Mysterious Women, copyright Sylvia Knelles

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Armin Mueller-Stahl - „Der Rummel als Schauspieler interessiert mich null!“
Wer den schauspielernden Weltstar lediglich als unseren Mann in Hollywood wahrnimmt, der straft drei seiner weiteren Talente mit Missachtung wie nun nicht zuletzt durch die neue Porträt-Sendereihe „Deutschland Deine Künstler“ deutlich wird

 
Nachdem Armin Mueller-Stahl (77) bereits examinierter Konzertgeiger war und ein Jahr in Ostberlin als Dozent tätig, wechselte der in Tilsit geborene Sohn eines Bankbeamten doch noch in seine andere Passion und damit in den Schauspielberuf. Allerdings war dies zu Beginn nicht so einfach, denn er musste das Studium nach nur einem Jahr wegen „mangelnder Begabung“ wieder abbrechen. Heute ist Armin Mueller-Stahl als Schauspieler längst ein umjubelter Weltstar und schafft es immer wieder, das gewisse Etwas in jede einzelne seiner Charakterrollen zu legen, es auch dem Publikum zu vermitteln. Mit Filmen wie „Night On Earth“ und „Das Geisterhaus“ war er erfolgreich und am 25. Dezember startet der Kinofilm „Buddenbrooks“ mit ihm als Konsul Jean Buddenbrook in der Hauptrolle. Wer aber Armin Mueller-Stahl lediglich als unseren Mann in Hollywood wahrnimmt, der straft drei seiner weiteren Talente mit bloßer Missachtung. Die neue ARD-Sendereihe „Deutschland Deine Künstler“ (ab 2. Juli, sechsmal mittwochs und donnerstags, um 23.30 Uhr und 22.45 Uhr) möchte aktuelle Kunstströmungen durch Portraits herausragender Vertreter ihres Faches sichtbar und begreifbar machen. Mit einem Film über den ebenso zurückhaltenden wie sympathischen Armin Mueller-Stahl, seit 35 Jahren mit Ehefrau Gabriele, einer Fachärztin für Hautkrankheiten, verheiratet und Vater von Filmemacher Christian Mueller-Stahl (34), beginnt die sechsteilige Sendereihe (2. Juli, 23.30 Uhr) und wir trafen Armin Mueller-Stahl deshalb zum Interview:

 
Wenn Sie den Begriff Multitalent vielleicht etwas überheblich finden, so sind Sie doch ein stolzes Vierfach-Talent. Welche Bedeutung hat die Malerei gegenwärtig für Sie neben der Schauspielerei, neben dem Musizieren und dem Schreiben?
„Ehrlich gesagt, die Malerei wird im Moment immer vordergründiger. Frank-Thomas Gaulin, ein Galerist aus Lübeck, ist derjenige, der sozusagen die Malerei in mir ans Tageslicht befördert hatte, denn er sagte vor vierzig Jahren: ,Stelle deine Bilder doch mal aus.‘ Und ich antwortete: Wenn der liebe Gott mir ein langes Leben schenkt,  mich 70 werden lässt, dann werde ich ausstellen. Und dann bin ich 70 geworden und habe ausgestellt. Das hat widerum Frank-Thomas Gaulin gesehen und dann ist es im Selbstlauf geschehen.“

 
Fühlen Sie sich denn auch in Ihrer Haut als Maler wohl?
„Ich muss sagen, ich bin dem Schicksal sehr dankbar, dass dieser Galerist mich sowohl entdeckt hat, als auch die Resonanz auf die Malerei eine so enorme ist. Das hat mir viel Freude im Leben geschenkt und ich bin dankbar, dass das passiert ist, denn es macht mich kreativer. In meiner Biografie war die Malerei nicht so vorgesehen. Nun ist sie es und sie nimmt – neben der Schauspielerei, die Schauspielerei verschwindet allmählich – dramatisch zu, denn das sind für mich die Entdeckungsfahrten.“

