Wer den schauspielernden Weltstar lediglich als
unseren Mann in Hollywood wahrnimmt, der straft drei seiner weiteren
Talente mit Missachtung wie nun nicht zuletzt durch die neue
Porträt-Sendereihe „Deutschland Deine Künstler“ deutlich wird
Nachdem Armin Mueller-Stahl (77) bereits examinierter
Konzertgeiger war und ein Jahr in Ostberlin als Dozent tätig,
wechselte der in Tilsit geborene Sohn eines Bankbeamten doch noch in
seine andere Passion und damit in den Schauspielberuf. Allerdings
war dies zu Beginn nicht so einfach, denn er musste das Studium nach
nur einem Jahr wegen „mangelnder Begabung“ wieder abbrechen. Heute
ist Armin Mueller-Stahl als Schauspieler längst ein umjubelter
Weltstar und schafft es immer wieder, das gewisse Etwas in jede
einzelne seiner Charakterrollen zu legen, es auch dem Publikum zu
vermitteln. Mit Filmen wie „Night On Earth“ und „Das Geisterhaus“
war er erfolgreich und am 25. Dezember startet der Kinofilm
„Buddenbrooks“ mit ihm als Konsul Jean Buddenbrook in der
Hauptrolle. Wer aber Armin Mueller-Stahl lediglich als unseren Mann
in Hollywood wahrnimmt, der straft drei seiner weiteren Talente mit
bloßer Missachtung. Die neue ARD-Sendereihe „Deutschland Deine
Künstler“ (ab 2. Juli, sechsmal mittwochs und donnerstags, um 23.30
Uhr und 22.45 Uhr) möchte aktuelle Kunstströmungen durch Portraits
herausragender Vertreter ihres Faches sichtbar und begreifbar
machen. Mit einem Film über den ebenso zurückhaltenden wie
sympathischen Armin Mueller-Stahl, seit 35 Jahren mit Ehefrau
Gabriele, einer Fachärztin für Hautkrankheiten, verheiratet und
Vater von Filmemacher Christian Mueller-Stahl (34), beginnt die
sechsteilige Sendereihe (2. Juli, 23.30 Uhr) und wir trafen Armin
Mueller-Stahl deshalb zum Interview:
Wenn Sie den Begriff Multitalent vielleicht etwas
überheblich finden, so sind Sie doch ein stolzes Vierfach-Talent.
Welche Bedeutung hat die Malerei gegenwärtig für Sie neben der
Schauspielerei, neben dem Musizieren und dem Schreiben?
„Ehrlich gesagt, die Malerei wird im Moment immer
vordergründiger. Frank-Thomas Gaulin, ein Galerist aus Lübeck, ist
derjenige, der sozusagen die Malerei in mir ans Tageslicht befördert
hatte, denn er sagte vor vierzig Jahren: ,Stelle deine Bilder doch
mal aus.‘ Und ich antwortete: Wenn der liebe Gott mir ein langes
Leben schenkt, mich 70 werden lässt, dann werde ich ausstellen. Und
dann bin ich 70 geworden und habe ausgestellt. Das hat widerum
Frank-Thomas Gaulin gesehen und dann ist es im Selbstlauf
geschehen.“
Fühlen Sie sich denn auch in Ihrer Haut als Maler
wohl?
„Ich muss sagen, ich bin dem Schicksal sehr dankbar,
dass dieser Galerist mich sowohl entdeckt hat, als auch die Resonanz
auf die Malerei eine so enorme ist. Das hat mir viel Freude im Leben
geschenkt und ich bin dankbar, dass das passiert ist, denn es macht
mich kreativer. In meiner Biografie war die Malerei nicht so
vorgesehen. Nun ist sie es und sie nimmt – neben der Schauspielerei,
die Schauspielerei verschwindet allmählich – dramatisch zu, denn das
sind für mich die Entdeckungsfahrten.“
Welche Maler-Kollegen hätten Sie persönlich gerne
in einer eventuell nächsten Staffel der ARD-Sendereihe „Deutschland
Deine Künstler“ porträtiert? Wer sind „Ihre“ Künstler in
Deutschland?
