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Der sympathische Schnauzträger gilt als Entschleuniger der
Fernsehwelt und wurde schon als rastender Reporter betitelt. Seit über
20 Jahren ist der Münchner Franz Xaver Gernstl mit seinem TV-Team im
Lande unterwegs und bietet Jedermann ein kleines Podium im Puschenkino
Seit einem stolzen Viertel-TV-Jahrhundert ist der Münchner
Dokumentarfilmer Franz Xaver Gernstl (57) einer der Besten, wenn es
darum geht, in der bunten und hektischen Fernsehwelt eine sehr
persönliche Marke für etwas Ruhe, Besinnlichkeit und anspruchsvolle
Unterhaltung zu setzen. Seine Rezeptur dafür ist so simpel wie
erfolgreich: Der Dokumentarfilmer aus Leidenschaft reist nur mit einem
Kamera- und einem Ton-Mann durch die Lande und stoppt seinen roten VW
Bus überall dort, wo er etwas Interessantes vermutet. Der sympathische
Schnauzträger gilt als Entschleuniger der Fernsehwelt und wurde von
der „taz“ schon als rastender Reporter betitelt. Nun startet der
Bayerische Rundfunk, von Anfang an Haussender des Menschenfreundes,
die zunächst 8-teilige „Gernstls Deutschlandreise“ (ab 7. August,
jeweils donnerstags und samstags, 20.15 Uhr, 3. Programm des
Bayerischen Fernsehen). Darin reist Gernstl in insgesamt 15 Folgen
einmal rund um Deutschland. Er beginnt mit Folge 1 auf Sylt und endet
mit Folge 15 an der dänischen Grenze. Während er in Drochtersen
(Niedersachen) einen eher wortkargen Künstler trifft, der
Holznasenfiguren schnitzt, begegnet er im Allgäu einem Mann, der Särge
auf Wunsch kunterbunt anmalt und niveauvoll gestaltet. Wir haben den
Spieß einmal umgedreht und trafen den Zuhörer und Fragesteller Franz
X. Gernstl zum Interview:
Als Sie mit „Gernstl unterwegs“ vor 25 Jahren Ihre Reisen als
Dokumentarfilmer begonnen haben, da waren Sie mit einem Kleinbus eines
japanischen Herstellers unterwegs und fahren heute VW Bus. War das
eine Auflage des Bayerischen Rundfunks, wenn er schon fährt, dann
wenigstens mit einem deutschen Auto, oder ist das Zufall?
„Nee, die wollten mir eigentlich so einen weiß-blauen Dienstbus
aufdrängen, den ich aber nicht haben wollte. Schließlich wollte ich
nicht als Bayerischer Rundfunk unterwegs sein, sondern ich begreife
das Ganze als eine private Reise, die vom Fernsehen gesponsert ist.
Aber der VW Bus, das ist ein Zufall. Der geht halt nicht so oft kaputt
wie der japanische.“ (schmunzelt)
Da widersprechen Sie der ADAC-Pannenstatistik, glaube ich.
„Da ist der Datsun Urvan, den wir ursprünglich hatten, nicht erfasst.
Mag sein, dass die mittlerweile auch besser geworden sind. Nee, das
ist halt einfach Zufall, das ist einfach ein gängiges Fahrzeug und es
steckt nichts dahinter. Der Wagen ist auch nicht gesponsert, wir
kaufen den immer ordentlich selbst.“
Ab 7. August steht „Gernstls Deutschlandreise“ (15 Folgen, jeweils
donnerstags und samstags, 20. 15 Uhr, im Dritten Programm des
Bayerisches Fernsehen) zur Sendung an. Haben Sie bei Ihrer Reise
entlang der deutschen Grenze von Sylt bis ins Allgäu und dann zurück
bis an die dänische Grenze, das berühmte Nord-Süd-Gefälle bemerkt? Die
Norddeutschen werden schon als etwas mundfaul dargestellt, den
einzigen Berg im Norden fahren Sie mit Genuss herunter und Sie stellen
fest: „Weißwürschtl essen ist leichter als Krabben pulen!“ Ich glaube,
das möchte der Bayer gerne so sehen oder?
