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Mysterious Women Magazin |


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Interview mit Wolfgang Wittenburg
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Leben in der Unterschicht (Tatort Arbeitsmarkt) ISBN: 9783929925159 * 10,90 - Buch bestellen
Journalist Wolfgang Wittenburg im Gespräch mit der Autorin Sylvia Knelles. Autorin des Buches „Leben in der Unterschicht“. (ISBN: 978-3-929925-
„Es ist vom Prinzip her ein bisschen Wallraff. Frau Knelles begibt sich in verschiedenen Rollen in die Arbeitswelt. Herr Wallraff ist ein Mann, Frau Knelles eine Frau. Da macht man sicher noch einmal ganz andere Erfahrungen. Wie ist das Frau Knelles?“
„Da macht man ganz sicher noch andere Erfahrungen als Herr Wallraff. Herr Wallraff hat sich ja damals als Ali, zusätzlich natürlich als Ausländer verkleidet und ist dann in den Arbeitsmarkt gegangen. Ich habe das nicht getan. Ich habe meine eigene Person in verschiedenen Facetten genutzt. Bin auch mit meinem Namen dort aufgetreten, wenn auch Lebenslauf und bewerbungstechnisch in verschiedenen Variationen. Das macht einen schneller zum Opfer. Das macht einen schneller zu einer willigen Arbeitskraft, zu einer nicht bemerkten, schnell austauschbaren, die mit viel Respektlosigkeit bedacht wird.“
„Da sind sie jeweils rein für ein paar Wochen, ein paar Monate. Unterschiedliche Zeiträume. Unterschiedliche Arten von Berufen. Es gab Altenpflege, Bandarbeit und so weiter. Haben Sie da von vorneherein schon gesagt: „Da muss ich mal nach dem Rechten schauen. Da wird es holperig werden?“ Wie kamen die jeweiligen Arbeitsbeziehungen zustande?“
„Das war ganz unterschiedlich. Zum Teil hat man natürlich selber Ideen. Wo man denkt, da müsste man mal gucken. Wenn man dann in solchen Jobs jobbt, stellt man auch relativ schnell fest, dass andere Menschen schon in vielen Bereichen gearbeitet haben. Die dann auch noch mal Hinweise geben und sagen: „Da habe ich schon das erlebt oder das erlebt.“ Das passiert da dauernd. Es geht natürlich auch sehr oft um nicht eingehaltenen Sicherheitsbedingungen und arbeitsrechtliche Bestimmungen. Wo man sich dann auch wundert, dass sehr große und namhafte Firmen letztendlich genau so arbeiten wie kleine Firmen, von denen man das eher erwarten würde. Dann macht einen das Durchsehen im Hamburger Abendblatt oder in anderen Jobbörsen stutzig. Wo man immer wieder feststellt, Es sind die gleichen Firmen, die immer wieder auftauchen. Die müssen also einen hohen Verschleiß an Personal haben. Da stellt sich die Frage: „Warum ist das so?“. Oder es sind die immer gleichen Telefonnummern, die auftauchen. Mit verschiedenen Firmen in verschiedenen Variationen. Da bin ich dann stutzig geworden. Da habe ich mir dann verschiedene Arbeitgeber herausgesucht und versucht da unter zu kommen.“
„Jetzt gab es viele Erlebnisse. Sie sind fast von einer Reispalette erschlagen worden, Es gab auch eindeutige, zweideutige Angebote. Gab es was, wo sie gesagt haben: „Das fehlt jetzt gerade noch?“ Oder gab es was, wovon sie überrascht worden sind? Also haben Sie mit vielem gerechnet, aber vielleicht auch mit einigem nicht?“
„Ich habe mit einigen Sachen nicht gerechnet. Ich habe mit einigen Sachen in Firmen nicht gerechnet, die sehr am Markt etabliert sind, die Millionengewinne einfahren und eigentlich dafür stehen müssten. Ich habe mich oft gefragt, wo ist die Gewerbeaufsicht. Findet die gar nicht statt? In einigen Bereichen wird so gearbeitet, dass ich davon ausgehe, dass diese Firmen entweder gar nicht gemeldet sind oder als Scheinfirma geführt werden. Auch das hat mich nicht sehr verwundert. Viele der Jobs fanden dann ja auch am Wochenende oder nachts statt. Also zu Zeiten, wo in den Gewerbegebieten, in denen ich gearbeitet habe, sonst eigentlich keiner mehr groß tätig ist. Das heißt, wir haben als Firma in einer Firma gearbeitet. Und waren im Grunde genommen, wenn wir unseren Job gemacht haben, mitsamt den Fahrzeugen und mit allem, was dort vorher war, verschwunden. Das stellt natürlich dann im Nachhinein die Frage: Sind diese Firmen angemeldet? Sind sie nicht angemeldet? Werden sie versteuert? Diese Fragen haben sich dann gestellt. Das war mir in dem Ausmaß nicht so klar.“
„Was soll der Leser mitnehmen? Geben Sie auch Verhaltenstipps. Wenn das oder da in einer Anzeige auftaucht, dann sollte man vorsichtig sein?“