„Das ist schwer zu sagen, ich würde einige aus der
Kiste holen wollen und dann mit ihnen Filme machen wollen. Aber es
wäre sicherlich eine von den Expressionisten, von den Lebenden. Das
wird aber hoffentlich noch geschehen, wenn es Gerhard Richter ist
oder ob es. Neo Rauch ist. Welches die Maler sind werden die
Verantwortlichen selbst noch entscheiden. Es ist immer gefährlich,
die zu nehmen, die im Moment gerade hoch im Kurs sind, deren Bilder
in Millionen verkauft werden, weil die Gefahr besteht, dass das in
den nächsten 20 Jahren nicht mehr so sein könnte. Ich weiß nicht,
man muss ein bisschen vorsichtig sein mit den Entdeckungen. Man muss
ein bisschen lernen, seinen eigenen Augen zu trauen und die eigenen
Augen auch noch kritisch über Kunstwerke urteilen zu lassen.“
Tun Sie das?
„Ich war kürzlich in einer Ausstellung in Los
Angeles, im County-Museum, Moderne Kunst, die haben eine ganze Halle
dafür angebaut. Und da fand ich so viele bezahlte Scheußlichkeiten,
teuer bezahlte, was man von Gerhard Richter nicht sagen kann. So
viele Scheußlichkeiten, wirklich widerwärtig, Exkremente von Tieren,
von Menschen, waren da ausgestellt. In Moskau werden in einer
anderen Ausstellung gerade rote Tampons ausgestellt. Da wird eine
Kunst produziert, ich habe wirklich das Gefühl, da ist es das Ende.
Aber es wird ein neuer Anfangs kommen und ein Kollege von mir in Los
Angeles, mit dem ich einen Film gedreht habe, der Maler und
Regisseur ist und ein wunderbarer Drehbuchautor ist, George Gallow,
sagte: Ich will Dir prophezeien, was geschehen wird, die neue
Kunstrichtung wird, es wird irgendwann wieder gemalt werden.“
Kommen wir zu Ihrer nächsten großen Passion, der
Musik. Wie oft muss der examinierte Konzertgeiger Armin
Mueller-Stahl üben, um sein Niveau zu halten?
„Ich übe ja schon gar nicht mehr, eigentlich schon 40
Jahre nicht mehr. Ich kann die Leute auch mit meiner Geige höchstens
noch verblüffen. Es ist ja nicht so, dass ich die Leute wirklich
groß beeindrucke, sondern es sind Selbstgespräche, die ich mit
meiner Geige führe. Eines muss ich allerdings sagen, die Geige ist
ein lebenslanger Freund geblieben, bis zum heutigen Tage. Und hin
und wieder nehme ich die Geige vor, wenn es mir nicht so gut geht,
dann spreche ich mit meiner Geige eine wenig – und sie macht mich
heiter.“
Erleben Sie selbst Ihre vielen Talente eher als
Konkurrenten, um einen Anteil an Lebenszeit oder jetzt, im reiferen
Alter, gewissermaßen als Geschwister, die in Ihrer Person in Frieden
und Harmonie vereint sind?
„Sie leben in Harmonie und großer Gemeinsamkeit
miteinander und ich habe nie das Gefühl, dass es überhaupt andere
Berufe sind, die ich ausführe. Ich habe immer das Gefühl, beim Malen
bin ich auch Schauspieler und Musiker. Meine Leidenschaft für Musik
ist so groß, dass ich, als ich die Komponisten gemalt habe, die ich
gemalt habe, mir immer auch deren Musik anhöre. Ich entdecker immer
Neues.“
Zum Beispiel?
