Interview mit Robert Atzorn

zu: „Bis nichts mehr bleibt“, 31. März, 20.15 Uhr, ARD

 

Für eine kleine, aber wichtige Rolle in einem starken ARD-Film verzichtete der Schauspieler darauf, seinen 65. Geburtstag in Familie zu feiern und gab lieber Interviews wie dieses

 

Robert Atzorn

„Gelassenheit ist mein Lebensprinzip!“

 

Für den Schauspieler Robert Atzorn war und ist die möglichst breite Vielfalt an Charakteren stets der berufliche Antrieb. Durch Erfolgsserien wie „Unser Lehrer Doktor Specht“ und „Oh, Gott, Herr Pfarrer“ wurde der Vater von zwei erwachsenen Söhnen zum Publikumsliebling und überraschte und überzeugte das Publikum genauso im Alkohol-Drama „Mein Mann, der Trinker“. Dass sein aktueller Fernsehfilm „Bis nichts mehr bleibt“ (Sendung: 31. März, 20.15 Uhr, ARD) dem sympathischen Schauspieler wichtig ist, sieht man daran, dass Robert Atzorn dafür am Vorabend seines 65. Geburtstages an einer Vorab-Vorführung des Films mit Kollegen teilnahm, um an seinem Ehrentag selbst, dem 2. Februar, dafür in Hamburg Interviews zu geben. Obwohl Robert Atzorn in seiner Rolle als gut situierter Hamburger Reeder, dessen Tochter in die Fänge der Scientology-Sekte gerät, eher eine kleinen Part in dem starken Film übernommen hat, hat Robert Atzorn keine Minute daran gedacht, seinen 65. Geburtstag vielleicht mit Ehefrau Angelika (60) daheim am schönen Chiemsee zu verbringen. Im offenen Interview redet Robert Atzorn über seine Erfahrungen mit Sekten und seine damit verbundenen Ängste als Vater:

 

Sie spielen eine der wichtigen Nebenrollen in dem gut gemachten Fernsehfilm „Bis nichts mehr bleibt“ (Sendung: 31. März, 20.15 Uhr, ARD), der sich als erster deutscher TV-Film kritisch mit der Organisation Scientology befasst – und deshalb dürfte es mit einer Schauspielkarriere in Hollywood für Sie nun wohl schwer werden?

 

(lächelt). „Das habe ich schon öfter gehört, da ich an Hollywood aber nicht im Traum denke und mich mit meiner Arbeit in Deutschland und Europa sehr wohl fühle, war diese Rolle und die Thematik für mich eine weitere interessante Herausforderung auf meinem Weg.“

 

Vor der Ausstrahlung und auch in der Produktionszeit gab es bereits kritische Reaktionen der Scientology-Sekte – haben Sie sich zuvor Gedanken darüber gemacht, ob die Mitarbeit an so einem Film Auswirkungen auf Ihre Lebensumstände haben könnte?

 

„Überhaupt nicht.“

 

Wäre das anders gewesen, wenn Ihre beiden Söhne noch nicht erwachsen gewesen wären?

 

„Ich glaube generell nicht, dass da große Verurteilungen auf mich zukommen, ich fühle mich da total geschützt. Erst einmal ist das ein Fiktion-Film, auch wenn er auf Wahrheiten beruht. Zum Anderen ist das System, das hinter Scientology steckt, derart faschistoid, dass man es nicht durch Stillschweigen unterstützen darf. Deshalb habe ich bei diesem Film sehr gerne zugesagt.“

 

Hat Ihre Frau etwas über diese Arbeit gesagt? Fand Sie als ehemalige Schauspielerin diese Rolle und das Projekt etwas heikel?

 

„Ach, überhaupt nicht. Meine Rolle ist sowieso nicht heikel, denn ich spiele nicht den Trainer, sondern nur den Beobachter, der genau die Gefühle hat, die man als Elternteil haben würde, wenn die Kinder abdriften– egal ob durch Drogen, ein schlechtes Umfeld oder eine Sekte.“

 

Auch wenn dies keine Hauptrolle ist, so ist sie trotzdem eine sehr wichtige für Sie? Wo siedeln Sie diesen Film an, in dem, was Sie so machen?