 
Welche Maler-Kollegen hätten Sie persönlich gerne in einer eventuell nächsten Staffel der ARD-Sendereihe „Deutschland Deine Künstler“ porträtiert? Wer sind „Ihre“ Künstler in Deutschland?
„Das ist schwer zu sagen, ich würde einige aus der Kiste holen wollen und dann mit ihnen Filme machen wollen. Aber es wäre sicherlich eine von den Expressionisten, von den Lebenden. Das wird aber hoffentlich noch geschehen, wenn es Gerhard Richter ist oder ob es. Neo Rauch ist. Welches die Maler sind werden die Verantwortlichen selbst noch entscheiden. Es ist immer gefährlich, die zu nehmen, die im Moment gerade hoch im Kurs sind, deren Bilder in Millionen verkauft werden, weil die Gefahr besteht, dass das in den nächsten 20 Jahren nicht mehr so sein könnte. Ich weiß nicht, man muss ein bisschen vorsichtig sein mit den Entdeckungen. Man muss ein bisschen lernen, seinen eigenen Augen zu trauen und die eigenen Augen auch noch kritisch über Kunstwerke urteilen zu lassen.“

 
Tun Sie das?
„Ich war kürzlich in einer Ausstellung in Los Angeles, im County-Museum, Moderne Kunst, die haben eine ganze Halle dafür angebaut. Und da fand ich so viele bezahlte Scheußlichkeiten, teuer bezahlte, was man von Gerhard Richter nicht sagen kann. So viele Scheußlichkeiten, wirklich widerwärtig, Exkremente von Tieren, von Menschen, waren da ausgestellt. In Moskau werden in einer anderen Ausstellung gerade rote Tampons ausgestellt. Da wird eine Kunst produziert, ich habe wirklich das Gefühl, da ist es das Ende. Aber es wird ein neuer Anfangs kommen und ein Kollege von mir in Los Angeles, mit dem ich einen Film gedreht habe, der Maler und Regisseur ist und ein wunderbarer Drehbuchautor ist, George Gallow, sagte: Ich will Dir prophezeien, was geschehen wird, die neue Kunstrichtung wird, es wird irgendwann wieder gemalt werden.“

 
Kommen wir zu Ihrer nächsten großen Passion, der Musik. Wie oft muss der examinierte Konzertgeiger Armin Mueller-Stahl üben, um sein Niveau zu halten?
„Ich übe ja schon gar nicht mehr, eigentlich schon 40 Jahre nicht mehr. Ich kann die Leute auch mit meiner Geige höchstens noch verblüffen. Es ist ja nicht so, dass ich die Leute wirklich groß beeindrucke, sondern es  sind Selbstgespräche, die ich mit meiner Geige führe. Eines muss ich allerdings sagen, die Geige ist ein lebenslanger Freund geblieben, bis zum heutigen Tage. Und hin und wieder nehme ich die Geige vor, wenn es mir nicht so gut geht, dann spreche ich mit meiner Geige eine wenig – und sie macht mich heiter.“

 
Erleben Sie selbst Ihre vielen Talente eher als Konkurrenten, um einen Anteil an Lebenszeit oder jetzt, im reiferen Alter, gewissermaßen als Geschwister, die in Ihrer Person in Frieden und Harmonie vereint sind?
„Sie leben in Harmonie und großer Gemeinsamkeit miteinander und ich habe nie das Gefühl, dass es überhaupt andere Berufe sind, die ich ausführe. Ich habe immer das Gefühl, beim Malen bin ich auch Schauspieler und Musiker. Meine Leidenschaft für Musik ist so groß, dass ich, als ich die Komponisten gemalt habe, die ich gemalt habe, mir immer auch deren Musik anhöre. Ich entdecker immer Neues.“