„Ich glaube, der Norddeutsche sieht es im Prinzip auch gerne. Und ich
denke, das Gefälle ist gar nicht so wahnsinnig groß. Wenn ich da mit
einem Bergbauern auf der Zugspitze herum hocke und dann mit einem
Krabbenfischer an der Nordsee, dann sitzt man halt erstmal und fängt
erst nach ein paar Minuten an miteinander zu reden. Ich denke, die
Mentalitätsunterschiede sind so groß nicht. Im Norden sind die Leute
vielleicht nicht so gesprächig, weil es so kalt ist. Im Süden, weil es
so schön ist und sie da herum hocken und in die Landschaft schauen und
auch nicht so gerne reden.“
Aber die tief gehenden und emotionaleren Gespräche führen Sie schon
eher mit dem Bayern, der im Allgäu Särge kunstvoll bemalt und nicht
mit dem Niedersachsen, der in Drochtersen Nasenfiguren aus Holz
schnitzt. Das ist schon ein Unterschied oder empfinden Sie das nicht
so?
„Es ist so, aber ich möchte es nicht wahrhaben. (grinst) Ich habe es
auch festgestellt, aber ich weiß nicht, liegt es daran, dass ich
vielleicht dann doch den direkteren, vielleicht etwas intimeren Zugang
da nicht so leicht finde, oder dass die Leute sich halt nicht so sehr
öffnen, wenn ein Fernseh-Team daher kommt. Ich glaube, dass die
Menschen im Süden doch etwas selbstvergessener sind.“
In Drochtersen sitzt man eben nicht zuerst bei der Hausmusik
zusammen.
„Richtig.“
Was bedeutet „Gernstls Deutschlandreise“ in bloßen Zahlen? Wie
lange sind Sie unterwegs, wie viel Material drehen Sie und was bekommt
das Publikum schließlich zu sehen?
„Wir sind für eine Folge immer so um die zehn Tage unterwegs. Und dann
entsteht der Film am Schneidetisch, was ungefähr drei Wochen dauert,
weil wir ganz viel Material ansammeln. Das ist so, als würden wir in
den Wald gehen und viele Pilze sammeln, um dann die fünf oder zehn
herauszusuchen, die essbar sind.“ (lächelt) Das Drehverhältnis ist
ungefähr eins zu zwanzig, Wenn ich 45 Minuten habe, dann sind es 20mal
45 Minuten, die wir zuvor gedreht haben. Für so ein kleines 5- oder
10-Minuten-Porträt muss man bestimmt schon mal zwei Stunden lang
drehen. Das ist immer sehr viel mehr, als man am Ende tatsächlich
verwendet. Es ist auch so, dass wir viele Geschichten anfangen, und
sie verlaufen dann im Sande, weil mir der Typ nicht sympathisch ist,
weil er nichts zu erzählen hat oder aus 1.000 verschiedenen Gründen.“
Dokumentarfilmarbeit ist Fleißarbeit?
„Sicher, man macht doch vieles für den Papierkorb und es passiert auch
oft genug, dass wir von den ersten drei Tagen abends im Hotel das
Material anschauen und dann frustriert da hocken, weil einfach gar
nichts gelungen ist. Das sind manchmal sehr unerfreuliche Abende. Und
am vierten Tag, da passiert es dann plötzlich. Man kann es nicht
erzwingen. Es ist aber mittlerweile so, dass wir schon immer wissen,
es wird doch ein Film daraus. In jungen Jahren wollte man sich nach
dem dritten Tag gene immer umbringen, weil man dachte, so geht es
nicht, so kann man keine Filme machen. Aber man kann doch so Filme
machen.“ (schmunzelt)
Wie empfinden so eine Dokumentar-Reise? Ist das der kleine
Männerurlaub zwischendurch oder ersetzt es womöglich gar den
Familienurlaub?