 

„Wenn eine Rolle einen Sinn oder eine Wichtigkeit hat, dann kommt es mir nicht auf die Größe an. Ich finde dieses ganze Projekt sehr wichtig, und ich bin froh, wie gesagt, dabei zu sein. Ich finde es gut, dass gezeigt wird, wie Menschen aus dem privaten Umfeld der umworbenen Personen darauf reagieren würden und wie die Scientologen denken und planen. Denn eigentlich benutzen sie im Film den Mann der Tochter, um sie in die Sekte zu ziehen und so irgendwann mal die Reederei und das Privatanwesen zu erben.“

 

Der auslösende Faktor ist aber Ihre Figur, die als wohlhabender Hamburger Reeder in Pension eine Schlüsselfigur darstellt.

 

„Sicher, diese Celebrities will man sich schnappen, die gut situierten Leute wollen sie haben.“

 

Für Ihre Kollegen, die Hauptrollen spielen, Silke Bodenbender und Felix Klare, war intensive Vorbereitung auf das Thema Scientology für diese Arbeit wichtig – wie war das in Ihrem Fall?

 

„Diese Elternangst meiner Figur, die eigenen Kinder könnten abgleiten oder Sachen machen, die man überhaupt nicht unterstützen und goutieren kann, das kennt jedes Elternteil. Mit Scientology habe ich mich aber noch mal intensiver beschäftigt, denn bis zu unserem Film war das kein relevantes Thema für mich. Zwar haben sie auch mich in München mal auf der Leopoldstraße angesprochen, aber ich hatte andere Wachstumsgeschichten gemacht. Insofern dachte ich immer, wenn jemand da hingehen will, dann soll er das tun. Dass es bei den Scientologen aber so übel zugeht und so eine Machtgier vorherrscht, dass es letztlich keine Religion ist, sondern eine faschistoid strukturierte Sekte, das war mir nicht so klar und hat mich erschreckt.“

 

Hat irgendwann einmal für Sie als Vater so eine Art von Gefahr in Bezug auf Ihre Söhne bestanden oder Formen angenommen?

 

„Sicher hatte ich die Befürchtung, die Jungs kommen mit Drogen in Berührung, da habe ich mir schon Sorgen gemacht.“

 

Was haben Sie dagegen unternommen? Sollte man besonders auf das Umfeld der Kinder achten?

 

„Sicher, wir wohnen ja auf dem Lande, aber selbst da ist das Thema präsent. In Traunstein gibt es genauso eine Drogenszene wie in Rosenheim, und da denkst du als Vater schon, Mensch, wie können wir es verhindern, dass unsere Jungs damit in Kontakt kommen.“

 

Wie haben Sie es geschafft?

 

„Angelika hat mit ihrem Beruf mehr oder weniger aufgehört, als die Kinder da waren. Wir fanden es beide wichtig, dass immer jemand für die Kinder da ist, immer ein Gesprächspartner verfügbar, damit wir wissen, wo die Kinder stehen. Wichtig ist das Dasein für die Kinder und dann Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation. Wir haben uns auch die Werbung von Scientology im Internet zum Beispiel angesehen – das ist so verführerisch für junge Leute, die nicht wissen, wo es im Leben langgeht und die keinen Gesprächspartner haben. Diese Werbebotschaften sind unglaublich gut gemacht, in Hollywood gedreht:  Da denkst du, das ist das Tollste und da möchte ich dazu gehören. Scientologen waren bei 9/11 sofort da, sie sind es nun auf Haiti. Gezeichnet wird das Bild einer Truppe von Helfern und das Versprechen einer klaren Struktur. Du weißt genau, wann du Erfolg hast und wann nicht. Du kannst dort – angeblich – deine Neurosen abbauen und so weiter. Das ist wirklich verführerisch und eine große Gefahr!“

 

Was steht beruflich für Sie an?