 
Zum Beispiel?
„Merkwürdigerweise hat die Naturr, die uns mit den Augen sehr verwöhnt hat, was es alles gibt, in der Natur: Farben, Blumen, Tiere, Formen, die Bäume, all die unterschiedlichen. Sie hat uns nicht verwöhnt, was die Ohren angeht. Es gibt zwar die Lerche und es gibt auch die Nachtigall, aber eine Harmonie habe ich in der Natur bisher nicht gefunden. Ich habe sie dann aber doch entdeckt, und da sind es tatsächlich wieder die Bäume. Und wenn man hört, in einem bestimmten, sagen wir Windzustand, in den Wald geht, dann hört man eine Harmonie, nämlich die Äste vibrieren anders, starke Äste sind langsamer als dünne Äste. Es ist dann ein allgemeiner Ton wie Sing-Sang. Und man kann darüber tatsächlich komponieren. (Er stimmt summend das Lied „Danke“ an) Diese Harmonie ist vorhanden! Es gibt in der Natur auch etwas für das verwöhnte Ohr. Und insofern sehe ich überall die Gemeinsamkeit, die uns verbindet, Musik, Schauspielerei, die Energien sind dieselben und ich habe nie das Gefühl, ich mache etwas anderes, als was ich mein ganzes Leben mache. Ich benutze beim Malen nur den Pinsel, statt der Sprache.“

 
Der Film zeigt Sie auch im amerikanischen Pacific Palisades, wo Sie heute mit Ihrer Ehefrau leben. Hat der Wechsel dorthin Ihre künstlerische Arbeit beeinflusst?
„Die großen Bilder, die habe ich hauptsächlich in Deutschland gemacht und – wie hat mich der Wechsel beeinflusst? Es sind andere Lichter. In Los Angeles, da muss man lernen, mit den Lichtern umzugehen. Es ist ein helles Licht, das frisst eigentlich die Farben auf. Das Grün ist nicht so grün, deswegen sind die Farben, die vorkommen, viel brutaler und genauer als hier. Die Blumen sind weißer, das Rot ist roter als hier. Man muss sich als Maler gegen das helle Licht durchsetzen.“

 
Haben Sie beim Malen besondere Vorlieben?
„Es gibt ein Haus in Malibu, dass ist rot, besser, die Sonnenuntergänge machen es immer rot. Ich habe eine ganze Serie über dieses rote Haus gemalt. Das rote Haus impliziert für mich allerdings auch gleichzeitig die berühmten Turm-Untergängen von New York, 9/11, denn die rote Farbe ist für mich eine dominierende Farbe, sie impliziert den Sonnenuntergang, den Sonnenaufgang, die Liebe, die Rosen, die Lippen, die Schönheit. Rot ist aber auch die Farbe des Blutes, des Feuers, des Unterganges, des Todes. Dieses rote Haus in Malibu, das habe ich immer mit Staunen gesehen. Zwischen all den weißen Häusern war ein knallig rotes. Und dann bin ich mal dorthin gefahren und habe festgestellt, dieses Haus ist weiß, es ist überhaupt nicht rot. Sondern die Sonnenuntergänge machen es rot, stellen es in einem dramatischen Rot dar. Immer, wenn ich vorbei fahre, sehe ich dieses Haus rot, es ist aber tatsächlich weiß. Es ist eine Lebenslüge, die mir da aufgetischt wird. Und mir gefällt das. Das beeinflusst mich, weil ich sehe, man muss mit den Farben, mit den Lichtern anders umgehen. Aber man ist auch auf der Suche nach anderen Formen, denn man hat vorne den Pazifik, das nicht enden wollende Meer. Ich gucke auf den Pazifik. Und hinten habe ich die Rocky Mountains, diese ungeheuren Formen dessen, was das Leben alles zu liefern hat. Und das hat mich auf den Gedanken gebracht, dass es sich lohnt, dort Landschaften festzuhalten, was ich bisher nicht gemacht hatte. Dort habe ich begonnen, Landschaften zu malen. Oder PCH Number One, das ist der Highway von Los Angeles nach San Francisco hinauf. Die vielen Brücken, die es dort gibt. Die LIchtkontraste. All das hat mich beeinflusst – aber das ist die Natur selbst und es sind nicht bestimmte Maler.“