„Merkwürdigerweise hat die Naturr, die uns mit den
Augen sehr verwöhnt hat, was es alles gibt, in der Natur: Farben,
Blumen, Tiere, Formen, die Bäume, all die unterschiedlichen. Sie hat
uns nicht verwöhnt, was die Ohren angeht. Es gibt zwar die Lerche
und es gibt auch die Nachtigall, aber eine Harmonie habe ich in der
Natur bisher nicht gefunden. Ich habe sie dann aber doch entdeckt,
und da sind es tatsächlich wieder die Bäume. Und wenn man hört, in
einem bestimmten, sagen wir Windzustand, in den Wald geht, dann hört
man eine Harmonie, nämlich die Äste vibrieren anders, starke Äste
sind langsamer als dünne Äste. Es ist dann ein allgemeiner Ton wie
Sing-Sang. Und man kann darüber tatsächlich komponieren. (Er stimmt
summend das Lied „Danke“ an) Diese Harmonie ist vorhanden! Es gibt
in der Natur auch etwas für das verwöhnte Ohr. Und insofern sehe ich
überall die Gemeinsamkeit, die uns verbindet, Musik, Schauspielerei,
die Energien sind dieselben und ich habe nie das Gefühl, ich mache
etwas anderes, als was ich mein ganzes Leben mache. Ich benutze beim
Malen nur den Pinsel, statt der Sprache.“
Der Film zeigt Sie auch im amerikanischen Pacific
Palisades, wo Sie heute mit Ihrer Ehefrau leben. Hat der Wechsel
dorthin Ihre künstlerische Arbeit beeinflusst?
„Die großen Bilder, die habe ich hauptsächlich in
Deutschland gemacht und – wie hat mich der Wechsel beeinflusst? Es
sind andere Lichter. In Los Angeles, da muss man lernen, mit den
Lichtern umzugehen. Es ist ein helles Licht, das frisst eigentlich
die Farben auf. Das Grün ist nicht so grün, deswegen sind die
Farben, die vorkommen, viel brutaler und genauer als hier. Die
Blumen sind weißer, das Rot ist roter als hier. Man muss sich als
Maler gegen das helle Licht durchsetzen.“
Haben Sie beim Malen besondere Vorlieben?
„Es gibt ein Haus in Malibu, dass ist rot, besser,
die Sonnenuntergänge machen es immer rot. Ich habe eine ganze Serie
über dieses rote Haus gemalt. Das rote Haus impliziert für mich
allerdings auch gleichzeitig die berühmten Turm-Untergängen von New
York, 9/11, denn die rote Farbe ist für mich eine dominierende
Farbe, sie impliziert den Sonnenuntergang, den Sonnenaufgang, die
Liebe, die Rosen, die Lippen, die Schönheit. Rot ist aber auch die
Farbe des Blutes, des Feuers, des Unterganges, des Todes. Dieses
rote Haus in Malibu, das habe ich immer mit Staunen gesehen.
Zwischen all den weißen Häusern war ein knallig rotes. Und dann bin
ich mal dorthin gefahren und habe festgestellt, dieses Haus ist
weiß, es ist überhaupt nicht rot. Sondern die Sonnenuntergänge
machen es rot, stellen es in einem dramatischen Rot dar. Immer, wenn
ich vorbei fahre, sehe ich dieses Haus rot, es ist aber tatsächlich
weiß. Es ist eine Lebenslüge, die mir da aufgetischt wird. Und mir
gefällt das. Das beeinflusst mich, weil ich sehe, man muss mit den
Farben, mit den Lichtern anders umgehen. Aber man ist auch auf der
Suche nach anderen Formen, denn man hat vorne den Pazifik, das nicht
enden wollende Meer. Ich gucke auf den Pazifik. Und hinten habe ich
die Rocky Mountains, diese ungeheuren Formen dessen, was das Leben
alles zu liefern hat. Und das hat mich auf den Gedanken gebracht,
dass es sich lohnt, dort Landschaften festzuhalten, was ich bisher
nicht gemacht hatte. Dort habe ich begonnen, Landschaften zu malen.
