Mysterious Women, copyright Sylvia Knelles

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Bettina Eistel - „Ich hätte eine Harley, wenn ich sie halten könnte!“
Vor einem Jahr hat das ZDF zum ersten Mal eine sichtbar behinderte Moderatorin vor die Kamera seiner samstäglichen Sendung „Menschen – Das Magazin“ geholt. Wir haben bei Bettina Eistel und ZDF-Verantwortlichen nachgefragt, ob diese Entscheidung besonders mutig war, wie die Bilanz aussieht und welche Reaktionen es gibt



Ein Blick hinter die Kulissen der ZDF-Sendung „Menschen - Das Magazin“ (samstags, 17.45 Uhr) erscheint zuerst wie eine ganz normale Fernsehproduktion. Allerdings wird das Studio für die Produktion von drei Ausgaben hintereinander in einer Art Wintergarten des ZDF-Landesstudios Hamburg hergerichtet und befindet sich damit im 7. Stockwerk am Rande der Hafencity - es bietet der Kamera einen herrlichen Hintergrund. Seit einem Jahr moderiert Bettina Eistel (47) die Sendung in Zusammenarbeit mit der „Aktion Mensch“ des ZDF. Am 7. Juli ist es ein rundes Jahr her, dass das ZDF mit der preisgekrönten Dressur-Reiterin und studierten Diplom-Psychologin Deutschlands erste sichtbar behinderte Moderatorin vor die Kamera geholt hat. Erst auf den zweiten Blick fällt nämlich auf, dass die vor Geburt durch das Schlafmittel Contergan geschädigte Bettina Eistel keine Arme hat und deshalb ihre Moderationszettel mit den Füßen hält. „Wenn ich nur ein Glas Wasser trinke, dann macht das mit den Füßen schon mächtig Eindruck auf andere Menschen“, strahlt die Hamburgerin Bettina Eistel auch am Ende eines 12-stündigen TV-Produktionstages noch mit ihrem ansteckenden Lächeln. Wir nehmen Bettina Eistels Jahrestag als Moderatorin von „Menschen - Das Magazin“ zum Anlass, um mit der Protagonistin und den ZDF-Verantwortlichen darüber zu reden:


 
Sie arbeiten seit 2005 unregelmäßig als Reporter für „Menschen - Das Magazin“ und sind seit 7. Juli 2007 die Moderatorin des ZDF-Magazins (samstags, 17.45 Uhr) der „Aktion Mensch“ mit Berichterstattung über und für behinderte Menschen. Was für Reaktionen erfahren Sie vom Publikum? Gibt es mehr Unterstützung oder auch mal Ablehnung?

„Soweit ich das weiß, gibt es sehr viele positive Reaktionen. Und - mal ganz ehrlich - die Sendezahlen haben sich durchschnittlich um zwei Prozent erhöht, seitdem ich die Sendung mache, und das ist viel. Das freut mich natürlich. Zuerst war es eine sehr mutige Tat des ZDF, einfach mal eine behinderte Moderatorin vor die Kamera zu stellen, aber letztendlich gehört es dazu - gerade zu dieser Sendung. Mir wurde aber auch häufiger gesagt, dass ich nun behindert sei, ist nicht der Auswahlgrund, da gibt es viele andere auch, sondern dass ich leistungsorientiert bin, dass ich mich gut konzentrieren kann und die Themen passen natürlich auch zu meinen Lebensthemen, nicht nur zu meiner persönlichen Situation, als behinderter Mensch. Ich bin im Hauptberuf Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Familien. Über diesen Themenbereich machen wir ganz viele Beiträge und sicherlich auch für den Sportbereich.“


 
Bekommen Sie trotzdem durch die Themen, die in der Sendung behandelt werden, eine Veränderung in Ihrem Dasein? Wenn in einem Beitrag ein Behinderter vorgestellt wird, der per Hand-Bike durch Indien gereist ist, überlegen Sie dann, so eine Reise auch mal zu wagen?