 
Man hat den Eindruck, dass der Star-Rummel, der mit Ihrer Arbeit als Schauspieler sehr oft verbunden ist, doch sehr weit weg von Ihnen persönlich  ist. Achten Sie sehr bewusst auf Abstand, legen Sie ganz bewusst eine Distanz zwischen sich und diesen Begleiterscheinungen Ihrer anderen Arbeit?
„Die Malerei hat im Wesentlichen damit zu tun, dass ich mit mir selbst beschäftigt bin, mit meinem Geschmack. Ich trainiere .auch meinen Geschmack beim Malen. Die Farben werden anders. Was bedeutet für Sie schwarz? Was bedeutet für Sie braun? Das sind alles sozusagen Entwicklungsstadien, die man durchläuft und die einen sehr beeinflussen. Der Rummel des Schauspielers, was dort passiert, interessiert mich null.“

 
Tatsächlich?
„Ich treffe im Schauspielberuf aber immer wieder, muss ich sagen, wunderbare Leute. Ich habe gerade mit Tom Hanks zusammen gearbeitet, ein wunderbarer Schauspieler und gut informiert. Wir lernen uns kennen, wir sind zum ersten Mal zusammen gekommen. Wir gehen aufeinander zu, ich wollte ihm Guten Tag sagen, und er umarmt mich. Tom Hanks sagte, er habe mich dort und dort in Filmen gesehen. Er sagte mir auch, er möchte schon immer einen Film über Dean Reed drehen, und dies werde er auch noch machen, Dean Reed war ein Sänger in der DDR, und ich war überrascht, wie informiert Tom Hanks über Vorgänge in Deutschland ist. Wir sprachen auch über Scientology, und ich habe ihn gefragt, was er darüber denkt – Stirnrunzeln. Und dann fragte ich Ron Howard , der Regisseur ist, was er davon hält – Stirnrunzeln. Es waren alles diese Gesichter und  sie mussten nicht antworten.“

 
Bemerken Sie bei Begegnungen mit Kollegen wie Tom Hanks eine gleiche Wellenlänge und Sympathie?
„Absolut! Ich bin wirklich überrascht, dass zum Beispiel Tom Hanks Bücher von Christa Wolf gelesen hat und sehr genau. Er sprach sogar ein bestimmtes Buch an und ich sagte: I’am sorry, tut mir leid, ich kenne dieses Buch nicht. Ich habe es nicht gelesen. Ich bin also im Nachholbedarf und ich bin dem unterlegen. Was mir aber sehr angenehm ist. Ich erlebe immer wieder unter diesen Kollegen, die sich vom Rummel fernhalten, auch Tom Hanks ist nicht unentwegt in den Blättern zu sehen oder Robert Redfort, nehmen Sie die Entwicklung von Leuten wie Brad Pitt – das sind alles sehr angenehme Entwicklungen, weil diese Menschen sagen, es ist schön, Geld zu haben, aber ich mache damit etwas. Ich bin ein Brückenbauer. Es wird immer dann gefährlich bei den Stars, wenn sie glauben, sie kriegen das viele Geld zu Recht. (atmet tief durch) Das ist der gefährliche Moment im Leben, denn sie bekommen das viele Geld  natürlich nicht zu Recht. Es ist ein Lebensprivileg und das begreifen viele nicht, aber die es begreifen, sind besonders angenehm. Punkt.“ (schmunzelt)

 
Wo bleibt in dem ARD-Porträt über Sie das vierte Talent, das Schreiben?
„Auch das kommt im Verlaufe des Films vor, es wird aber eher nur gestreift und das ist auch gut so, denn sonst fragt man, kann der denn auch noch etwas mit den Ohren?“ (lächelt)