Oder PCH Number One, das ist der Highway von Los Angeles nach San
Francisco hinauf. Die vielen Brücken, die es dort gibt. Die
LIchtkontraste. All das hat mich beeinflusst – aber das ist die
Natur selbst und es sind nicht bestimmte Maler.“
Man hat den Eindruck, dass der Star-Rummel, der
mit Ihrer Arbeit als Schauspieler sehr oft verbunden ist, doch sehr
weit weg von Ihnen persönlich ist. Achten Sie sehr bewusst auf
Abstand, legen Sie ganz bewusst eine Distanz zwischen sich und
diesen Begleiterscheinungen Ihrer anderen Arbeit?
„Die Malerei hat im Wesentlichen damit zu tun, dass
ich mit mir selbst beschäftigt bin, mit meinem Geschmack. Ich
trainiere .auch meinen Geschmack beim Malen. Die Farben werden
anders. Was bedeutet für Sie schwarz? Was bedeutet für Sie braun?
Das sind alles sozusagen Entwicklungsstadien, die man durchläuft und
die einen sehr beeinflussen. Der Rummel des Schauspielers, was dort
passiert, interessiert mich null.“
Tatsächlich?
„Ich treffe im Schauspielberuf aber immer wieder,
muss ich sagen, wunderbare Leute. Ich habe gerade mit Tom Hanks
zusammen gearbeitet, ein wunderbarer Schauspieler und gut
informiert. Wir lernen uns kennen, wir sind zum ersten Mal zusammen
gekommen. Wir gehen aufeinander zu, ich wollte ihm Guten Tag sagen,
und er umarmt mich. Tom Hanks sagte, er habe mich dort und dort in
Filmen gesehen. Er sagte mir auch, er möchte schon immer einen Film
über Dean Reed drehen, und dies werde er auch noch machen, Dean Reed
war ein Sänger in der DDR, und ich war überrascht, wie informiert
Tom Hanks über Vorgänge in Deutschland ist. Wir sprachen auch über
Scientology, und ich habe ihn gefragt, was er darüber denkt –
Stirnrunzeln. Und dann fragte ich Ron Howard , der Regisseur ist,
was er davon hält – Stirnrunzeln. Es waren alles diese Gesichter
und sie mussten nicht antworten.“
Bemerken Sie bei Begegnungen mit Kollegen wie Tom
Hanks eine gleiche Wellenlänge und Sympathie?
„Absolut! Ich bin wirklich überrascht, dass zum
Beispiel Tom Hanks Bücher von Christa Wolf gelesen hat und sehr
genau. Er sprach sogar ein bestimmtes Buch an und ich sagte: I’am
sorry, tut mir leid, ich kenne dieses Buch nicht. Ich habe es nicht
gelesen. Ich bin also im Nachholbedarf und ich bin dem unterlegen.
Was mir aber sehr angenehm ist. Ich erlebe immer wieder unter diesen
Kollegen, die sich vom Rummel fernhalten, auch Tom Hanks ist nicht
unentwegt in den Blättern zu sehen oder Robert Redfort, nehmen Sie
die Entwicklung von Leuten wie Brad Pitt – das sind alles sehr
angenehme Entwicklungen, weil diese Menschen sagen, es ist schön,
Geld zu haben, aber ich mache damit etwas. Ich bin ein Brückenbauer.
Es wird immer dann gefährlich bei den Stars, wenn sie glauben, sie
kriegen das viele Geld zu Recht. (atmet tief durch) Das ist der
gefährliche Moment im Leben, denn sie bekommen das viele Geld
natürlich nicht zu Recht. Es ist ein Lebensprivileg und das
begreifen viele nicht, aber die es begreifen, sind besonders
angenehm. Punkt.“ (schmunzelt)
Wo bleibt in dem ARD-Porträt über Sie das vierte
Talent, das Schreiben?
„Auch das kommt im Verlaufe des Films vor, es wird
aber eher nur gestreift und das ist auch gut so, denn sonst fragt
man, kann der denn auch noch etwas mit den Ohren?“ (lächelt)
Haben Sie sich in dem Portrait denn sofort wieder
erkannt oder waren Sie sich womöglich teilweise mal fremd?