„Ich bin generell ein neugieriger Mensch, ich bin auch sehr an unseren Themen interessiert und lerne dadurch auch unheimlich viel Neues kennen, womit ich früher gar keine Berührung hatte. Ich werde natürlich auch angesprochen, via Internet oder auch übers ZDF, ob ich noch neue Themen auf¬nehmen möchte. Aber zu so etwas wie einer Reise durch Indien fehlt mir letztlich die Zeit. Ich weiß wirklich nicht, was in mein Leben noch alles reinpassen soll. Leistungssport, da kann ich immer noch nicht Abschied nehmen. Leidenschaftlich und sozusagen hauptberuflich bin ich Therapeutin. Und, ich meine, das sichert mir meine Existenz und auch die meiner drei Pferde. Ich gehe auf Lesereise mit meinem Buch und ich mache die tolle Moderation von ,Menschen - Das Magazin' - da bleibt keine Zeit für Urlaub oder irgendwelche Spirenzien.“


 
Erfahren Sie Reaktionen von Behinderten?

„Ich glaube, viele Behinderte finden es toll, dass jetzt auch mal eine Frau ohne Arme vor der Kamera steht und sicherlich hat das auch einen Vorbildeffekt dafür, sich zu zeigen, mehr Mut zu haben, sich der Öffentlichkeit zuzumuten, dass man eben auch positive Reaktionen kriegt. Ich denke, das verändert Menschen und unsere Gesellschaft, denn das, was ich schon mal gesehen habe, das ist nicht mehr unbekannt und verunsichernd, sondern es wird schleichend irgendwie normal. Das ist so meine eigene Botschaft hinter meiner Fernseharbeit.“


 
Haben Sie in Bezug auf das, was Sie für die Sendung anziehen, freie Wahl Zuhause vorm Kleiderschrank oder redet in Bezug auf das Outfit der Moderatorin der Sender mit?

„Natürlich besteht das ZDF darauf, dass ich ein Moderatorentraining gemacht habe und ich habe auch eine Stylingberatung mitgemacht, aber ich bin - laut meiner Mutter – schon seit frühester Kindheit ein sehr eigenwilliger Mensch. Auch wenn viele Menschen sagen, ich kostümiere mich, ich liebe es einfach, mich außergewöhnlich anzuziehen, auch vor der Kamera. Da gibt es schon manches Mal Diskussionen, was geht und was vielleicht nicht gehen kann. Aber wir werden uns da schon immer einig, und ich glaube, dadurch, dass ich immer auf der Bühne des Lebens stehe - ich kann nirgendwo einen Kaffee trinken und mal unbeobachtet in der Masse verschwinden – macht es mir auch nichts aus, angeguckt zu werden. Ganz im Gegenteil, ich ziehe mich dann auch noch gewagt an, denn, wenn die Leute schon gucken, dann sollen sie auch noch etwas zu sehen kriegen.“


 
Können Sie sich selbst gut im Fernsehen sehen oder nicht?

„Ich bin natürlich meine stärkste Kritikerin und ich glaube, das geht jedem so. Ich kann mich inzwischen gut hören und meistens auch gut gucken, aber mir fallen natürlich x Sachen auf, wo ich gestottert habe, wo ich nicht ganz natürlich wirke, oder wo ich denke, da habe ich die Betonung so verhauen, dass es dem Thema nicht ganz gerecht wird. Letztendlich bin aber ich gar nicht so wichtig vor der Kamera, sondern es geht um unsere wunderbaren Beiträge. Und ich bin dazu da, die Zuschauer auf die Themen einzustimmen und sie neugierig zu machen - und vielleicht auch mal eine andere Sicht der Dinge darzustellen.“


 
Tun Sie das?