 
Haben Sie sich in dem Portrait denn sofort wieder erkannt oder waren Sie sich womöglich teilweise mal fremd?
„Natürlich habe ich mich wieder erkannt. Ich kenne ja mein dummes Gesicht nun aus 140 Filmen und jeden Morgen aus dem Spiegel noch dazu.“

 
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Begriff heimatlos, vertrieben und Ihrem kreativen Schaffen? Es fällt auf, dass viele deutsche Künstler erst durch den Weggang ins Ausland künstlerisch befähigt werden. Wie war das bei Ihnen?
„Wichtig ist, dass ich die DDR verlassen habe, denn dort war ich angekommen. Ich habe dort viele Lieder geschrieben, aber das wurde nicht animiert, sondern ich wurde immer gebremst, meine Lieder zu schreiben, denn ich versuchte natürlich, auf beinahe skurrile Weise meinen Widerspruch anzumelden mit einigen Problemen. Und als mal versuchte, dort im Fernsehen ein Chanson in einer fast Yves-Montant-Weise vorzutragen – es regnete da. Natürlich ist Regen  ein schönes Motiv, um ein Chanson  zu machen. Aber man sagte, Nein, das geht nicht: Im Sozialismus scheint die Sonne. Das wurde mir verboten und solche Dinge habe natürlich in Hülle und Fülle erlebt.“
Und wie sind Sie damit umgegangen?
„Das Publikum hat meine Einstellung trotzdem mitbekommen, zum Beispiel zu Ulbricht. Ich habe Zwei- oder Vierzeiler gemacht, einer hieß dann: War ein Baum, ganz voller Äpfel, wäre beinahe ein Apfelbaum. Nur ganz oben, in der Spitze, wächst ganz einsam eine Pflaum. Diese Pflaume hängt am Baume bei den Äpfeln, wie ein Spuk, arrogant blickt sie um sich, ich bin eine Pflaume, guck. Das wurde verstanden. Im Ausland durfte ich dieses Lied nicht vortragen. Oder eine blaue Kuh, die sich selbst austrinkt und immer magerer wird. Was haben sie damit gemeint, wurde ich gefragt. Ist das die Partei, die sich selbst die Füße abschlägt? Eine Kuh trinkt sich doch nicht selber aus.“

 
Sehr interessant!
„Bis zum heutigen Tage schreibe ich manchmal unter meine Bilder Vierzeiler. Als der erste Golfkrieg begann, am 16. 1. 91. Das war mein erster Drehtag für ,Night On Earth‘ Ich setzte mir also diese Nase auf und arbeitete. Und dann habe ich mich hingesetze und ins Drehbuch geschrieben: Ich muss mal sehen, ob ich das noch im Kopf habe? Der Präsident, Georg Bush der erste, war immer treu der Barbara. Doch schmiss er Bomben rigoros fernab von Nordamerika. Das scheuchte auf den Scheich Bin Laden und seine Terroriinsky. Da ist mir lieber Clintons Sex mit Monika Lewinsky. (lächelt) Das sind so Dinge,, die aus meiner Feder fließen, weil das trifft. Also gut, dass habe ich etwas später nachgemacht.“ (lächelt wieder)

