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Jutta Speidel Interview
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zu: „Richterin ohne Robe“, 28. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF
Die Münchner Schauspielerin und Powerfrau im offenen Interview über das Drehen in Gerichtssälen, die Bedeutung von Preisen und ihre Töchter
Jutta Speidel „Mit Liebesszenen habe ich mich schon immer schwer getan!“
Wer so viel Erfolg erntet und Zuspruch erfährt, dadurch Zufriedenheit erlangt, der möchte etwas von seinem Lebensglück an andere Menschen weiter geben: So ist es jedenfalls bei der Schauspielerin Jutta Speidel (55), die deshalb vor zehn Jahren das Münchner Hilfsprojekt „Horizont e.V.“ ins Leben gerufen hat und damit obdachlosen Müttern und deren Kindern ein Zuhause bietet. Als Schauspieler ist Jutta Speidel sehr gut beschäftigt und nun als Floristin und Schöffin in „Richterin ohne Robe“ (28. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF) zu sehen. Privat war die Tochter eines Münchner Patentanwalts lange Zeit allein erziehende Mutter von Franziska (24) und Antonia (21), deren Lebensweg sie nun liebevoll begleitet. Im Frühjahr 2003 hat die muntere Mimin ausgerechnet bei Dreharbeiten zu „Das schönste Geschenk meines Lebens“ den italienischen Schauspiel-Kollegen Bruno Maccallini (49) erst kennen und später dann auch lieben gelernt. Gerade hat das Paar das Buch „Wir haben gar kein Auto“ (192 Seiten, Ullstein-Verlag, ISBN 978-3-548-37318-8, 8,95 Euro) über eine gemeinsame Radtour über die Alpen veröffentlicht. Im offenen Interview redet Jutta Speidel über das Drehen in Gerichtssälen, die Bedeutung von Preisen und ihre Töchter:
Mussten Sie lange überlegen, als das Angebot zu „Richterin ohne Robe“ (Sendung: 28. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF) kam oder ist das Thema Schöffin am Gericht persé ein interessantes? „Ich kannte die Geschichte schon in eine ganz frühen Stadium, als es nur ein Exposé war. Da wurde es mir angeboten, ob mich die Geschichte interessieren würde. Das hatte eine etwas längere Entstehungsgeschichte, es war nicht so, zack geschrieben und zack gedreht, sondern das brauchte auch etwas Überredungskunst der Produzentin, was den Sender angeht.“
Können Sie das nachvollziehen? „Ich weiß gar nicht, warum, denn ich fand die Idee außerordentlich spannend, dass eine normale Person, die gar nichts dafür kann, plötzlich eine Einladung als Schöffin zu Gericht kriegt und sich noch nicht einmal dagegen wehren kann. Daraufhin wird die Frau aus ihrem Leben heraus gerissen, sie kann ihren Alltag nicht mehr leben, was ich persönlich ganz furchtbar finde, so eine Fremdbestimmung zu haben. Zusätzlich wird diese Frau dann aber auch noch in einen Fall hinein geschubst, wo ich sagen würde, ich will das nicht? Ich will nicht verantwortlich sein, einen Menschen, der eventuell der Täter ist oder aber auch nicht, den zu verurteilen. Ich finde das ist absolut heftig und ich wäre privat entsetzt, wenn ich in dieser Situation wäre. Ich weiß, dass man da wenig Chancen hat, herauszukommen.“
Man müsste wohl eine Straftat begehen und sich dabei erwischen lassen, dann kann man als Bundesbürger nicht mehr in das Ehrenamt eines Schöffen bei Gericht berufen werden.
„Echt? Das ist aber auch eine gruselige Möglichkeit.“ (lächelt)
Bei „Richterin in Robe“ gibt es eine Kuss- und auch eine Liebesszene mit dem Kollegen Udo Wachtveitl. Sind das für Sie die schwierigen Szenen? (schmunzelt): „Na, ja, es ist immer etwas komisch einen Partner, der einfach nur ein Filmpartner ist und nicht ein wirklicher Partner, zu küssen und mit dem eine Liebesszene zu haben. Da habe ich mich schon immer schwer getan, und je älter ich werde, umso mehr tue ich mich schwer damit. Aber den Udo kenne ich lange und ich mag ihn sehr, und er mag mich auch gerne. Insofern war das auch in Ordnung. Aber ich finde es so süß, denn er war ja nicht weniger befangen.“
Hat sich das womöglich mit dem Italiener in Ihrem Privatleben verändert? Ist Bruno Maccallini eifersüchtig, wenn er solche Szenen im Film sieht?