„Absolut ja. Mein großer Vorteil, ich darf auch mal etwas kritisches, auch über Behinderte sagen. Niemand anderes im Vollbesitz seiner menschlichen Fähigkeiten dürfte das. Der würde gleich geächtet und wäre politisch inkorrekt. Ich würde die Sendung gerne auch etwas schmissiger gestalten und auch mal nicht ganz so geläufige Themen nehmen wie zum Beispiel Behinderte und Führungskräfte. Gibt es das überhaupt? Wie setzt man sich da durch und wie kommt man überhaupt da hin? Gibt es bestimmte Schwierigkeiten, wenn man zum Beispiel im Rollstuhl sitzt und alle gucken auf einen runter? Da gibt es ja so berühmte Persönlichkeiten wie zum Beispiel Herrn Schäuble. Das sind so Sachen, die würde ich gerne mit der Sendung angehen. Manchmal spiele ich auch mit dem Gedanken, die Sendung am liebsten immer mit einem Witz über Behinderte zu beginnen.“ (grinst)


 
Neunzehn Tage bevor das Schlafmittel Contergan damals abgesetzt worden ist, sind Sie geboren worden, am 7. Mai 1961. Wie gehen Sie mit der Tatsache um? Ist das Ihr persönliches Pech oder macht es Sie verzweifelt?

„Die Schädigung war ja schon sechs Monate zuvor, vorm dritten Monat der Schwangerschaft meiner Mutter, wenn die Arme mit der Entwicklung anfangen. Das ist schon sehr früh. Und da hatte meine Mutter nur eine oder zwei Tabletten genommen, aber insofern spielt dieser kurze Zeitraum von 19 Tagen für mich keine Rolle. Es ist schrecklich, dass das Medikament erst so spät vom Markt genommen wurde, weil bis dato immer noch Kinder geschädigt worden, obwohl im November 1960 schon die ersten Verdachtsmomente durch Herrn Professor Lenz laut wurden. Hätte man da gleich reagiert, dann wären Tausende von Kindern gar nicht oder weniger betroffen.“


 
Wie ist heute Ihre Einstellung zu Medikamenten? Sicher greifen Sie nicht schnell zu einer Tablette. Lesen Sie die Beipackzettel sehr genau oder vermeiden Sie Tabletten generell?

„Ich nehme sehr ungern Medikamente und gehe auch nur sehr ungern zum Arzt, davon hatte ich als Kind schon mehr als genug, aber das teile ich mit vielen anderen Menschen. Ich nehme so wenig wie möglich, wenn es aber hilft, dann nehme ich ein Medikament sicherlich auch mal auf Kosten von Nebenwirkungen. Damit habe ich gar keine Probleme. Ich denke, wenn Contergan, also dieses Thalidomid gegen Lepra hilft, oder bestimmte Arten von Leukämie, dann bin ich natürlich dafür. Wäre ich daran erkrankt, ich würde es sofort nehmen.“ 


 
Aber?
„Das Skandalöse dabei ist, dass in der Dritten Welt, in Südamerika ganz viele Contergan-Geschädigte Kinder geboren worden sind, weil kein Geld für Verhütungsmittel für die Frauen da ist, die gegen Lepra behandelt werden. Da sind dann nur so kleine Schildchen auf den Packungen, auf denen eine schwangere Frau rot durchgestrichen ist, und die denken alle, das ist ein Abtreibungsmittel. Der große Skandal ist für mich, dass Leute daran Geld verdienen und das kein Geld dafür da ist, die Frauen zu warnen und eben für den Zeitraum der Behandlung zu verhüten.“

 
Können Sie sich Ihr Leben mit der Zeit in einigen Bereichen einfacher machen? Es gibt die Geschichte, dass Sie jedes Jahr Ihre Schwerbehinderung bei einem Amt nachweisen müssen und Sie haben erreicht, dass Sie dafür nicht immer persönlich in der Amtsstube erscheinen müssen, sondern auch mal eine schriftlichte Nachricht genügt?