 
Während Sie sich beim Film penibel an Drehpläne und Dispositionen halten müssen, können Sie sagen, ob es bei Ihren anderen Talenten eine Tages- oder auch Nachtzeit gibt, zu der Sie besonders kreativ sind? Und welche Rolle nimmt Ihre Frau bei all Ihren Talenten ein? Ist Sie beim Film eher Kritikerin und bei der Malerei auch mal Muse?
„Überhaupt, meine beste Entscheidung in meinem Leben war, meine Frau geheiratet zu haben. Das war die absolut beste Entscheidung. Meine Frau ist gewissermaßen das Fundament meines Lebens. Sie nimmt aber nicht teil, an den Entscheidungen, die ich mache, gelegentlich liest sie mal ein Drehbuch. Meine Frau ist Ärzten von Beruf und als ich die ,Schwarzwaldklinik‘ drehen sollte, sagte ich, guck mal, das geht um einen Chefarzt. Würdest du mal lesen und mir sagen, was du davon hälst? Und dann sagte sie,: Ach, Mensch, das ist ja tief wie eine Pfütze.‘ Und das war auch der Grund, zu sagen, ich gehöre da nicht rein. Ich muss das nicht machen. Wobei ich nichts gegen den Darsteller Klausjürgen Wussow sage, den ich für einen glänzenden Schauspieler gehalten habe. Ich habe ihn in der Rolle wunderbar gesehen.“

 
Jeder ist seines Glückes Schmied?
„Es ist jedermanns freie Entscheidung, zu wählen, was er machen will. Nur für mich war es nicht richtig. Also habe ich mich entschieden und das war die einzig mutige Tat in meinem Leben, Nein zu sagen, denn ich hatte ja nichts anderes, wo ich Ja sagen konnte. Man gibt schon eine Sicherheit auf und jeder hat das Bedürfnis nach Sicherheit. Aber ich habe mich überwunden, Nein zu sagen, und dann ist das Leben manchmal sogar auf merkwürdige Weise mit anderen Angeboten bereit, da zustehen und man wird belohnt in gewisser Weise für eine nicht ganz unmutige Tat.“

 
In dem Porträt malen Sie bei Lampenlicht und wenn Sie Ihre Bilder zum Trocknen ablegen, dann sieht man den Einfall von Tageslicht. Gibt es eine Tageszeit oder Nachtzeit, zu der Sie besonders kreativ sind?
„Das ist ganz wurscht. Beim Malen, das ist das Schöne, ich mache es dann, wenn ich das Gefühl habe, ich muss es tun. Und das ist am liebsten eigentlich immer vormittags, denn da sind die Farben frisch zu sehen. Ich habe auch gerne Farben, die schnell trocknen,  deswegen habe ich Schwierigkeiten, mit Öl zu arbeiten, dann da dauert es Ewigkeiten bis die Farben getrocknet sind. Das kann ich mir erst leisten, wenn ich ein großes Atelier habe, dann kann ich nämlich dort beginnen und mache mit einem anderen weiter, und dann stelle ich fünf Bilder gleichzeitig auf. Dann kann ich auch wieder öl  benutzen, was ich hin und wieder getan habe, aber das trocknet lange, und andere Materialien gehen schnell, deswegen benutze ich lieber schnell trocknende Farben.“

 
Bei den Dreharbeiten zu den „Buddenbrooks“ haben Sie im Drehbuch gezeichnet – wie kam es dazu?
„Ich kann das genau sagen, wie das gekommen ist – wenn ich das kurz einfügen darf, ich habe alle Drehbuchseiten bemalt, es sind 374. Ich habe sie alle bemalt und das hatte einen Grund. Ich hatte irgendwann mal, vor langen, langen Jahren, einen Traum, das war ein Alptraum.“

