Götz George wird 70: „Ich will es möglichst leise
krachen lassen!“
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Das deutsche Erste Fernsehen feiert Götz George zu seinem 70.
Geburtstag am 23. Juli gleich mit drei Filmen und seine Rollen darin
können unterschiedlicher nicht sein: Zuerst ermittelt er wieder als
Duisburger Proll-Kommissar in „Schimanski – Schicht im Schacht“ (20.
Juli, 20.15 Uh). Dann kommt das melancholische Kammerspiel „Die Katze“
(23. Juli, 20.15 Uhr) und die Komödie „Schokolade für den Chef“ (26.
Juli, 20. 15 Uhr, alles ARD). Als Kommissar Horst Schimanski ist und
bleibt dieser Mann Deutschlands Film-Raubein Nummer Eins, aber zudem
ist er ein ebenso wandlungsfähiger Charakterdarsteller. Auch wenn ihm
sein Privatleben mit Dauerfreundin und Journalistin Marika Ullrich
(42) heilig ist, Schauspieler wollte er immer schon werden, nur die
Öffentlichkeit meidet er lieber. Arbeit und Liebe scheint es auch zu
sein, was Götz George jung und fit hält. Jedenfalls bezeichnet er jede
seiner Arbeiten als einen Lebensabschnitt. Im Filmportät „Nicht reden,
machen“ (23. Juli, 21.45 Uhr, ARD) sagt Deutschlands schüchternster
Mime, dass er seine letzten Jahre wahrscheinlich am Meer verbringen
möchte, und nach seinen Wünsche befragt: „Ich wünsche mir, dass ich
noch zwei oder drei Jahre zu leben habe, vielleicht auch fünfzehn. Das
war’s! Über Privates redet Götz George nicht so gern, wir haben es
trotzdem versucht, und einen kleinen Einblick in den Menschen hinter
der Mattscheibe bekommen:
Im Juni 2008 war es 27 Jahre her, dass Ihr eigenartiger
TV-Kommissar ins Filmleben gerufen worden ist und mit dem aktuellen
„Schimanski – Schicht im Schacht“ (20. Juli, 20.15 Uhr, ARD) sind Sie
wieder sehr auf der Seite von Ruhrpott und Kumpels.
„Das sind wir auch dieser Region schuldig. Wir haben uns in den
letzten ,Schimanskis‘ ein bisschen verleppelt, wir haben immer andere
Themen aufgegabelt und haben versucht, da ein bisschen sozial kritisch
zu arbeiten, aber das eigentliche Thema haben wir darüber vergessen.“
„Das ist doch der Arbeitskampf der Kumpel gewesen, wo wir damals auch
dabei gewesen sind und den Kumpels gehofen haben, sie wirklich
unterstützt haben und Geld gesammelt haben und so. Und das ist ein
schönes Thema, das fließt da ein – es ist nicht nur ein Anglerfilm, es
ist in erster Linie ein Kumpelfilm und es wird noch dieses schöne,
alte Duisburg gezeigt. Wir arbeiten ja leider Gottes nicht mehr all zu
viel in Duisburg, sondern wir haben uns nach Köln verlagert, weil dort
das Geld liegt und weil auch dort das Büro ist. Aber früher haben wir
wirklich drei Wochen Drehzeit in Duisburg verbracht und das ist schon
eine ganz aufregende Region. Aber das sind so rudimentäre Dinge, die
da noch stehen. Die Hochöfen und die Brücken sind zum Teil abgerissen
und da haben wir drauf gedreht und uns dieses Spektrum noch mal vor
Augen geführt. Das war spannend für alle Beteiligten. Der Sturm
Katharina ist über Duisburg gezogen und über das ganze Westdeutschland
– und wir mussten da drehen, bei Windstärken von zehn und elf. Das war
unangenehm und trotzdem wurden wir da oben festgebunden und haben
unsere Szenen brav gespielt – und mussten sie nachher synchronisieren.