„Nein, der Bruno ist ja in dem gleichen Beruf und er sieht es ganz genauso professionell. Hier war es so, dass er den Udo auch kannte, denn die beiden haben schon mal miteinander gedreht und sehr viel Spaß zusammen gehabt.“
Sie haben über Ihren Lebenspartner gesagt, dass er ein Pascha wie aus dem Lehrbuch ist, aber Eifersucht gibt es nicht, denn das steht den Italiener per Lehrbuch auch zu?
„Der Italiener liebt ja ansich das Große, Tetrino, und deshalb kommen bei uns nicht mal kleine Eifersüchteleien vor. Im Großen und Ganzen ist das sehr entspannt, denn wir könnten die Form von Leben, wie wir sie leben, mit Eifersucht gar nicht leben, das ginge nicht. Wir sehen uns manchmal vierzehn Tage nicht. Wie soll denn das funktionieren, wenn man sich ständig darüber Gedanken macht: was macht denn der andere? Ist es jetzt gerade da, wo er gesagt hat, dass er hingeht? Eifersucht ist bei uns kein Thema, Gott sei Dank!“
Wenn man als Normalsterblicher einen Gerichtssaal betritt, dann wirkt das sehr imposant und man hat das Gefühl, man wird irgendwie etwas kleiner. Wie ist es Ihnen beim Drehen ergangen?
„Es ist nicht das erste Mal, dass ich Gerichtsszenen gedreht habe. Ich habe in ,Anwalt Abel‘ schon die Staatsanwältin gespielt, in ,Donna Roma‘ und auch in anderen Filmen habe ich Gerichtsszenen schon erlebt gehabt. Ja, so ein Gericht ist natürlich immer auch eine sehr konservative Geschichte. Dieses Denken in einem Gericht ist sehr pragmatisch und auch konservativ. Es ist selten, dass man einen Film, wo sich dort jemand Freiheiten herausnimmt. Da wird dann immer sofort gemaßregelt, auf den Tisch geklopft und: Ruhe, bitte! Es ist etwas furchteinflößend, ja, vielleicht.“
Denn Ihre Figur in „Richterin ohne Robe“ verändert sich in einem Gerichtssaal nicht groß. Bettina Hinrichs stellt die Fragen, die sie meint, stellen zu müssen, obwohl ihr gesagt wird, dass Schöffen am besten gar keine stellen sollen.
„Man hat als Schöffin die Chance, eine gewisse Anzahl von Fragen zu stellen, das wird dir eingeräumt, das haben wir nämlich recherchiert. Und die Fragen, die für sie wichtig waren, hat Bettina Hinrichs gestellt. Was ich aber ganz brutal finde, ist, dass die Schöffen vorher nichts wissen. Du hast vor dem Prozess keine Akteneinsicht, sondern du kommst da am Verhandlungstag an und dann wirst du vor den Fall gesetzt. Du kriegst nur die allernötigsten Informationen, denn du sollst völlig unbeeinflusst in dem Gerichtssaal sitzen und dir einen Reim daraus machen, was die Zeugen sagen, was der Angeklagte und was die Rechtsanwälte sagen. Es gibt kleine Besprechungen, die dürfen aber nicht mit Staatsanwalt und Richter geführt werden, sondern es können die Schöffen untereinander miteinander reden, ansonsten ist es ein Gemauschel. Du bist verdammt alleine – und das fand ich ziemlich schlimm.“
Ist das genauso spannend zu drehen, wie es im Film hinterher für das Publikum wirkt? Es gibt eine Szene, in der Bettina Hinrichs in ihre dunkle Wohnung kommt – und es befindet sich noch ein fremder Mann darin, der die Räume verwanzt hat.
„Du musst sicher so eine Spannung auch darstellen, es ist aber auch die Sache einer guten Kamera, die das baut.“
Kann „Richterin in Robe“ von Ihnen aus weitergehen? „Sie sind jetzt der Vierte, der mich das fragt. Das ist eine erstaunliche Sache, denn außer dieser Journalisten hat sich bei ZDF darüber keiner Gedanken gemacht. Für mich war das eine abgeschlossene Sache. Für mich war das ein Fernsehspiel, aber man hat natürlich vollkommen Recht mit dieser Frage, denn Bettina Hinrichs ist jetzt Schöffin und das ist sie ja auf Jahre hinaus. Ich denke, es gibt da unendlich viele Möglichkeiten, wo man die ,Richterin ohne Robe‘ weiter führen könnte. Aber ich habe vom ZDF überhaupt keine Anfrage gekriegt, ob das weiter machen möchte – aber ich würde sagen: Ja, nichts dagegen!“ (lächelt)
Wie haben Sie persönlich Ihre beiden Töchter in der Pubertät erlebt? Gab es irgendwann mal annähernd solche Probleme, wie sie Bettina Hinrichs als allein erziehende Mutter mit ihrer Tochter im Film hat?