 
Wie sah der aus?
„Ich träumte, ich soll alle meine Texte, die ich je in meinem Leben gesprochen habe, in Filmen, auf der Bühne, in Lesungen, die soll ich hintereinander aufsprechen. Beginnend beim letzten Film, den ich gemacht habe, aufhörend beim ersten Satz, den ich auf der Bühne gesprochen habe. Und ich sagte in dem Traum:  Da bin ich ja ein halbes jahr mit Sprechen beschäftigt. Aber die Seiten waren in meinem Traum alle ausgebreitet. Ich begann ganz hinten, mit der letzten Rolle, in der ich – nebenbei gesagt – erschossen werde, und höre auf mit dem Satz: Der Herzog rückt an – und das war mein erster Satz im ,Armen Konrad‘, auf der Bühne des Schiffbauerdamm Theaters. Im Traum viel mir dann ein Trick ein. Ich sagte, ich werde einfach alle Seiten bemalen, dann kann sie nicht mehr lesen. Und, als ich aufwachte, dachte ich, das ist eigentlich ein schöner Einfall. Dann habe ich das BUch ,Gedanken an Marie Luise‘ geschrieben. Der Maler, der in diesem Buch Liebesbriefe an seine Geliebte schreibt, die aber diese Liebesbriefe nicht öffnet und auch nicht lesen will. Er nimmt sie alle zurück, die vielen, vielen Briefe, jeden Tag hat er ihr einen Brief geschrieben. Er nimmt sie alle zurück. Und voller Ärger will er sie nicht mehr lesen und er bemalt sie. Dabei wird er immer glücklicher. Am Anfang war er deprimiert und er wird mit dem Malen immer heiterer, denn er entdeckt plötzlich, die Lust am Kreativsein. Was sind das für Motive. Und dieselben Sachen mache ich auch beim Drehen.“

 
Finden Sie es nur angenehm, das Drehen mit dem Malen zu kombinieren oder kann das auch mal Stress werden?
„Beim Drehen der ,Buddenbrooks‘, ich habe gleichzeitig den amerikanischen Film ,The International‘ mit To, Tykwer gedreht, da hatten wir Zeit, weil viel Geld vorhanden war. Bei den Buddenbrooks mussten wir eilen, mit einem Riesentempo wurden wir konfrontiert, das heißt, wir waren schnell. Und so malte ich auch meine Bilder. Gefühle, die sich auf dem Papier widerspiegeln, sie sind schnell, rasant, Farben, Striche, manchmal Kollegen dabei. Manchmal auch etwas anderes, was ich gerade gesehen habe, was mich interessiert. Das ist immer so. Filmemacher glauben immer, das Filmemachen ist das Zentrum allen Lebens. Und das ist sicherlich auch richtig, das müssen sie glauben. Aber links und rechts passiert  noch vieles. Es passieren die großen Weltuntergänge neben den Filmarbeiten. Irgendwo eine Naturkatastrofe. Da dieses Unglück, dort ein Krieg. Was alles geschieht. In einem friedlichen Jahr wie dem letzten sterben 15 Million Menschen an Hunger, an Aids, an Krieg, an Erdbeben, an, weiß Teufel was alles. Da geschieht etwas. Aber Filmleute denken nur, der Film ist das Wichtigste. Und all dieses, was nebenbei noch geschieht und was mich interessiert, das schlägt sich in den Zeichnungen nieder. Da sinken zwei Türme ins eigene Grab, mit Tausenden Insassen an Bord, und sie sinken herab – wenn man diese schrecklichen Bilder sieht – wie Könige, langsam. Und man stellt sich vor, mein Gott, da sitzen Menschen drinnen. Das sind alles Eindrücke, die in den Bildern hin und wieder reflektiert werden. Meine Gefühle finden dort wieder statt und das findet man sicherlich in diesen Bildern dort oder auch heitere Begegnungen natürlich. Gleichzeitig ist es für mich widerum auch ein Tagebuch, denn unter den Bildern sehe ich den geschriebenen Text des Drehbuches. Und dann stelle ich fest, oh, das war ein schöner Tag. Und dann auch: Nein, das war zu schnell, wir mussten dieses drehen und haben nicht alles geschafft. Was haben wir da macht? Für mich ist es wie ein gemaltes Tagebuch. Und in gewisser Weise sind die gemalten Tagebücher ehrlicher, als die geschriebenen. Bei den geschriebenen, wann immer ich ein Tagebuch lese, auch von Kollegen, merke ich, aha, die Worte suchen nach einer Pointe. Worte sind auf der Suche nach irgendetwas. Und schon beginnt man, zu schwindeln. Beim Zeichnen nicht. Man hält jemanden fest. Oh, da sehe ich seine Hand. Ich schwindele nicht, ich bin ehrlicher. Also, das wird, hoffentlich zum Teil sichtbar sein, wenn da geschmiert ist, es geht nicht um Schönheit, ich will damit niemanden beeindrucken. Es ist manchmal brutal und manchmal heiter. Manchmal erkennt man Kollegen. Ich weiß auch nicht, man wird sehen.“