 

„Ich drehe für die ARD mit dem Regisseur Matthias Steurer in München eine schöne Weihnachts-Komödie ,Zimtstern und Halbmond', freue mich darüber, dass ich mal keinen Krimi mache und es keine Gewalt gibt. Auf der einen Seite werden Kekse für Weihnachten gebacken und anderseits schneit ein Palästinenser in die Familie, weil die Tochter sich in den verknallt hat – und das kracht natürlich total.“

 

Was ist Ihre Lebensphilosophie, wenn es die von Scientology ist, stärker zu werden, weiter zu kommen und erfolgreich zu sein?

 

„Dagegen ist ja nichts zu sagen, aber auf Kosten anderer geht das nicht. Das Abstruseste ist für mich diese Vorstellung von den astralen Welten, dass da der Böse sitzt, der uns hier verbannt hat und so etwas. Das ist Sience Fiktion, hat aber keinerlei realen Hintergrund. Das kann man sich nicht vorstellen.“

 

War Ihr Lebensprinzip mal schneller, höher und weiter und wie sieht es heute aus?

 

„Gelassenheit ist mein Lebensprinzip. Das ist meiner Meinung nach das Wichtigste im Leben. Loszulassen ist wichtig, ich bin sowieso in einem Alter, in dem man alles loslassen muss. Das sollte man früher oder später also üben. Ich komme langsam mehr in eine beobachtende Position. Gelassenheit ist das Ziel. Die Erfolge freuen mich noch, regen mich aber nicht auf und die Abstürze regen mich auch nicht mehr so auf. Gelassenheit finde ich etwas sehr schönes im Alter.“

 

Was hilft dabei, gelassener zu werden? Hilft Ihnen Ihre Ehefrau dabei oder ist ein finanzielles Polster dafür wichtig?

 

„Ja, aber das ist eine Haltungssache. Wie viel Geld du hast, ist nicht entscheidend, Gelassenheit kann auch ohne Geld sein. Ein Vertrauen ins Leben, um die Lebenskraft zu entwickeln, ist für mich unheimlich wichtig.“

 

 

War Ihnen Geld mal wichtig? Haben Statussymbole mal eine Rolle gespielt?

 

„Statussymbole haben mir nie etwas bedeutet! Ich habe aber ganz gerne Geld, weil ich gerne großzügig bin und gerne schenke.“

 

Was war für Sie die größte Fehlinvestition?

 

„Für mich gab es keine Fehlinvestition, denn alles hat seinen Sinn. Selbst das Haus, was wir kurzzeitig in Hamburg hatten. Auch das war eine Erfahrung im Leben. Du machst das so Schritt für Schritt und dann denkst du, es hat alles seine Richtigkeit, so wie Perlen auf einer Linie.“

 

Was haben Sie mit Ihrer ersten richtigen Gage gemacht? Sind Sie jemand, der das Geld für später anlegt oder lieber direkt ausgibt?

 

„Ich lege kein Geld zur Seite. Meine erste richtige Gage, das war 1983 und damals waren wir auch gerade umgezogen und haben mit dem Geld Schulden bezahlt und das Geld zum Leben gebraucht. Vielleicht war ich damit auch etwas großzügiger, man konnte öfter mal Essen gehen oder sich andere Dinge leisten.“

 

Was machen Ihr Söhne beruflich? Was macht Jens Atzorn, der ebenfalls Schauspieler ist und mit dem Sie vor sechs Jahren in dem ARD-Film „Das Kommando“ gespielt haben?

 

„Jens war drei Jahre in Mannheim fest am Theater und jetzt ist  er gerade in einem Casting für einen guten Film – da muss ich ihm die Daumen drücken. Und Daniel macht Regieassistenz bei ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten' in Berlin und das ist ein gutes Training.“

 

©Wolfgang Wittenburg - Jede Infoauswertung ist honorarpflichtig (03/2010)

 

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