. Ganz im Gegenteil. Und dem Zuschauer hat es nachhaltig gefallen, die Filme sind ja noch in Erinnerung. Neulich hat mir ein ganz junger Mann, ich bin von Bad Nauheim, wo ich aufgewachsen bin, nach Frankfurt gefahren, die ganze Zeit vom Schattenmann vorgeschwärmt. Es wäre sein Lieblingsfilm. Er hat die DVD und schaut ihn sich immer mal wieder an.“

 

„Schreiben Sie Ihre Drehbücher immer noch mit der Hand?“

 

„Ja, immer noch“. (lacht)

 

„Immer noch mit dem Füller?“

 

„Ja, immer noch. Das werde ich auch nicht mehr ändern. Es ist ein Handwerk.“

 

„Wenn Sie das Drehbuch schreiben; haben Sie irgendwann das Gefühl, das ist jetzt rund? Gibt es so einen Moment, wo Sie wissen, jetzt ist es alles stimmig? Oder arbeiten Sei sich wie ein Handwerker von einer Szene zur nächsten? Haben Sie das Endziel stets im Auge?“

 

„Ich weiß manchmal gar nicht, wie es ausgeht. Ich weiß den Schluss nicht. Ich habe auch manchmal den Eindruck, dass es nicht läuft. Dann kann ich es nicht erzwingen. Dann habe ich furchtbar schlechte Laune, Dominique (seine Lebensgefährtin) kann da ausführlich drüber berichten. Manchmal fängt es an mit einem zu schreiben und dann schreibt man auch hinter den Figuren her Und dann entwickelt sich eine Szene auch ganz anders, als ich das geplant habe. Völlig anders. Und plötzlich ist man auch viel zu lang. Das ist jetzt das Problem mit diesem Formatfernsehen. Ich sehe das ja ein, das ist ja überall auf der Welt das Problem, nicht nur in Deutschland. Aber wenn sie nicht ganz so nach Plan arbeiten, dann müssen sie ja irgendwo anders kürzen. Und ich schreibe mich durch verschiedene Fassungen immer mehr an die Figuren ran und versuche auch immer mehr zu verdichten. Ein paar Schauspieler, die die alte Fassung gelesen haben, haben mir gesagt, die ist besser, weil sie so immer mehr nur noch auf einen Satz reduziert ist. Komprimiert. Und dann haben sie aber bei den Dreharbeiten gesagt, „Alles was Sie gestrichen haben, haben Sie zwar nicht verbal, aber plötzlich wieder inszeniert“ Es wurde alles gespielt und es hat eigentlich dann kein Satz gefehlt.“

 

„Ist Mallorca ein guter Platz zum Schreiben?“

 

„Ja.“

 

„Wegen der Ruhe? Wegen dem Abstand?“

 

„Ich habe da eine wunderbare Möglichkeit einfach ganz bei mir zu sein, mit dem Licht und der Sonne habe ich einfach gute Laune und es ist natürlich ein Entscheid zur Einsamkeit. Für meine Lebensgefährtin ist es schwierig. Ich bin dann kein guter Gesprächspartner. Da lese ich mal was vor. Wenn sie dann sagt: „Das habe ich nicht kapiert“, fange ich an zu schimpfen oder sage „Du hast überhaupt keinen Humor.“ Dann gehe ich aber in mein Zimmer und schreibe es um. Und lese es ihr wieder vor. Wenn sie dann lacht, dann ist es ok.“

 

„Dann will ich mal für mich auf Mallorca setzen. Ich werde nächste Woche dort an meinem Drehbuch „Clara“ (www.blues-in-rose.de) arbeiten.“

 

„Sie werden merken, dass es einfach inspiriert, das wunderbare Licht, die Ruhe und man kann auf der Liege liegen und nachdenken. Ich habe immer einen Block dabei. Manchmal ist es ein Satz oder eine Haltung. Sie beobachten einen Menschen und denken plötzlich: „Das kann ich gebrauchen.“

 

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie in Rente gehen.“

 

„Ich bin ja schon in Rente.“

 

„Eigentlich. Und uneigentlich?“

 

(Lacht) „Nein, das kann ich mir auch nicht vorstellen. Man muss in unserem Beruf immer wieder fähig sein, sich immer wieder neu zu erfinden. Man muss andere Erzählweisen zulassen. Ich habe früher zum Beispiel immer in langen Einstellungen erzählt. Das entspricht nicht mehr dem Atem der heutigen Zeit. Das hätte auch dieser Geschichte (Gier) nicht entsprochen, die etwas Atemloses haben soll. Also habe ich auch über die Ästhetik des Films nachgedacht und es anders erzählt, als meine anderen Filme. Heute haben mir immer wieder Leute erzählt: „Das ist ein typischer Wedel. Dieser Hieb auf die Telekom. Das würden nur Sie machen. Es hat mir heute jemand gesagt: Als ich den Satz hörte, Der Staat hat mich mit der Telekom mehr beschissen, als es Dieter Glanz konnte“, hätte ich gewusst es ist von Ihnen, auch wenn ich vorher nicht die Ankündigung gelesen hätte. Aber es ist anders erzählt. Und das muss man immer wieder machen. Solange man neugierig ist auf Menschen und auf Stoffe und es einfach toll findet. Ich habe mein Leben ja immer schreibend und spielend bewältigt. Das würde ich gerne noch eine Weile machen. Wenn man mich lässt.“