(schmunzelt) Aber das war auch eine Aufregung für alle jüngeren
Kollegen, die da waren, denn die haben Duisburg ja noch nicht so
wahrgenommen. Und es war eine spannende Zeit, ja, das muss ich sagen.“
Wie ist es Ihnen als gebürtigem Berliner mit Wohnsitz auf Sardinien
in all den Jahren gelungen, mit Ihrer Figur Horst Schimanski so in der
Region verankert zu sein? Viele Zuschauer denken, Götz George kommt
aus dem Ruhrgebiet.
„Ich meine , Prolls gibt es überall, auch in Berlin und das ist
einfach nur ein Proll gewesen und wir wollten das auch so zeigen. Ich
kann ja gar nicht Ruhrpott-Deutsch, sondern das ist einfach nur
vernuschelt, was man mir ja auch oft vorgeworfen hat. Hätte ich aber
Hochdeutsch gesprochen, dann hätte man mir den Proll nicht abgenommen,
also habe ich mich so gerettet, auf eine ganz eigenwillige Art. –
manchmal geht sie auf und manchmal wirft man mir das vor, dass man
mich nicht versteht, aber so viel ist auch nicht zu verstehen. Wenn
man die Geschichte versteht, dann genügt das ja.“ (lächelt))
Mit der Zeit ist Ihr Kommissar Schimanski zu einer Rentnerfigur
geworden, die die anderen im Arbeitsleben eher nervt. Sehen Sie dieses
Spiel mit Selbstironie?
„Gut, ich spiele halt mein Verfallsdatum, das ist auch ganz spannend
und, ich finde, das ist auch kein Kommissar mehr im öffentlichen
Dienst, sondern er mischt sich halt rein und gibt seine Weisheiten,
die er so im Laufe des Lebens gesammelt hat, weiter, und ist oft sehr
hilfreich. Ich feile an der Figur, dass man sie wirklich nicht mehr so
sportiv und physisch zeigt, sondern dass man wirklich zeigt, das ist
eigentlich einer, der noch Spaß am Leben hat, in seiner
Proll-Situation noch so geblieben ist, aber eben sein Verfallsdatum
hat, wo er über Dinge klagt, die ihn vor 20 Jahren noch nicht
beschäftigt haben wie über Alter und über Rückenschmerzen und über
etwas Schwerhörigkeit. Das sind aber Dinge, die sind als Schauspieler
spaßhaft einzubringen. Man kann ja noch physisch beieinander sein und
trotzdem die älteren Herrschaften spielen. Das ist der Reiz an diesem
Beruf.“
In dem TV-Porträt „Nicht reden, machen“ (23. Juli, 21.45 Uhr, ARD)
haben Sie ein paar sehr persönliche Dinge über sich geäußert, die Sie
so öffentlich noch nicht gesagt haben. Liegt das daran, dass der Film
von Ihrer Lebensgefährtin, der Journalistin Marika Ullrich gemacht
worden ist?
„Na ja, man muss etwas für seine Karriere tun, es hilft nichts.