„Nein, ein Urlaub ist es ganz und gar nicht, sondern es ist super
anstrengend. Wenn wir nach zehn Tagen fertig sind, bin ich immer froh,
wenn ich wieder nach Hause komme. Es geht um neun Uhr morgens los und
dann dreht man bis es dunkel ist, im Sommer schnell mal bis um 20 Uhr.
Dann hockt man noch zwei Stunden beim Sichten, hat noch schnell mal
etwas gegessen und muss vielleicht noch E-Mails beantworten. Dann
liegt man im Bett und schläft seine sechs oder sieben Stunden, wenn es
hochkommt, und dann geht es gleich wieder weiter. Wenn man das zehn
oder zwölf Tage am Stück gemacht hat, dann schlaucht das schon. Vor
allem ist man oft doch mit sehr viel Frustration überfallen, wenn man
den ganzen Tag dreht und hat am Ende nichts. Wenn wir die Geschichten
jetzt so runterdrehen würden, wie es im Film aussieht, dann wäre es
ein schönes Arbeiten. Dann könnten wir gemütlich jeden Tag mal so eine
Stückchen drehen, aber das geht nicht so leicht. Man hat halt einfach
sehr viele Geschichten, die unerfreulich sind.“
Auch kein Männerurlaub?
„Es ist zwar ganz nett, mit den beiden unterwegs zu sein, und klar hat
das ein bisschen etwas von Männerurlaub, aber gemütlich ist es ganz
und gar nicht. Man würde auch nie einen halben Tag Pause machen, weil
man immer denkt, in der Zeit könnte gerade eine gute Geschichte
kommen.“ (lächelt)
Sie sind nicht nur Dokumentarfilmer aus Leidenschaft, sondern mit
Ihrer eigenen Firma „megaherz film und fernsehen“ auch Produzent.
Können Sie sagen, ob der Filmemacher Gernstl dem Geschäftsmann
gelegentlich in die Quere kommt? Möchte der eine gerne noch Zeit und
dem anderen wird es zu teuer?
„Wenn wir beim Drehen unterwegs sind, dann vergesse ich den
Geschäftsmann immer. Da drehe ich einfach, so lange wie es notwendig
ist, beziehungsweise so lange wir dazu Lust haben. Es ist auch so,
dass wir nicht als ein professionelles Fernseh-Team unterwegs sind,
sondern wir drei kennen uns schon ewig lange. Wir kennen uns schon
Jahre, bevor wir angefangen haben zu drehen. Damals sind wir auch
schon gerne in der Gegend herum gefahren. So kam auch die Idee
überhaupt zustande.“
Wie war das konkret?
„Wir sind Auto-Spazierfahrer gewesen, damals, als das noch erlaubt
war, mit dem Auto spazieren zu fahren. Wir sind am Wochenende in der
Gegend herum gefahren und haben uns überlegt, fahren wir links oder
fahren wir rechts? Wir haben uns so treiben lassen und da kamen wir
irgendwann einmal auf die Idee, wenn wir jetzt eine Kamera mitnehmen,
und die ganzen Geschichten so Tagebuch-artig drehen würde, dann könnte
es ein Film werden. Das hat zwar etliche Zeit gedauert, bis wir
jemanden vom Sender überzeugen konnten, der das auch fand, aber am
Ende ist es gelungen – und das war 1983, da haben wir die ersten
Geschichten gedreht.“
Sind Sie aktiv geworden oder ist man auf Sie zugekommen?