„Natürlich habe ich mich wieder erkannt. Ich kenne ja
mein dummes Gesicht nun aus 140 Filmen und jeden Morgen aus dem
Spiegel noch dazu.“
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Begriff
heimatlos, vertrieben und Ihrem kreativen Schaffen? Es fällt auf,
dass viele deutsche Künstler erst durch den Weggang ins Ausland
künstlerisch befähigt werden. Wie war das bei Ihnen?
„Wichtig ist, dass ich die DDR verlassen habe, denn
dort war ich angekommen. Ich habe dort viele Lieder geschrieben,
aber das wurde nicht animiert, sondern ich wurde immer gebremst,
meine Lieder zu schreiben, denn ich versuchte natürlich, auf beinahe
skurrile Weise meinen Widerspruch anzumelden mit einigen Problemen.
Und als mal versuchte, dort im Fernsehen ein Chanson in einer fast
Yves-Montant-Weise vorzutragen – es regnete da. Natürlich ist Regen
ein schönes Motiv, um ein Chanson zu machen. Aber man sagte, Nein,
das geht nicht: Im Sozialismus scheint die Sonne. Das wurde mir
verboten und solche Dinge habe natürlich in Hülle und Fülle erlebt.“
Und wie sind Sie damit umgegangen?
„Das Publikum hat meine Einstellung trotzdem
mitbekommen, zum Beispiel zu Ulbricht. Ich habe Zwei- oder
Vierzeiler gemacht, einer hieß dann: War ein Baum, ganz voller
Äpfel, wäre beinahe ein Apfelbaum. Nur ganz oben, in der Spitze,
wächst ganz einsam eine Pflaum. Diese Pflaume hängt am Baume bei den
Äpfeln, wie ein Spuk, arrogant blickt sie um sich, ich bin eine
Pflaume, guck. Das wurde verstanden. Im Ausland durfte ich dieses
Lied nicht vortragen. Oder eine blaue Kuh, die sich selbst austrinkt
und immer magerer wird. Was haben sie damit gemeint, wurde ich
gefragt. Ist das die Partei, die sich selbst die Füße abschlägt?
Eine Kuh trinkt sich doch nicht selber aus.“
Sehr interessant!
„Bis zum heutigen Tage schreibe ich manchmal unter
meine Bilder Vierzeiler. Als der erste Golfkrieg begann, am 16. 1.
91. Das war mein erster Drehtag für ,Night On Earth‘ Ich setzte mir
also diese Nase auf und arbeitete. Und dann habe ich mich hingesetze
und ins Drehbuch geschrieben: Ich muss mal sehen, ob ich das noch im
Kopf habe? Der Präsident, Georg Bush der erste, war immer treu der
Barbara. Doch schmiss er Bomben rigoros fernab von Nordamerika. Das
scheuchte auf den Scheich Bin Laden und seine Terroriinsky. Da ist
mir lieber Clintons Sex mit Monika Lewinsky. (lächelt) Das sind so
Dinge,, die aus meiner Feder fließen, weil das trifft. Also gut,
dass habe ich etwas später nachgemacht.“ (lächelt wieder)
Während Sie sich beim Film penibel an Drehpläne
und Dispositionen halten müssen, können Sie sagen, ob es bei Ihren
anderen Talenten eine Tages- oder auch Nachtzeit gibt, zu der Sie
besonders kreativ sind? Und welche Rolle nimmt Ihre Frau bei all
Ihren Talenten ein? Ist Sie beim Film eher Kritikerin und bei der
Malerei auch mal Muse?