(grinst) Man weiß nicht, was auf einen zukommt. Man muss arbeiten und
man muss Rede und Antwort stehen und eben etwas tun für seine
Karriere. Geld habe ich ja nicht bekommen. (lächelt wieder) Das sind
so Sachen, so Episoden, die lässt man halt zu. Das ist so ,wie bei der
Biografie, eigentlich will man sie nicht, weil es wird eh viel zu viel
Gequatscht, wir veräußern uns in unserem Beruf. Ich meine, neben dem
Beruf gibt es nicht mehr all zu viel. Das Private fand ich immer
höchst uninteressant und das, was ich da rede, das habe ich schon
1.000mal gesagt, vielleicht in einer anderen Form, nicht in so einer
persönlichen Form. Da hat Marika natürlich Recht, wenn man zusammen
lebt, dann wächst man zusammen und dann unterlaufen einem
Ehrlichkeiten, die man sonst nicht zulässt. Natürlich, ganz klar. Und
dann hat sie das auch sehr pfleglich gemacht. Wir hatten auch da
wieder große Schwierigkeiten, weil das Wetter nicht mitspielte und wir
wollten ja diesen Platz, den ich immer sehr bevorzuge und wo ich auch
lebe, den wollten wir auch schön zeigen. Das ganze Porträt zeigt schon
ein bisschen etwas von mir. Da war ich selbst ganz erstaunt, was sie
aus mir so herausgeholt hat und habe es dann gelassen, ich habe
gesagt, Um Gottes Willen. Meine Mutter redet ja sehr offen über mich,
aber zum Glück habe ich das schon vorweg genommen, dass ich mich nicht
ganz so ernst nehme und sage, ich habe nicht das Format meines Vaters.
Das wäre peinlich, wenn man das nur von ihr als Standing gehabt hätte,
dass meine Mutter da so eher negativ redet, obwohl wir uns sehr
geliebt haben. Aber dieser Abstand zwischen Heinrich und Götz, der
muss schon bleiben, finde ich, das darf nicht verschwimmen.“
Der wunderbare Film „Die Katze“ (23. Juli, 20.l5 Uhr, ARD), mit
Ihnen und Hannelore Hoger in den Hauptrollen, ist ein leises
Kammerspiel, ruhig und melancholisch. Ist das die Stimmung, die Sie am
Abend Ihres 70. Geburtstages unter dem Publikum gerne verbreitet haben
möchten? Wie werden Sie denn feiern?
„Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch, aber Geburtstage sind so
diktierte Festivitäten und, wenn du 70 wirst, dann noch besonders.
Also, das willst du ja nicht wahrhaben, beziehungsweise habe ich ja
schon einige 70-Jährige gespielt. Ich will diesen Geburtstag, und das
war bei meinen Geburtstagen immer so, ich will es so unauffällig wie
möglich krachen lassen.“ (lächelt)
Und Ihr Publikum soll es Ihretwegen auch nicht laut krachen lassen?
Nach diesem Film fällt das eher schwer.
„Nein, aber auf das Publikum kann man sich in dem Sinne nicht insofern
verlassen, denn manches nehmen sie an und manches lehnen sie ab. Und
meist ist es im umgekehrten Sinne, da, wo du glaubst, da sollten sie
eigentlich zupacken und Freude daran haben, das lehnen sie ab. Und
dann kommt ,Schokolade für den Chef‘ und sie sagen danach: Siehst du,
so wollen wir dich sehen! Und dann ich sage, na ja … Das ist immer wie
so eine Gegen-Reaktion, die man als Schauspieler irgendwann mal
ausklammern muss und sagen, Kinder, wir müssen für uns arbeiten. Uns
muss es gefallen. Das ist unser Leben. Wir müssen ein gutes
Temperament haben. Wir müssen gute Freunde um uns versammeln,
Kollegen, Regisseure. Und das zählt nur, alles andere, was danach
kommt, ist dann für mich nicht mehr so entscheidend wichtig. Für mich.
Für den Produzenten ist das etwas anderes, der will die Quote sehen,
der ruft mich entweder an, wenn sie gut war oder er ruft mich nicht
an, dann weiß ich, es ist schlecht. Aber das darf uns nicht mehr
berühren. Der Film ist abgedreht und nun haben andere zu entscheiden.“
Runde Geburtstage können auch ein Anlass für eine Zwischenbilanz
sein und die Planung neuer Vorhaben. Wie verhält es damit bei Ihnen?
„Überhaupt nichts, das ist einfach nur ein Stressmoment. Das ist so
eine Erwartungshaltung, die bei Geburtstagen, runden Geburtstagen
besonders, immer eingegeben wird und da bin ich immer ganz glücklich,
wenn ich diesen einen Tag schon überschritten habe – am 24. Juli, da
fühle ich mich wieder wohl. Davor ist das einfach ein Stressmoment.
