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Begegnung mit Scientologie |
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Das Netz der Spinne
Wie schnell mir das Lachen vergehen wird, ahne ich in diesem Moment noch nicht. Letzte Überlegungen, wer bin ich nun, wen meiner neuen vielen Ichs schicke ich dort hin? Überrascht bin ich schon, dass ich am Samstagnachmittag zu ersten einem Vorstellungstermin geladen werde. Aber egal. Ich bin bereit. Das Abenteuer kann beginnen.
Ein Büro in der Hamburger City. Hohe Decken, die einen schon klein machen. Im Fahrstuhl silbern polierte Knöpfe. Im vierten Stock bin ich an meinem Ziel angekommen. Ich werde nett empfangen. Es gibt eine Sitzecke, ich bekomme einen Kaffee angeboten. Bewerbungsunterlagen will hier niemand sehen. Schade, hatte ich doch extra welche zusammengebastelt. Stattdessen bekomme ich einen Fragebogen in die Hand gedrückt, in dem man mir sehr merkwürdige Fragen stellt. Ein Psychobogen, der mit einem Bewerbungsbogen nicht das Geringste zu tun hat.
Ich habe immer drei Möglichkeiten, jede der Fragen zu beantworten. Keine der drei Antworten scheint mir eine zufrieden stellende Antwort abzugeben. Irgendwie erhärtet sich mein Verdacht in Minuten, dass alle Antworten gegen mich verwendet werden können. Aber ich bleibe ruhig und gelassen. Antworte einfach bunt und ohne wirklich die Antworten ehrlich zu meinen. Die Fragen können schließlich auch nicht ehrlich gemeint sein. Oder etwa doch?
Nun sitze ich herum und warte. Immer wieder laufen Leute an mir vorbei. Kommen aus einem Büro, huschen an mir vorbei, grüßen nett und verschwinden in einem anderen Büro. Da ich keinen Kaffee trinke, kann ich mir die Zeit nicht so recht vertreiben. Ich stehe auf, schaue mich um. Broschüren von Ron Hubbard liegen ordentlich aufgereiht in einem Zeitungsständer. Bin ich im Sektenhaus gelandet? In der Kirche der Gutmenschen? Das wäre wirklich das allerletzte, was ich gutheißen würde. Aber ich komme gar nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, weil plötzlich eine junge Dame auftaucht.
Sie spricht mich an und entführt mich in einen kleinen Filmraum. Ein Minikino und ich der einzige Zuschauer. Ich schaue mir einen schwachsinnigen Film an und bin platt. Was soll das werden? Eine Hirnwäsche? Das können die doch nicht erst meinen! Da liegt ein Mann querschnittgelähmt in einem Bett. Bekommt Besuch von einer Frau, die ihm Broschüren über eine Glaubensrichtung schmackhaft macht. Er freut sich, fängt an zu glauben, erhebt sich aus dem Bett und geht hinaus ins Leben. Ich kann gar nicht glauben, was ich gerade gesehen habe.
Ich habe mich noch nicht von dem ungläubigen Staunen erholt, als ich abgeholt werde, um in ein Büro gegenüber gebracht zu werden. Dort führt man mit mir dann ein Gespräch über meinen neuen Job. Die Ungeheuerlichkeit ist, dass es keinen gibt. Stattdessen muss ich nun einen Gesundheitsbogen ausfüllen. Wann ich krank war, im Krankenhaus, habe ich Schulden, nehme ich Drogen, habe ich Alkoholprobleme?
Bin ich im Therapiezentrum? Ich will nur einen Nebenjob! Hat die meine Anzeige nicht gelesen? Nun will ich es aber auch wissen. Ich spreche langsam und bedächtig, nutze einen kleinen Wortschatz. Will die Ärmste ja nicht überfordern. Kurze Zeit später finde ich mich wieder in der Wartezone wieder.
Dort harre ich nun mal wieder der Dinge. Sehe die bunten Broschüren in einem Ständer an der anderen Wand. Stöbere darin und lese den gleichen Schwachsinn, der auch schon im Film zu sehen war.
Nach einer Weile werde ich in ein anderes Büro gerufen. Ein junger geschniegelter Mann sitzt dort. Mustert mich, freundlich, herablassend, mustert mich.
Ich mache ihm die Freude, registriere den riesigen Schreibtisch, den kleinen Stuhl auf meiner Seite. Setze mich hinein und muss nun zu ihm aufblicken. Lächerlich. Aber ich spiele mit. Setze mich, wie bei Samy Molcho gelernt hin, als sei ich eingeschüchtert.
Nun erklärt er mir, dass er sich nicht wundere, warum ich keine Arbeit finden könne. Er sehe an meiner Psychokurve, dass ich in meinem Leben defizitär arbeiten würde. Ich bin beeindruckt. Er könne mir natürlich helfen, aber die Kunden, die als Arbeitgeber in Frage kämen, würden natürlich nur Mitarbeiter beschäftigen wollen, die auch nach ihren Richtwerten leben und arbeiten. Aber ich müsse da schon mitarbeiten.