„Überhaupt, meine beste Entscheidung in meinem Leben
war, meine Frau geheiratet zu haben. Das war die absolut beste
Entscheidung. Meine Frau ist gewissermaßen das Fundament meines
Lebens. Sie nimmt aber nicht teil, an den Entscheidungen, die ich
mache, gelegentlich liest sie mal ein Drehbuch. Meine Frau ist
Ärzten von Beruf und als ich die ,Schwarzwaldklinik‘ drehen sollte,
sagte ich, guck mal, das geht um einen Chefarzt. Würdest du mal
lesen und mir sagen, was du davon hälst? Und dann sagte sie,: Ach,
Mensch, das ist ja tief wie eine Pfütze.‘ Und das war auch der
Grund, zu sagen, ich gehöre da nicht rein. Ich muss das nicht
machen. Wobei ich nichts gegen den Darsteller Klausjürgen Wussow
sage, den ich für einen glänzenden Schauspieler gehalten habe. Ich
habe ihn in der Rolle wunderbar gesehen.“
Jeder ist seines Glückes Schmied?
„Es ist jedermanns freie Entscheidung, zu wählen, was
er machen will. Nur für mich war es nicht richtig. Also habe ich
mich entschieden und das war die einzig mutige Tat in meinem Leben,
Nein zu sagen, denn ich hatte ja nichts anderes, wo ich Ja sagen
konnte. Man gibt schon eine Sicherheit auf und jeder hat das
Bedürfnis nach Sicherheit. Aber ich habe mich überwunden, Nein zu
sagen, und dann ist das Leben manchmal sogar auf merkwürdige Weise
mit anderen Angeboten bereit, da zustehen und man wird belohnt in
gewisser Weise für eine nicht ganz unmutige Tat.“
In dem Porträt malen Sie bei Lampenlicht und wenn
Sie Ihre Bilder zum Trocknen ablegen, dann sieht man den Einfall von
Tageslicht. Gibt es eine Tageszeit oder Nachtzeit, zu der Sie
besonders kreativ sind?
„Das ist ganz wurscht. Beim Malen, das ist das
Schöne, ich mache es dann, wenn ich das Gefühl habe, ich muss es
tun. Und das ist am liebsten eigentlich immer vormittags, denn da
sind die Farben frisch zu sehen. Ich habe auch gerne Farben, die
schnell trocknen, deswegen habe ich Schwierigkeiten, mit Öl zu
arbeiten, dann da dauert es Ewigkeiten bis die Farben getrocknet
sind. Das kann ich mir erst leisten, wenn ich ein großes Atelier
habe, dann kann ich nämlich dort beginnen und mache mit einem
anderen weiter, und dann stelle ich fünf Bilder gleichzeitig auf.
Dann kann ich auch wieder öl benutzen, was ich hin und wieder getan
habe, aber das trocknet lange, und andere Materialien gehen schnell,
deswegen benutze ich lieber schnell trocknende Farben.“
Bei den Dreharbeiten zu den „Buddenbrooks“ haben
Sie im Drehbuch gezeichnet – wie kam es dazu?
„Ich kann das genau sagen, wie das gekommen ist –
wenn ich das kurz einfügen darf, ich habe alle Drehbuchseiten
bemalt, es sind 374. Ich habe sie alle bemalt und das hatte einen
Grund. Ich hatte irgendwann mal, vor langen, langen Jahren, einen
Traum, das war ein Alptraum.“
Wie sah der aus?