„Ich hatte damals gerade mein Volontariat beim BR beendet und meine
ersten kleinen Geschichten gedreht. Dann kam der
Programmbereichsleiter und hat gesagt: ,Was willst du denn gerne
machen?‘ Und ich habe ihm gesagt: Eigentlich würde ich gerne in der
Gegend herum fahren und drehen, was mir unterkommt. Da sagte er: ,Das
ist schwierig, denn so etwas kann man schlecht in den Projektplan
schreiben, weil das kein wirkliches Konzept ist.‘ Das ging dann hin
und her, und dann ist uns Gott sei Dank ein Titel eingefallen, nämlich
,Zehn Grad östlicher Länge‘, die Reise am zehnten Längengrad entlang.
Das war ein Name fürs Kind und dann konnten wir es in den Projektplan
schreiben und dann hatten wir den Auftrag für die ersten vier Filme –
und die sind ganz ordentlich geworden. Seither geht es eigentlich ganz
kontinuierlich weiter.“
Wie definieren Sie Erfolg für sich und wo müssen Sie dafür Opfer
bringen?
„Erfolg ist für mich, wenn ich in der Lage bin, beruflich Dinge zu
machen, die ich einfach gerne mache. Und wenn es dann noch Menschen
gibt, die das gut finden und die es sich anschauen. Aber ich habe mir
noch nie Gedanken darüber gemacht, was Erfolg für mich bedeutet.“
Auch nicht als Geschäftsmann Gernstl?
„Ach, Gott, ich habe jetzt einen Laden, den gibt es seit 25 Jahren und
der hat noch nie rote Zahlen geschrieben. Und wir haben uns noch nicht
von der Börsen-Euphorie anstecken lassen, also, wir haben uns nicht
aufgeblasen. Es kann uns keiner die Luft rauslassen, sondern unsere
Geschäftsdevise ist einfach immer ein bisschen weniger ausgeben als
wir einnehmen. Ein sehr altmodischer Laden und das finde ich so ganz
erfolgreich. Wenn man über 25 Jahre eine Firma hat, wo man mit Leuten
zusammen arbeiten kann, die man gerne sieht, also, mehr erwarte ich
mir wirklich nicht vom Leben. Ich habe ein ordentliches Auto, ich habe
genug zu essen und hübsche Mädels um mich herum, und mehr brauche ich
nicht.“ (schmunzelt)
Wenn Sie selbst im Film offen sagen, dass Sie zu Beginn Ihrer
Reisezeit als Dokumentarfilmer auch nach „Weibern“ geschaut haben,
wann und wie haben Sie Ihre Ehefrau kennen gelernt?
„Während meines Studiums, als ich Sozialpädagogik studiert habe, saß
bei der Statistik-Klausur so eine arme Maus neben mir und hatte von
nichts eine Ahnung. Und dann habe ich ihr die heimlich unterm Tisch
geschrieben. (lächelt) Und dann ist sie meine Freundin und später dann
meine Frau geworden. Das hat sich aber lange hingezogen.“
Und Ihre Frau ist sozusagen mit Ihnen und Ihrer Reisetätigkeit
aufgewachsen, so dass sie nicht enttäuscht war, als Sie – wie Sie es
Kinofilm verraten – direkt nach der Geburt Ihres erstens Sohnes wieder
auf Reisen gegangen sind?
„Nein, meine Frau wusste, was auf sie zukommt. Wir hatten jahrelang
schon eine flüchtige Beziehung, eine heimliche damals noch, und die
ist dann eine offizielle, eine verheiratete geworden. Und nachdem ich
dann verheiratet war, da war es dann auch nicht mehr so, dass wir drei
Männer den Weibern so schrecklich auf der Spur waren.“ (grinst)
Ich glaube, der Ton-Mann Stefan Ravasz, ist ein Single?