Ich schaue ihn nur schweigend an. Der hat doch eine Schraube zu locker sitzen. Ich bin doch auf Jobsuche. Der aber will mir scheinbar, wie ein lästiger Haustürvertreter, seinen Geistesmüll verkaufen.
Ich frage ihn nach dem Job, denn schließlich habe man mich angerufen, weil ich arbeiten soll. Er ist schon nicht mehr ganz so freundlich. Wird massiver, um mir klar zu machen, dass so jemand minderwertiges und unwilliges wie ich keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben wird.
Nicht umsonst müsste ich mir ja einen Job suchen. Oder? Ich wäre wahrscheinlich zu dumm um zu erkennen, welche Chance ich geboten bekomme.
Gönnerhaft erklärt er mir, indem er auf mich einredet, und auch aufgestanden ist, um sich noch mehr über mich in Stellung zu bringen, dass er sich jetzt noch einmal für mich einsetzen würde. Im Hause laufen gerade Fortbildungskurse und wenn ich den ersten, der nur knappe 300,00 Euro so auf die Schnelle kosten soll, absolvier, dann, aber erst dann habe ich gute Aussichten, auch einen guten Job zu bekommen.
Da ich sitzen bleibe, verzieht sich sein Gesicht zu einer ungläubigen Maske. Mein Blick sagt ihm, dass ich ihn für einen Idioten halte, meine Körpersprache macht auf verängstigtes Gegenüber. Das scheint ihn total zu überfordern. Da hat er wohl seinen Kurs nicht gut genug genutzt. Wohl nicht aufgepasst?
Mit seinem Stift klopft er auf dem Fragebogen herum. Dreht ihn zu mir herum. Erklärt mir noch einmal, dass schon da zu sehen sei, dass ich ein Verlierer bin. Als ich nicht reagiere, wird er drastischer. Will mich in die Enge treiben.
Ich habe doch angekreuzt, dass ich ein Auto habe. Für so was würde ich Geld ausgeben, aber für meine Bildung nicht. Das zeige ja schon, dass ich dumm sei. Weiter so. Ich fange gerade an, mich innerlich warm zu laufen. Der Tod meines Kindes sei eine klare Entscheidung von oben, dass ich es nicht verdient habe, ein Kind zu haben. Das Maß ist voll. Ich stehe auf, panisch greift er unter seinen Tisch. Sekunden später steht ein Schrank von einem Kerl hinter mir, der verhindert, dass ich ihn mit seinem Schlips am Tisch festnagele.
Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich haben nötigen lassen, sich einlullen lassen und ihr schwer verdientes Geld nun in diese Sekte tragen. Menschen, die nie eine Antwort auf all ihre Fragen finden werden, denn dort werden sie sie auch nicht bekommen. In jedem dieser angebotenen Kurse werden sie mehr in Frage gestellt, verunsichert und damit schließt sich dann der Kreis immer wieder. Sie gehen einen Schritt weiter und sind am Ende des Schrittes in der gleichen Situation. Sie brauchen den nächsten Kurs. Und aus diesem Teufelskreis können sie nicht mehr ausbrechen.
Mir stellt sich auf dem Nachhauseweg nur die Frage, warum die es nötig haben, die Kleinanzeigen nach Arbeitsuchenden zu durchforsten. Die haben doch eigentlich kein Geld. Und wenn die Sekte so reich wäre und so erfolgreich, hätten sie diese Machenschaften dann überhaupt nötig? Scheinbar ja.
Und ich glaube auch nicht, dass die auch nur einen Job anzubieten hatten. Letztendlich dienen die Fragebögen nur dazu, die „Bewerber“ auszuhorchen, um sie dann mit ihren „Schwächen“ mürbe zu machen.
Arbeitslose, die schon lange einen Job suchen, sind ja auch anfällig für Nettigkeiten. Bereit, etwas zu wagen, um endlich dem Teufelskreis der Armut zu entkommen.
Ich habe zum Glück auf dem Fragebogen die Telefonnummer der Redaktion angegeben. Wochenlang ging der Telefonterror. Alle Stunde wurde ich angerufen, ging ich dran, wurde aufgelegt. Oder ich wurde mit unfeinen Worten betituliert.
Ich werde mir also noch eine Telefonkarte zulegen, damit ich das als „Arbeitslosentelefon“ benutzen kann. Dann sehe ich auch immer gleich, wer sich auf die Anzeigen meldet. Habe keine Lust, mich von solchen Sektenwichten tyrannisieren zu lassen. Was damit bezweckt werden soll, kann ich allerdings auch so gar nicht nachvollziehen.
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Interviews: Robert Atzorn
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