„Ich träumte, ich soll alle meine Texte, die ich je
in meinem Leben gesprochen habe, in Filmen, auf der Bühne, in
Lesungen, die soll ich hintereinander aufsprechen. Beginnend beim
letzten Film, den ich gemacht habe, aufhörend beim ersten Satz, den
ich auf der Bühne gesprochen habe. Und ich sagte in dem Traum: Da
bin ich ja ein halbes jahr mit Sprechen beschäftigt. Aber die Seiten
waren in meinem Traum alle ausgebreitet. Ich begann ganz hinten, mit
der letzten Rolle, in der ich – nebenbei gesagt – erschossen werde,
und höre auf mit dem Satz: Der Herzog rückt an – und das war mein
erster Satz im ,Armen Konrad‘, auf der Bühne des Schiffbauerdamm
Theaters. Im Traum viel mir dann ein Trick ein. Ich sagte, ich werde
einfach alle Seiten bemalen, dann kann sie nicht mehr lesen. Und,
als ich aufwachte, dachte ich, das ist eigentlich ein schöner
Einfall. Dann habe ich das BUch ,Gedanken an Marie Luise‘
geschrieben. Der Maler, der in diesem Buch Liebesbriefe an seine
Geliebte schreibt, die aber diese Liebesbriefe nicht öffnet und auch
nicht lesen will. Er nimmt sie alle zurück, die vielen, vielen
Briefe, jeden Tag hat er ihr einen Brief geschrieben. Er nimmt sie
alle zurück. Und voller Ärger will er sie nicht mehr lesen und er
bemalt sie. Dabei wird er immer glücklicher. Am Anfang war er
deprimiert und er wird mit dem Malen immer heiterer, denn er
entdeckt plötzlich, die Lust am Kreativsein. Was sind das für
Motive. Und dieselben Sachen mache ich auch beim Drehen.“
Finden Sie es nur angenehm, das Drehen mit dem
Malen zu kombinieren oder kann das auch mal Stress werden?
„Beim Drehen der ,Buddenbrooks‘, ich habe
gleichzeitig den amerikanischen Film ,The International‘ mit To,
Tykwer gedreht, da hatten wir Zeit, weil viel Geld vorhanden war.
Bei den Buddenbrooks mussten wir eilen, mit einem Riesentempo wurden
wir konfrontiert, das heißt, wir waren schnell. Und so malte ich
auch meine Bilder. Gefühle, die sich auf dem Papier widerspiegeln,
sie sind schnell, rasant, Farben, Striche, manchmal Kollegen dabei.
Manchmal auch etwas anderes, was ich gerade gesehen habe, was mich
interessiert. Das ist immer so. Filmemacher glauben immer, das
Filmemachen ist das Zentrum allen Lebens. Und das ist sicherlich
auch richtig, das müssen sie glauben. Aber links und rechts
passiert noch vieles. Es passieren die großen Weltuntergänge neben
den Filmarbeiten. Irgendwo eine Naturkatastrofe. Da dieses Unglück,
dort ein Krieg. Was alles geschieht. In einem friedlichen Jahr wie
dem letzten sterben 15 Million Menschen an Hunger, an Aids, an
Krieg, an Erdbeben, an, weiß Teufel was alles. Da geschieht etwas.
Aber Filmleute denken nur, der Film ist das Wichtigste. Und all
dieses, was nebenbei noch geschieht und was mich interessiert, das
schlägt sich in den Zeichnungen nieder. Da sinken zwei Türme ins
eigene Grab, mit Tausenden Insassen an Bord, und sie sinken herab –
wenn man diese schrecklichen Bilder sieht – wie Könige, langsam. Und
man stellt sich vor, mein Gott, da sitzen Menschen drinnen. Das sind
alles Eindrücke, die in den Bildern hin und wieder reflektiert
werden. Meine Gefühle finden dort wieder statt und das findet man
sicherlich in diesen Bildern dort oder auch heitere Begegnungen
natürlich. Gleichzeitig ist es für mich widerum auch ein Tagebuch,
denn unter den Bildern sehe ich den geschriebenen Text des
Drehbuches. Und dann stelle ich fest, oh, das war ein schöner Tag.
Und dann auch: Nein, das war zu schnell, wir mussten dieses drehen
und haben nicht alles geschafft. Was haben wir da macht? Für mich
ist es wie ein gemaltes Tagebuch. Und in gewisser Weise sind die
gemalten Tagebücher ehrlicher, als die geschriebenen. Bei den
geschriebenen, wann immer ich ein Tagebuch lese, auch von Kollegen,
merke ich, aha, die Worte suchen nach einer Pointe. Worte sind auf
der Suche nach irgendetwas. Und schon beginnt man, zu schwindeln.