 

„Hecken Sie denn schon was Neues aus?“

 

„Ja ich sitze sowohl an einer  Komödie über Mallorca. Das würde ich gerne machen und über eine Geschichte, die ich schon lange vorhabe und jetzt wieder herausgekramt habe über den letzten Staatszirkus der DDR, der in die Marktwirtschaft übergeführt wird. Und alle marktwirtschaftlichen Vorstellungen der Treuhand scheitern an den Tierschutzbestimmungen. Wunderbare Geschichte. Und auch so eine König von St. Pauli Situation. Eine kleine Gruppe von aus der Gesellschaft rausfiltrierten, die aber nicht so ohne Weiters wieder zurückgeführt werden können. Die Gesellschaft kämpft um ihr Zuhause, verliert es und Drumherum verändert sich die Welt. Ein alter Clown dieses Zirkus hat mir erzählt, dass er ganz berühmt in der DDR war , in Rumänien, Russland. Im Westen kannte ihn plötzlich keiner mehr. Und plötzlich war er nicht mehr komisch. Die Leute haben schon gelacht, wenn er auftrat, aber plötzlich lachte keiner mehr. Plötzlich hat ihn der Mut verlassen Eine wunderbare Geschichte. Die Spekulanten, die dann auf dieses Winterquartier dieses Zirkus scharf sind und auch die Gesetze gebrochen haben, das wäre auch wieder so eine Mischung aus Erfindung und Realitätsopartikeln, das was ich brauchte, um bei der Geschichte, das ist ganz am Ende eine Wendung gibt, wo die wiederum den Spekulanten ein Schnippchen schlagen. Aber das weiß ich noch nicht. Ich bereite aber auch neue Festspiele in Dresden im Zwinger, nach dem Vorbild von Worms, wo wir eben auch ein „August der Starke Stück“ im Moment entwickeln. In Worms mache ich eine Ersatzinszenierung mit dem Titel "Teufel, Gott und Kaiser" über den Stauferherrscher Friedrich II, also eine Uraufführung. Das sind alles so Projekte, die im Moment so nebenher laufen. Es gab dann auch von Schächter eine Anfrage, ob wieder uns mal treffen. Da ist schon eine tiefe Verbundenheit zum ZDF. Das habe ich gemerkt. Das hatten sie auch nicht so ganz so gerne, als ich plötzlich bei der ARD war. Es war ja eigentlich abgesprochen, dass das der Abschiedsfilm von Jörn Klammroth wird. So hatten wir das über viele Jahre verabredet. Wenn er in Pension geht, machen wir vorher noch einen Film. Jetzt hat er verlängert.“

 

„Ein Schelm, wer jetzt Böses dabei denkt. Da müssten Sie ja eigentlich noch einen Film nachlegen.“

 

(lacht)„Da habe wir noch nicht drüber gesprochen. Er ist ein besonders netter Mann, auch ein sehr kluger. Er sieht ja überhaupt nicht so aus, wie er ist. Ich habe früher immer gesagt, er könne auch ein Beerdigungsunternehmen leiten, aber es ist einer der witzigsten Männer, die ich kenne, auch der der spitzesten Bemerkungen. Er hat mich in Südafrika besucht und ich bin eigentlich nicht sehr glücklich über Besuche, denn das lenkt mich alles ab. Aber über seinen Besuch habe ich mich gefreut. Da habe ich mich auch wirklich gefreut, abends mit ihm essen zu gehen, weil ich wusste, ich lache wieder den ganzen Abend. Das ist einfach toll.“

 

„Es wird ja oft gesagt, dass Südafrika ein sehr schwieriger Drehort ist, gerade wegen der Sicherheit. Haben Sie die Erfahrung auch gemacht? Es gibt in Gier ja auch Szenen, in denen durch die Slums gefahren wird.“

 

„Ja, da muss man schon ein bisschen vorsichtig sein, aber in Kapstadt eigentlich nicht und es war einer der tollsten Drehorte und schönsten Plätze der Welt. Alleine, wenn Sie dort in dieses Lokal gehen, Grand Roche in Paarl, außerhalb von Kapstadt, das ist wunderbar. Wir kamen auch überall rein, es wurde alles ermöglicht. Das Grand Roche hat noch nie ein Fernsehteam drehen lassen. Ich wurde aber dann zum Essen dort eingeladen, weil die mir sagten, sie sollen wenigstens mal ein tolles Lokal sehen. Wir müssen was Entsprechendes suchen. Und dann kam der Kellner hinter mir her und fragte: „Sind Sie nicht der Regisseur aus Deutschland?“ „Drehen Sie hier einen Film?“ Ich sagte. „Ja und am Liebsten würde ich hier bei Ihnen drehen. Dann haben Sie den Geschäftsführer, den Inhaber geholt, der muss da leben, weil er in Deutschland Steuern hinterzogen hat, dessen Lieblingsfilm ist die „Affäre Semmeling“. Da durften wir plötzlich drehen, alles wurde uns ermöglicht.“ 

 

 

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