 
Was meinen Sie, kann es Ihnen passieren, dass Ihre Begabung und Begeisterung für die Malerei so wie das Talent als Schauspieler im Film, nach 140 Bildern immer weniger wird – und wie ist es mit Schreiben?
„Mit dem Schreiben wird es weniger, weil ich relativ erfolglos schreibe – sehr erfolglos im Sinne von verkaufen. Aber ich schreibe auch nur das, was mir gefällt. Meine Bücher sind relativ erfolglos, bis auf ,Hannah‘, das ist sogar in zwei andere Sprachen übersetzt worden.Ich werde immer wieder in Amerika gefragt, wann kann man die Bücher lesen? Ich wurde mal gefragt, nebenbei gesagt, es war ein Verleger in Amerika, in der ECM, wo ich zuerst war, wir würden gerne ihre Bücher verlegen, sie müssen nur übersetzt werden.“

 
Aber?
„Ich hatte weder Zeit, noch, ehrlich gesagt, war mein Bedürfnis ganz groß, das nun in die Welt zu bringen, was ich geschrieben habe, weil ich Filme gedreht habe und weil ich in gewisser Weise auch lieber andere Arbeit gemacht habe. Der kreative Vorgang ansich ist das, was mich sozusagen am Leben hält, es ist nicht unbedingt der Gedanke, wie kann ich das nun vermarkten. Aber das ist natürlich selten, wie Sie wissen, wenn man erfolgreich sein will, die Vermarktungsindustrie ist die stärkste in Hollywood. Einen Film machen, kostet soundso viel Millionen und die Vermarktung des Filmes kostet manchmal noch mehr.“


 

Das ist aber nicht Ihre Triebfeder in Bezug auf das Schreiben und das Malen?

„Ich will nur sagen, mein Interesse an der Vermarktung war nie so groß. Ich male auch nicht das, was gefallen könnte. Ich würde vielleicht Blumen malen, die verkaufen sich leicht. Ich habe im County-Museum kürzlich gelesen, als Kunst, ein Bild gemalt und da stand drauf: Landschaften verkaufen sich besser als Städte. Blumen verkaufen sich besser als Bäume. Bullen verkaufen sich besser als Kühe. Hennen verkaufen sich besser als Ratten. Eine Liste von dem, was sich am besten verkauft – und das als Kunst ausgegeben. Das darf nicht wahr sein. Daran denke ich überhaupt nicht. Helle Farben verkaufen sich besser als dunkle. Aber ich liebe gerade dunkle Farben. Ich liebe Schwarz nicht nur als Anzug, das ist nicht unbedingt mein Ding. Aber schwarz als einen Hintergrund, denn man muss dann vorsichtig mit Farben umgehen, wenn man schwarz benutzt. Man kann das Rot nicht platt malen,  denn das springt dann raus. Das wird dann so hawaianische Malerei. Und die Hawaiianer, die ich jetzt  gerade wieder in den Galerien angeguckt habe, die malen deswegen so bunt, weil es sich so verkaufen lassen. Sie sehen so viele Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge, wie da gemalt werden, die gibt es nirgendwo auf der Welt, aber sie verkaufen sich gut. Ich will damit sagen, mich interessiert der kreative Vorgang und die Malerei, um endlich ihre Frage zu beantworten, die Malerei, die beginnt ja erst.“ (lächelt)

©Wolfgang Wittenburg - Infoauswertung honorarpflichtig (06/2008)

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