„Nicht jedes Jahr, aber immer mal wieder muss ich zum Amtsarzt und nachweisen, dass ich immer noch keine Arme habe, das ist richtig. Das ist etwas skurril und da wiehert der Amtsschimmel, aber die Betroffenen können nichts dafür. Das nehme ich mit Humor, aber auch mit klaren Ansagen, ich sage, ich komme nicht, ich möchte die Bescheinigung so haben. Da muss ich versuchen, den Amtsschimmel etwas zu zähmen, was einer Dressurreiterin nicht so schwer fallen sollte.“ (schmunzelt)


 
Funktioniert das? Wird Ihr Leben in dieser Hinsicht mit der Zeit einfacher?

„Ich habe diese Bescheinigung schriftlich bekommen, ich sage immer, wissen sie, wenn mir eines Tages wie durch ein Wunder Arme wachsen, dann sind die Beamten im Amt die ersten, die davon erfahren. (lächelt) Häufig treffe ich auf Menschen an ihren Arbeitsplätzen in der Behörde – ich arbeite selbst in einer - es gibt aber auch große Sturköpfe, und dann muss ich auch mal zum Anwalt greifen – das stimmt schon auch und darin bin ich inzwischen Profi. Die Kunst dabei ist, die vielen Hürden und Ablehnungen nicht persönlich zu nehmen, das ist aber erst nach jahrelanger ,Abhärtung' möglich. Ich habe zu einem unverschämten Mitarbeiter auch schon gesagt: Sie können auch gerne die finanziellen Unterstützungen von mir haben, wenn sie mir dafür ihre Arme geben, um die Verhältnisse wieder zurechtzurücken. Es ist schon absurd, dass man in unserer ziemlich reichen Gesellschaft Behinderte um ihre mageren Unterstützungsleistungen beneidet. Aber wie sagt man, Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.“


 
Warum arbeiten Sie als Diplom-Psychologin in der Kinder-, Jugend- und Familienberatung? Erscheinen Ihnen die Probleme, die Sie da zu behandeln haben, nicht mitunter lapidar im Gegensatz zu Ihrem Leben mit  Behinderung?

(grinst): „Sicherlich gibt es schon Menschen, ich nenne sie immer die Autobahn-Jammerer, da nützt es unheimlich, wenn man selber eine Behinderung hat, die sehr drastisch erscheint. Ich selbst empfinde meine Behinderung gar nicht als so schwerwiegend. In so einem Fall aber, lasse ich absichtlich schon mal ein paar Füllfederhalter fallen, um das Maß der Dinge mal wieder zu richten. Ich bin aber der tiefen Überzeugung, jeder Mensch hat sein Päckchen im Leben zu tragen, ob das nun so sichtbar ist wie bei mir, oder eben unsichtbar wie bei vielen anderen, die zum Beispiel sehr tragische Kindheitsgeschichten hatten. Ich glaube, es steht mir absolut nicht zu, da so eine Graduierung vorzunehmen, und zu sagen, ich bin viel schlechter dran. Da würde ich schon wieder in dieses Jammerlager abgleiten, was ich überhaupt nicht ertragen kann.“


 
Was werten Sie selbst für sich als Erfolg? Haben Sie die im sportlichen Bereich zu verzeichnen, kann das in der therapeutischen Arbeit sein oder finden Sie Erfolg im Zweifelsfall auch in Ihrer Fernseharbeit?