„Gott sei Dank ist mir die Klauerei wie bei der Filmtochter erspart geblieben, ich hätte mich auch ungern auf der ,Bild‘-Zeitung vorne gesehen wie dass so mancher Kollegin passiert ist. Ich glaube aber, derjenige, der behauptet, er hätte noch niemals in seinem Leben auch nur irgendetwas geklaut, der lügt. In unserem Buch ,Wir haben gar kein Auto‘ – über unsere Erlebnisse bei einer Radtour über die Alpen – habe ich zum Beispiel beschrieben, dass ich im Vinschgau zwei Äpfel klaue – ich bin sofort bestraft, weil mich eine Wespe in den Fuß gestochen hat. (lacht laut) Also Mundraub, dass kennen wir alle – wie oft habe ich das als Kind auf dem Land getan.“
Im Film „Richterin ohne Robe“ klaut Ihre Filmtochter mehrfach in einem Laden Jeans – wie würde Sie dann reagieren?
„Da würde ich mit Sicherheit sehr stinkig sein, und das zweite wäre natürlich, dass ich sie mir zur Brust nehmen würde und fragen würde: Warum hast du das gemacht? Ist es, weil du den Kitzel brauchst? Ist dir dein Leben zu langweilig? Brauchst du diesen Kitzel, dass du vielleicht erwischt wirst, vielleicht aber auch nicht und dann hast du diesen Triumph, dass dur etwas geklaut hast? Oder kannst du nicht leben? Hast du zu wenig Taschengeld?“
Würden Sie so reagieren wie im Film, wenn Ihre Tochter dessen beschuldigt wird und Nein sagt, dann stehen Sie auch ohne wenn und aber hinter ihr?
„Also, ich kam nicht in so eine Situation, ich habe das nie erlebt. Sicherlich habe ich aber keinen Grund an meine Töchtern zu zweifeln, weil ich meine Töchtern immer gesagt habe – und das funktioniert bis heute so –, dass sie mit mir über alles reden können. Gestern Abend war ich gerade wieder sehr erstaunt, als meine eine Tochter mich anrief und mir etwas gesagt hat. Ich habe grundehrliche Kinder! Es hat funktioniert, dass ich ihnen von kleinauf gesagt habe, jeder von uns macht Fehler, wenn du aber einen machst, dann stehe auch dazu. und dann rede auch darüber. Dann wird dir mit Sicherheit weniger der Kopf abgerissen, als wenn man hinter etwas kommt. Meine Kinder sagen manchmal zu mir: ,Mama, du hat das gar nicht gemerkt.‘ Dann sage, ich, okay, ich habe es nicht gemerkt, aber es hat mich dann auch nicht belastet. Ich habe auch meine kleinen Geheimnisse und vielleicht merkt ihr auch manche Sachen nicht – es sei Kindern eingeräumt, dass sie kleine Geheimnisse haben. Ich finde es aber ganz wunderbar, wenn du es schaffst, mit deinen Kindern so ein Verhältnis zu haben, dass sie zu dir kommen, wenn sie irgendwo etwas pikt. Das finde ich toll! Und es ist traurig, wenn das nicht so ist, denn Bettina Hinirichs geht sehr auf ihre Tochter ein und ist ein tolle Mutter.“
Sie haben für Ihre Schauspielarbeit schon einige Preise bekommen – was haben die für eine Bedeutung und wie und wo bewahren Sie die auf?
„Ich habe Zuhause ein Bücherregal und da stehen die Preise alle obendrauf. Meine Mutter sagt immer: ,Jetzt hast du das Bundesverdienstkreuz, jetzt hänge es dir doch mal um.‘ Dann sage ich, Mama, ich geniere mich. ,Doch, das ist deine Verpflichtung.‘ Okay, dann stecke ich es mir ganz klein ans Revers. Ich finde es etwas unzeitgemäß, mit so einem Orden herum zu laufen.“
„Richterin in Robe“ läuft am 28. Dezember – wie sieht das Weihnachtsfest und Silvester in diesem Jahr bei Ihnen aus?
„Silvester weiß ich noch gar nichts, weil uns leider unser Ski-Quartier wieder aufgekündigt wurde, was wir im Herbst gebucht hatten. Weihnachten ist der Bruno mit seiner Familie zusammen und ich bin es mit meiner.“
©Wolfgang Wittenburg - Jegliche Infoauswertung honorarpflichtig (12/2009) |

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