„Ja,, Stefan kriegt’s nicht so auf die Reihe, er ist immer noch zu
haben.“ (lächelt)
Wie gehen Sie persönlich bei den Gespräche für „Gernstls
Deutschlandreise“ mit der unterschiedlichen Intensität um? Brauchen
Sie nach einem Gespräch wie in Folge 8 – Vom Bodensee ins Inntal – mit
einem Allgäuer, der Särge kunstvoll bemalt und auch vor der Kamera
weint, eine Verschnaufpause oder können Sie – wie es im Film dann
geschnitten ist – mit dem Kamera- und Ton-Mann gleich zum nächsten
fahren?
„Nein, klar, so fließbandartig geht das nicht dahin, wie es dann im
Film aussieht. Das war schon so eine Geschichte, wo wir uns danach
erst einmal hingehockt haben, ein Bier getrunken haben und darüber
geredet haben, was wir drei zu dem meinen, was uns dieser Mann erzählt
hat. Ich meine, es gibt öfter mal so Leute, die einem so ein bisschen
Tiefgang vorspielen. Aber bei diesem Menschen war das wirklich ernst
und er hat tatsächlich vor der Kamera geweint. Und das ist dann schon
so eine Situation, in der es auch mir selbst an die Seele geht. Manche
Geschichten gehen mir mehr ans Herz, als man es dann im Film merkt.
Und dieser Mann ist von seiner eigenen Geschichte sehr angerührt
gewesen. Er hat viele Dinge erlebt und ich habe bewusst Dinge heraus
geschnitten, die ich nicht herzeigen mag. (atmet tief durch): „Man
sagt immer, es wäre ein Glücksfall, wenn einer seine Seele so nach
außen kehrt, das soll aber nicht zynisch wirken.“
Haben die Leute, denen Sie auf Ihren Reisen begegnen und mit denen
Sie Ihre Gespräche führen, ein Mitspracherecht bei dem, was hinterher
davon gesendet wird oder nicht?
„Nein, das erlaube ich überhaupt nicht. Ich sage den Menschen, wenn
ich mit ihnen gedreht habe, entweder vertraust du mir und ich mache
mit dem Material, was mir für uns beide sinnvoll erscheint, oder aber
wir lassen es bleiben. Wenn mir jemand im Vorfeld sagt, er möchte
hinterher das Material sehen oder beim Schnitt mitreden, dann lehne
ich das ab. Und es hat sich hinterher aber auch noch nie ein Mensch
beschwert.“
Warum ist das Ihrer Meinung nach so?
„Was wir in Wahrheit machen, ist doch, wir machen die Leute, mit denen
wir sehr viel Zeit verbringen, einfach zu Helden. Das sind vielleicht,
wenn man das über einen ganzen Tag beobachten würde oder über eine
Woche, dann sind die natürlich mit Ups And Downs und guten und
schlechten Eigenschaften versehen wie jeder Mensch. Aber wenn ich
jemanden treffe und ihn porträtiere, dann kehre ich wirklich die
schönsten Seiten heraus – und das mache ich ganz ungeniert. Es ist
keine objektive Berichterstattung, was wir machen.“
Sondern?
„Ich suche mir die interessantesten Leute, die ich am sympathischsten
finde, die so ihr Leben im Griff haben, heraus, und dann versuche ich,
sie jeweils für einen kurzen Moment auf eine Plattform oder ein Podest
zu stellen, und zu sagen, das gefällt mir an dir, das gefällt mir an
dir und das gefällt mir auch noch. Und die paar Sachen, die mir
vielleicht nicht an dir gefallen, die muss ich ja nicht dem
Fernsehzuschauer zeigen.“
Lassen Sie uns über Ihre Söhne, Jonas (24) und Oliver (18) , reden,
von denen Oliver zumindest beim Kinofilm auch im Abspann namentlich
auftaucht. Sind beide in Ihre Arbeit involviert?