„Ich sage immer, eigentlich bin ich dreifach behindert, ich bin eine Frau, ich bin weit über 40 und dann habe ich noch keine Arme. Aber ich lasse mich trotzdem nicht am Leben hindern und ich habe einen Job beim Fernsehen. Das hört sich doch schon ganz gut an. (grinst) Natürlich ist das für mich ein großer Erfolg, aber das schleift sich auch schnell ab. Für mich bedeutet Erfolg, immer wieder über eigene Grenzen zu gehen, zum Beispiel über die Angst, vor der Kamera zu sprechen, einfach im Fernsehen alle Abläufe zu lernen. Das ist für mich eine riesige, neue Herausforderung. Natürlich gibt es Erfolg im sportlichen Bereich, wenn ich in Athen oder vielleicht bald in Hongkong ins Viereck mit einem Pferd einreitet. Das ist ergreifend. Das ist unheimlich aufregend. Und ich brauche bestimmt kein Bungee-Springen zu veranstalten, um genug Adrenalin-Schübe zu bekommen. Eigentlich bin ich ein Andrenalin-Junkie, das muss ich zugeben. Und Erfolg ist für mich, mir immer wieder neue Entwicklungsziele zu setzen. Andere denken häufig: Wie will sie das denn jetzt wieder schaffen? Das kann doch gar nicht gehen. Ich gucke dann einfach mal fröhlich, vielleicht geht es ja doch und wir entwickeln uns mal da hin. Und wenn es denn geschafft ist, auch wenn das Jahrzehnte später passiert, dann sage ich: Guck mal, das war es jetzt! Und das ist für mich dann ein innerer Erfolg. Persönliche Weiterentwicklung ist wichtig und einfach nur unglaublich spannend. Zur Zeit übe ich gerade um drei Kurven mit dem Pferdehänger rückwärts einzuparken …“ (lächelt)


 
Müssen Sie auch mal Opfer für Erfolg bringen? Gibt es Bereiche, in denen es Bettina Eistel persönlich weh tut?

„Im Moment opfere ich ganz viel Zeit, die ich lieber mit meinem Freunden verbringen würde. Das kann auch mal kritisch sein. Ich denke, nicht dass man da vor lauter Erfolg ohne Freunde da steht, das darf nicht sein und ich vermisse das auch sehr. Ich vermisse es zum Beispiel  auch sehr, einfach nur mal nach meiner eigenen Energie in den Tag hinein zu leben. Ich würde auch gerne ein neues Buch über Pferdeausbildung oder persönliche Erfahrungen in der Pferdeausbildung schreiben. Aber wann soll ich das machen? Das bleibt alles liegen. Aber dann denke ich, man muss im Leben natürlich Prioritäten setzen. Wenn sich aber mal alles überschlägt, ich auch noch nachts arbeite und parallel Sendetexte schreibe, ich nachts aufwache und merke, ich muss den und den Brief noch abschicken, dann denke ich, Eistel, irgendwie musst du dein Leben mal ein bisschen regulieren. Im Moment fahre ich etwas über Tempo, und das schon seit vier Jahren, und irgendwann ist die Luft auch raus. Ich sehe das selber kritisch, aber im Moment bin ich so im Hamsterrad drinnen und kann noch nicht so ganz loslassen.“ (lacht laut)


 
Was muss passieren, damit das geht, damit Sie sagen, jetzt ist es zu viel?

„Ich hoffe, dass ich nicht krank werden muss. Ich denke, mangelnde Anerkennung und Kreativität bringen mich zum Innehalten. Das Problem ist, ich langweile mich relativ schnell. Ich fange alle fünf Jahre – das habe ich ausgerechnet – wieder etwas Neues an. Ich habe mal eine Puppenbühne gemacht und ich habe auch mal jahrelang gemalt und Bilder auf Kunstmärkten verkauft. Vielleicht ist es auch irgendwann mit dem Fernsehen gut. Dann kann jemand anderes wieder eine neue Chance bekommen oder es entwickelt sich etwas anderes daraus. Das einzige, womit ich nie aufgehört habe, ist, Psychotherapeutin und Reiterin zu sein. Aber vielleicht ist es dann auch mal Schluss mit dem Leistungsreiten.“


 
Da gibt es wahrscheinlich auch eine körperliche Grenze oder?

„Wenn man nicht wieder sanft runterkommt, rauf kommt man ja meistens, wenn aber beim Runterkommen die Knochen quietschen, sollte man vorsichtig werden. Aber dann werde ich sicher anderweitig jeden Tag im Stall sein und vielleicht Schüler unterrichten, befürchte ich. (lächelt) Pferde und das Reiten sind für mich eine Sucht und davon brauche ich immer mehr in höherer Dosierung.“ (grinst)


 
Sie bezeichnen Sie als einen Familienmenschen, sagen, dass Ihre Mutter für Sie immer wie eine Löwin gekämpft hat und auch Ihre Schwester ist für Sie sehr wichtig. Wie gehen Sie damit um, dass Sie selbst keine eigene Familie haben werden? Ist das ein richtiges Problem für Sie?