„Es ist schon so, dass man auch, selbst wenn man vom Arbeitsamt vermittelt wird, mal genau schauen sollte, wer ist der Arbeitgeber. Wem gehört diese Firma überhaupt? Auch mal im Internet schauen, was schreiben andere in Portalen? Das kann man nicht immer ganz unkritisch nehmen. Weil sehr viele dieser Firmen auch dafür sorgen, dass nichts Kritisches erscheint. Also dafür sorgen, dass diese kritischen Meldungen ganz schnell wieder verschwinden. Mittels Abmahnungen etc. Aber man sollte eben auch schauen, dass man Rechte übernimmt. Man hat ja Pflichten als Arbeitnehmer, aber man erwirbt ja auch Rechte mit der Unterschrift. Und da sollte man wirklich auch darauf drängen, selbst wenn man den Verlust des Arbeitsplatzes befürchtet, auf Sicherheitsbedingungen zu bestehen.“
„Vier Jahre war der Zeitraum der Recherche. Sind Sie jetzt mit dem Thema durch? Oder sagen Sie, da kann man in zwei Jahren noch mal wieder nachgucken, ob sich da was bewegt hat. Im positiven Sinne.“
„Ich glaube nicht, dass es sich im positiven Sinne sehr groß bewegen wird. Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Das Hartz IV Gesetz oder die Reform der Hartz IV Macher zwingt die Menschen dazu in die Armut abzudriften. Es gibt zwei bis drei Millionen Menschen die trotz Vollzeitarbeit am Existenzminimum krebsen und noch Hartz IV bezuschusst werden müssen. Diese Menschen werden immer weiter in solche Jobs abgedrängt. Die großen renommierten Firmen sind dazu übergegangen eigene Zeitarbeitsfirmen zu gründen. Damit unterlaufen sie die Tarifverträge, können also zum halben Preis die Mitarbeiter beschäftigen. Die werden dann in neu gegründete Firmen der alten Firma eingestellt. Und damit ist natürlich der Weg nach unten vorgezeichnet. Wenn man Menschen erst einmal soweit hat, dass sie ums das tägliche Überleben kämpfen müssen, kann man sicher sein, dass sie sich auch ihrer Haut nicht mehr wehren.“
„Können Sie noch gut mit Menschen umgehen oder haben Sie schon eine Nase dafür, wenn einer ein Aufschneider ist? Sind Sie da nun vorbelastet durch diese Erfahrungen?“
„Jein. Durch das Abtauchen in diese Welt der Unterschicht, die mir so nicht geläufig war, habe ich natürlich schon viele Menschen kennen gelernt, die sich ducken, sich schlecht behandeln, ausbeuten, misshandeln lassen. Auf der anderen Seite natürlich auch die Gegenseite, die zielgerichtet solche Opfer sucht.“
„Die meinte ich. Da kann man unter den vermeintlich Guten doch schnell die Bösen erkennen?“
„Das kann man relativ schnell. Ein guter Chef, ein guter Manager, ein guter Vorgesetzter zeichnet sich aus, indem er einen wirklich wertschätzt. Auch die Arbeitsleistung. Er gibt gutes Geld für gute Leistung. Und verlangt diese dann auch. Die hat er zur Recht ja auch einzufordern. Während diese andern Manager, die Managersorte, die ich gar nicht so nennen möchte, von vorneherein nur den Profit sieht. Den Mitarbeiter nicht als Mitarbeiter betrachtet, sondern als jederzeit austauschbare Ware, die zu funktionieren hat.“
„Was steht als nächstes an? Was ist ihr nächstes Projekt? Sagen Sie, das habe ich jetzt genug gehabt. Da kann man vielleicht in zwei Jahren noch mal nachhaken? Aber jetzt muss ein anderes Extrem kommen? Was ist das nächste Buch?“
„Das nächste Buch ist die Geschichte der Lena au Chômage, eine vierzigjährige Frau, die nach einem arbeitreichen Leben in die Arbeitslosigkeit gefallen ist. Dann versucht hat wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, was ihr nicht gelungen ist. Die dann versucht hat, irgendwie das Leben doch noch lebenswert zu gestalten, was immer schwieriger wurde, weil nach 12 Monaten Arbeitslosigkeit der Abstieg geht ja der Abstieg mit Hartz IV weiter nach unten. Die bekommt durch einen Unglücksfall, der passiert, die Chance eine andere Identität annehmen zu können und entscheidet sich dann in ihrer verzweifelten Lage dies zu tun und das Leben der anderen Frau weiter zu leben.“
„Hier waren sie in der Realität mit geschönten Biografien und Bewerbungsunterlagen. Inwiefern ist das Realität.“
„Das ist auch Realität. Ich habe in verschiedenen Bereichen natürlich darauf geachtet, dass die Person, die sich mir anvertraut hat, nicht öffentlich gemacht wird, weil das, was sie tut jenseits der Legalität ist. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Aber ich fand die Geschichte sehr interessant. Zu sehen, wozu Menschen bereit sind, wenn sie sehr verzweifelt sind und wohin sie eigentlich getrieben werden, weil andere skrupellos sind.“
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