„Beim Kleinen, beim Oliver, war das ein Ferienjob, der hat ein paar
Wochen im Originalmaterial gestöbert und versucht, darin Outtakes zu
finden. Und der Große, der Jonas, hat sich jetzt gerade für die
Filmhochschule beworben und ist auch genommen worden. Der studiert
jetzt in München Dokumentarfilm, was er lange Jahre nicht machen
wollte, weil er es immer blöd fand, wenn die Lehrer ihm gesagt haben,
bist du der kleine Gernstl? (lächelt) Deshalb wollte Jonas gar nicht
damit zu tun haben, aber jetzt hat er doch seine Liebe dafür entdeckt
und auch schon ein paar ganz schöne Dinge gemacht.“
Finden Sie es in Ordnung, dass zumindest der Große nun in Ihre
Fußstapfen tritt oder sagen Sie, das Berufsleben eines
Dokumentarfilmers wird auch nicht leichter?
„Ich persönlich hätte ihn niemals geschubst, aber es freut mich
natürlich sehr. Es freut mich auch, dass er Dokumentarfilm lieber mag
als Spielfilm. Und Jonas hat auch ein Talent dazu, er hat ein ganz
gutes Gespür für Menschen.“
Wenn man über Sie oft schreibt, dass Sie eigentlich Anti-Fernsehen
machen und die Leute mehr zum Miteinander reden bringen wollen, können
Sie sagen, was Sie gerne im Fernsehen ansehen?
„Ich schaue im Wesentlichen und sehr gern Reportagen, muss ich schon
sagen.“
Und was sehen Sie sich gar nicht an?
„Ehrlich gesagt, schaue ich nur ganz wenig fern. Ich mag jetzt gar
nicht über die Privaten schimpfen, aber da macht es mir relativ wenig
Spaß, zu zuschauen, weil die sich so eine Wirklichkeit zurecht biegen.
Und so altmodisch wie der BR sein mag, er ist doch in vielen Dingen
wahrhaftig. Ich mag ja diese aufgeblasenen Reportage-Sendungen nicht,
wo man die Leute reißerisch vorführt und die zu Dingen bewegt, die sie
tun sollen, die sie eigentlich gar nicht tun mögen und steckt ihnen
dann noch Geld zu – und dann sollen sie sich möglichst blöde benehmen.
Da gibt es durchaus eigenartige Produktionsmethoden und da lobe ich
mir dann doch immer wieder so einen etwas altmodischen
öffentlich-rechtlichen Sender, wo die Leute n noch so sein dürfen, wie
sie tatsächlich sind.“
Können Sie sich selbst gut im Fernsehen bei der Ausstrahlung
zusehen oder eher nicht?`
„Komischerweise mag ich das Zuhause ganz gerne. Ich mache das dann
auch gerne mit Familie und in der Wohnzimmeratmosphäre, weil das dann
immer völlig anders ist als im Schneideraum. Da merke ich dann auch
Dinge, die mir bis zur Ausstrahlung nie aufgefallen sind. Das ist
einfach die eigentliche Situation, in der man so einen Film
konsumiert. Wenn dann die Trambahn im Hintergrund vorbeifährt und
irgendwo schreit noch ein Kind, und man ist nicht ganz so aufmerksam
wie im Schneideraum, dann fallen mir doch Dinge auf, die ich im
Schneideraum nie gesehen habe. Also, höchst eigenartig. Es ist nicht
so, als wenn ich mich andauernd im Spiegel bewundern würde, aber ich
habe mich inzwischen durch die ganze Filmerei, und ich habe ja viel
Zeit mit mir im Schneideraum verbracht, mich also wirklich gut kennen
gelernt, von allen Seiten, normal sieht man sich ja bloß von vorne.
Ich merke auch, wenn mir etwas peinlich ist und ich eine Situation
nicht richtig im Griff habe. Das ist so ein gewisses Maß an
Selbsterfahrung, wenn man sich ständig beobachtet – und ich habe mich
aber noch nicht über, nee.“ (lächelt)
©Wolfgang Wittenburg - Infoauswertung honorarpflichtig (07/2008)
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