„Das Thema Familie stand für mich durchaus mal länger zur Debatte, denn ich hatte drei sehr langfristige Beziehungen. Aber da hat es - inzwischen muss ich Gott sei Dank sagen - mit Kindern nicht geklappt, weil die Männer einfach nicht dafür geeignet waren zu bleiben, und ich vielleicht auch in Kombination mit diesen Männern nicht funktioniert habe. Aber ich denke für mich, die persönliche Entscheidungsfreiheit ist mit mein höchstes Gut, natürlich auch durch meine Situation bedingt. Ich bin die weltbeste Tante für die Kinder meiner Schwester und kann damit wunderbar leben. Viele Leute sagen, fehlen dir Mann und Kinder nicht? Ich bin darauf nicht so versessen, weibliche Sinnerfüllung kann heute ja Gott sei Dank auch viele andere Formen annehmen. Vielleicht weil ich meine Familie und meine wirklich engen Freunde um mich habe, und, ich denke, wenn mal mein Traummann vorbei kommt, dann werde ich das schon merken und meine Tatzen drauflegen.“ (lächelt)


 
War das Gründen einer Familie für Sie nie eine Wunschvorstellung? Stand die Selbstständigkeit immer im Vordergrund oder gehörte es mal mit zu Ihrer Lebensphilosophie?

„Wissen Sie, ich bin total realistisch. Für eine Erziehungsberaterin ist der Beruf nicht gerade eine Werbung für eigene Kinder, das muss ich mal sagen, weil ich im Beruf natürlich auch die sehr problematischen Fälle sehe. Auf der anderen Seite ist es so, ich habe nicht nur im Sport so einen hohen Anspruch an mich, sondern sicherlich auch in Beziehungen und in der Erziehung. Ich sage mal ganz ehrlich, hätte ich im Lotto gewonnen und wäre mehrfache Millionärin, dann könnte ich mir ein Kindermädchen leisten und dann könnte ich sicher auch ohne Mann Kinder groß kriegen und das liebend gerne und mit Leidenschaft. Darauf hätte ich mich auch gerne eingelassen. Nur ohne Geld, ich noch ohne Arme und allein erziehend, das wäre nie mit meinen Ansprüchen an mich zu vereinbaren gewesen. Deswegen bin ich ganz froh, dass es so ist wie es ist. Da bin ich total realistisch - und ich bin auch ein bisschen egoistisch.“ (lächelt)


 
Sie können ganz viele Dinge und Sie werden dafür von nicht Behinderten auch bestaunt - das wissen Sie. Gibt es trotzdem etwas, von dem Sie sagen und wissen, dass Sie es niemals hinbekommen werden? Gibt es eine Sache, für die Sie brennen würden, die Sie aber nicht bewerkstelligt bekommen - wie zum Beispiel Motorrad fahren?

„Was ich wirklich sehr bedauere, ist, dass ich nie ein Instrument gelernt habe. Ich habe mir überlegt, Posaune wäre gegangen, aber dazu braucht man auch freistehende Einfamilienhäuser - und dann ist es daran gescheitert. (grinst) Vielleicht hätte ich eine Stimmenausbildung machen sollen. Ich habe eine große Begeisterung für Musik und besitze durchaus viel Leidenschaft.“


 
Aber ansonsten gibt es da nichts?