Erwartungshaltung, Planung. Man weiß, wie das mit Frauen ist: Die
sagen, wir müssen dich, aber du hast doch, und, entschuldige bitte.
Die sind immer ganz entzückend und wunderbar und wollen es dir schön
machen. Aber sie können es einem nicht schön machen, weil du sagt, ich
will das nicht, bitte, lasst mich außen vor. Ich habe keinen
Geburtstag. Feiert jeden anderen Geburtstag, aber bitte mich nicht.
Das ist dieser Stressmoment, der ist für mich viel anstrengender als
zum Beispiel eine Premiere oder eine Pressekonferenz. Damit kann ich
locker umgehen, aber bei einem Geburtstag, da ist die
Erwartungshaltung, da kannst du nichts weiter machen, als wie bei
allen Geburtstagen, du kannst dich einfach nur volllaufen lassen. Du
kannst eigentlich nur bis zu dem Moment trinken, wo man sagt: Ach,
eigentlich ist doch alles schön.“ (lächelt wieder)
Und wenn man mal die Feier beiseite lässt, wie sehen Sie selber
Ihre Zwischenbilanz?
„Das kann ich nicht sagen, da bin ich immer fatalistisch mit mir
umgegangen. Ich habe wie gesagt eine Biografie geschrieben und wollte
die nicht, aber ich musste dafür mein Leben noch mal Revue passieren
lassen. Das war zum Teil spaßhaft, denn ich hatte einen wunderbaren
Autor und der hat sehr viel recherchiert, über zwei Jahre. Und er hat
mir einfach Dinge offeriert, die ich von mir gar nicht mehr wusste und
die für mich völlig neu waren. Und so setzt sich dann so ein Leben
zusammen, was man eigentlich schon zur Seite geschoben hat“
Warum ist das bei Ihnen so?
„Ich bin immer geradeaus gegangen, habe gesagt, von einer Produktion
in die nächste, das st mein Leben gewesen, und habe ganz viele Dinge
verdrängt, viel vergessen. Und dann kommt das alles noch mal. Du musst
ja ehrlich sein, gerade bei einer Biografie. Da habe ich dem Autoren
Rede und Antwort gestanden und habe das über mich ergehen lassen. Ich
fand es sehr illuster, mein Leben dann nachzulesen und da habe ich
sozusagen meinen 70. Geburtstag abgeschlossen. Ich habe gesagt, so alt
bist du geworden, die Biografie ist neu. Da bist du und das ist dein
Leben. Und wenn ich Morgen umfallen würde, dann hätte ich das
hinterlassen, aber mehr ist nicht drinnen. Also, das darf man nicht
überstrapazieren. Das ist nun fertig.“
Werden Sie denn am 23. Juli in Deutschland sein und die Möglichkeit
haben, zu sehen, wie Sie im Fernsehprogramm mit neuen und alten Filmen
gefeiert werden. Wo werden Sie dann gerne zusehen und wo lieber nicht?
„Ich weiß es noch nicht. Ich habe gerade eine große Produktion zu Ende
gemacht und bin noch so in dieser anderen Produktion drinnen, denn sie
war sehr anstrengend, weil sie über zwei Monate ging und es war extrem
heiß. Wahrscheinlich fliege ich zu meiner Tochter nach Australien. Da
bin ich am weitesten weg und es ist verhältnismäßig gutes Klima, es
ist Herbst dort. Und der Punkt, der mich dann am meisten beschäftigt,
wird wahrscheinlich der sein, dass ich sage, hoffentlich überstehe ich
die 30 Stunden Flugzeit. Aber darauf wird es wohl hinauslaufen, dass
ich ganz weit weg bin.“
©Wolfgang Wittenburg - Infoauswertung honorarpflichtig (07/2008)
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