Beim Zeichnen nicht. Man hält jemanden fest. Oh, da sehe ich seine
Hand. Ich schwindele nicht, ich bin ehrlicher. Also, das wird,
hoffentlich zum Teil sichtbar sein, wenn da geschmiert ist, es geht
nicht um Schönheit, ich will damit niemanden beeindrucken. Es ist
manchmal brutal und manchmal heiter. Manchmal erkennt man Kollegen.
Ich weiß auch nicht, man wird sehen.“
Was meinen Sie, kann es Ihnen passieren, dass Ihre
Begabung und Begeisterung für die Malerei so wie das Talent als
Schauspieler im Film, nach 140 Bildern immer weniger wird – und wie
ist es mit Schreiben?
„Mit dem Schreiben wird es weniger, weil ich relativ
erfolglos schreibe – sehr erfolglos im Sinne von verkaufen. Aber ich
schreibe auch nur das, was mir gefällt. Meine Bücher sind relativ
erfolglos, bis auf ,Hannah‘, das ist sogar in zwei andere Sprachen
übersetzt worden.Ich werde immer wieder in Amerika gefragt, wann
kann man die Bücher lesen? Ich wurde mal gefragt, nebenbei gesagt,
es war ein Verleger in Amerika, in der ECM, wo ich zuerst war, wir
würden gerne ihre Bücher verlegen, sie müssen nur übersetzt werden.“
Aber?
„Ich hatte weder Zeit, noch, ehrlich gesagt, war mein
Bedürfnis ganz groß, das nun in die Welt zu bringen, was ich
geschrieben habe, weil ich Filme gedreht habe und weil ich in
gewisser Weise auch lieber andere Arbeit gemacht habe. Der kreative
Vorgang ansich ist das, was mich sozusagen am Leben hält, es ist
nicht unbedingt der Gedanke, wie kann ich das nun vermarkten. Aber
das ist natürlich selten, wie Sie wissen, wenn man erfolgreich sein
will, die Vermarktungsindustrie ist die stärkste in Hollywood. Einen
Film machen, kostet soundso viel Millionen und die Vermarktung des
Filmes kostet manchmal noch mehr.“
Das ist
aber nicht Ihre Triebfeder in Bezug auf das Schreiben und das Malen?
„Ich will
nur sagen, mein Interesse an der Vermarktung war nie so groß. Ich
male auch nicht das, was gefallen könnte. Ich würde vielleicht
Blumen malen, die verkaufen sich leicht. Ich habe im County-Museum
kürzlich gelesen, als Kunst, ein Bild gemalt und da stand drauf:
Landschaften verkaufen sich besser als Städte. Blumen verkaufen sich
besser als Bäume. Bullen verkaufen sich besser als Kühe. Hennen
verkaufen sich besser als Ratten. Eine Liste von dem, was sich am
besten verkauft – und das als Kunst ausgegeben. Das darf nicht wahr
sein. Daran denke ich überhaupt nicht. Helle Farben verkaufen sich
besser als dunkle. Aber ich liebe gerade dunkle Farben. Ich liebe
Schwarz nicht nur als Anzug, das ist nicht unbedingt mein Ding. Aber
schwarz als einen Hintergrund, denn man muss dann vorsichtig mit
Farben umgehen, wenn man schwarz benutzt. Man kann das Rot nicht
platt malen, denn das springt dann raus. Das wird dann so
hawaianische Malerei. Und die Hawaiianer, die ich jetzt gerade
wieder in den Galerien angeguckt habe, die malen deswegen so bunt,
weil es sich so verkaufen lassen. Sie sehen so viele
Sonnenuntergänge und Sonnenaufgänge, wie da gemalt werden, die gibt
es nirgendwo auf der Welt, aber sie verkaufen sich gut. Ich will
damit sagen, mich interessiert der kreative Vorgang und die Malerei,
um endlich ihre Frage zu beantworten, die Malerei, die beginnt ja
erst.“ (lächelt)
©Wolfgang
Wittenburg - Infoauswertung honorarpflichtig (06/2008)