„Ich habe mir mal überlegt, hätte ich Arme, was hätte ich dann wohl gemacht, was mir jetzt verschlossen bleibt: Das ist sicherlich Motorrad fahren. Ich hätte eine Harley, wenn ich sie halten könnte. Das ist mir zu peinlich, wenn mir als Frau ein Motorrad umfällt und ich kann es nicht selbst aufheben. Und das zweite ist, ich würde Orgel spielen, denn das ist gleichzeitig ein zutiefst körperliches Erlebnis, weil diese Schwingungen durch den ganzen Körper gehen und es ist ein spirituelles Erlebnis. Es ist in beiden Richtungen total leidenschaftlich und das finde ich superschade, dass ich das nicht kann.“


 
Wenn die berühmte gute Fee kommen würde und Sie drei Wünsche frei hätten, dann würden Sie sich nicht Arme wünschen? Warum nicht?

„Der Wunsch nach Armen steht bei mir jedenfalls nicht auf Rangliste Eins, die kommen dann vielleicht so auf Rang 15., weil es eine sehr spannende Erfahrung wäre, denn ich müsste damit mein Leben komplett neu erarbeiten. Aber meine Rolle im Leben würde sich auch völlig ändern. Das hat positive wie negative Seiten. Ich wäre raus aus dieser Rolle, jemand anderes zu sein oder vielleicht auch von Leuten abgelehnt zu werden, weil ich nicht vollständig bin, sei es nun in Beziehungen oder auf der Arbeit. Aber ich hätte auch dieses Privileg verloren, immer beachtet zu werden. Ich müsste das dann durch andere Leistung vollbringen, wahrgenommen zu werden, obwohl, das würde ich auch noch schaffen.“ (lacht laut)


 
Was wären also Ihre drei Wünsche an diese gute Fee?

„Mein erster Wunsch ist finanzielle Unabhängigkeit. Ich würde gerne beruflich etwas kürzer treten können, also nicht so aufs Geld verdienen angewiesen sein. Ich gerne einen kleinen Hof für mich, mit gelb angestrichenen Fenstern, italienisch gepflasterter Innenhof und Pferde, die direkt zum Fenster reingucken. Dazu noch Reitmöglichkeiten, und die Möglichkeit, dort all meine Freunde um mich zu scharren. Aber immer nicht mit dem Hintergedanken, dort zu faulenzen, sondern man könnte dann viele tolle Projekte machen wie zum Beispiel ein Reha-Zentrum für Menschen und Pferde. Was ich schon immer mal machen wollte, könnte man da dann ganz schick realisieren.“ (grinst)


 
KASTEN 1:
Fragen an Peter Arens, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft
„Bettina Eistel hat aus ihrem Leben eine ganz besondere Erfolgsgeschichte gemacht!“

 
Im Juli moderiert Bettina Eistel seit einem Jahr im ZDF „Menschen – das Magazin“. War die Entscheidung, die erste sichtbar behinderte Moderatorin vor die Kamera zu holen, eine mutige?

„Einerseits vielleicht, weil wir nicht einschätzen konnten, wie Zuschauer auf die deutlich sichtbare Behinderung von Bettina Eistel reagieren würden, denn es gab bis dahin keine Erfahrungen, die wir hätten berücksichtigen können. Auf der anderen Seite jedoch waren wir von Anfang an überzeugt, dass viele Zuschauer ebenso wie wir beeindruckt sein würden von Bettina Eistels Persönlichkeit und Ausstrahlung. Wir hatten sie bei zahlreichen Auftritten als Dressur-Reiterin gesehen und als Gast in verschiedenen Talk-Shows. Aus persönlichen Gesprächen kannten wir ihre Interessen, ihre persönliche Haltung, die nicht immer dem Meinungs-Mainstream entspricht und ihre Empathie, die sie vor allem in ihren Interviews zeigt (Bettina Eistel ist Psychologin). Im Sommer 2006 war Bettina Eistel dann zunächst als Reporterin vor Ort für ,Menschen – das Magazin' im Einsatz. Nach diesen Erfahrungen waren wir sicher, dass sie die geeignete Moderatorin für ,Menschen – das Magazin' ist.“


 
Was sind/waren Ihre Beweggründe für diese Maßnahme? Was wollen Sie dadurch erreichen/vermitteln?

„,Menschen – das Magazin' ist eine Sendung in Zusammenarbeit mit der ,Aktion Mensch', und vor diesem Hintergrund ist es für uns auch eine besondere Verpflichtung, die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen zu unterstützen. Dazu gehört unseres Erachtens auch, sie sichtbar zu machen. Nicht in erster Linie als Behinderte, sondern mit ihren Fähigkeiten. Wiederholt haben wir in den letzten Jahren junge Frauen oder Männer mit Behinderung als Moderatorinnen oder Moderatoren für unsere Sendereihe gecastet. Wir konnten jedoch keine positive Entscheidung fällen, da in Punkto Professionalität immer Fragen offen blieben.“


 
Was zeichnet das Magazin und dessen Moderatorin besonders aus?

„Die Sendereihe beschäftigt sich kontinuierlich mit dem Alltag von Menschen mit Behinderung, von sozial benachteiligten Familien, Kindern und Jugendlichen, aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Wir stellen einzelne Menschen in den Mittelpunkt, im Kontext gesellschaftlicher Strukturen, und wir zeigen mögliche Perspektiven. Bettina Eistel hat aus ihrem Leben eine ganz besondere Erfolgsgeschichte gemacht, sie kennt jedoch auch Benachteiligungen, die Widerstände aus eigener Erfahrung. Als Mensch, der ,anders funktional ist', wie sie es selbst beschreibt, stellt sie bisweilen überraschende und außergewöhnliche Fragen.“


 
Wie beurteilen Sie die Moderation? Wie sieht Ihre Bilanz aus?

„Vor allem die Reaktionen unserer Zuschauerinnen und Zuschauer zeigen, dass wir die richtige Wahl getroffen haben. Es gab bisher keine einzige negative Reaktion, jedoch unzählige positive Rückmeldungen. Überrascht waren wir allerdings, dass bei einem Test unserer Sendung viele die Behinderung von Bettina Eistel überhaupt nicht wahrgenommen haben. Das beweist: man sieht zuerst den Menschen, die Persönlichkeit.“


 
Auf welchen Zeitraum legen Sie diese Zusammenarbeit an – und wäre sie ausbaubar, etwa, wenn Frau Eistel als Dressurreiterin an den Paralympics teilnimmt und als Reporterin davon berichtet?

„Bettina Eistel wird auch künftig durch die Sendung ,Menschen – das Magazin' führen, und es ist durchaus möglich, dass sie zum Beispiel auch Sondersendungen der Redaktion moderieren wird.

Obwohl sie eine außergewöhnlich aktive Frau ist, sind ihrem Einsatz als Reporterin bei den Paralympics in Peking jedoch enge Grenzen gesetzt. Wir alle hoffen, dass sie die Qualifikation für Peking schafft, weil wir wissen, wieviel Leidenschaft Bettina Eistel für das Dressurreiten hat und wieviel harte Arbeit sie in diesen Sport investiert. Die Teilnahme an den Paralympics bedeutet jedoch für jeden Spitzensportler wochenlange Vorbereitungen, Training und Konzentration, vor allem an den Wettkampftagen. Deshalb werden wir in dieser Zeit leider in der zweiten Reihe sitzen müssen und Daumen drücken. Ein paar außergewöhnliche Einblicke hinter die Kulissen dieses sportlichen Großereignisses wird sie uns dennoch in ,Menschen – das Magazin' geben.“


 
KASTEN 2:
Stellungnahme von ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut:

„Bettina Eistel beeindruckt als Moderatorin durch ihre Energie und Professionalität. Sie ist nicht nur als Sportlerin eine mutige Frau, sondern versteht es mit Ihrer gewinnenden Ausstrahlung, auch vielen anderen Menschen Mut zu machen – und damit ist sie genau richtig für ,Menschen – das Magazin'.“

©Wolfgang Wittenburg - Jede Infoauswertung honorarpflichtig (06/2008