Als Liedermacher, Musiker, Komponist, Autor und Schauspieler
arbeitet das Multitalent seit Jahrzehnten immer wieder mit Leib und
Seele. Dass dabei sein Familienleben mitunter zurückstecken muss,
empfindet der Mann mit den vielen Leben als größtes Opfer
Drei Jahre ist es her, dass der Liedermacher, Musiker, Komponist und
Autor Konstantin Wecker (wird am 1. Juni 61 Jahre alt) zuletzt als
Schauspieler im Zweiteiler „Apollonia“ aktiv gewesen ist. Dann aber kam
das Angebot, einen Olivenbauern in der Toskana zu mimen, und da konnte
und wollte der Münchner Konstantin Wecker nicht ablehnen, denn diese
Figur ist dem Multitalent mit eigenem Ferienhäuschen in Italien wie auf
den Leib geschrieben. Vor der malerischen Kulisse Norditaliens erzählt
der unterhaltsame Film eine Geschichte von alten Bekanntschaften und
neuer Liebe – Sabine Postel als Juliane zwischen zwei Männern (Ex-Mann
Peter Sattmann und früherer Freund K. Wecker). Während Konstantin Wecker
persönlich auf der einen Seite ein Leben mit Drogen, Schulden und
Riesenerfolgen und ausverkauften Tourneen auf der anderen führt,
empfindet es der Mann mit vielen beruflichen Leben als größtes Opfer,
dass für all seine Aktivitäten sein Familienleben mit Ehefrau Annik (33)
und den Söhnen Valentin (11) und Tamino (8) oft zurückstecken muss. Wenn
man ihm zu Beginn des Interviews versichert, keine Fragen zu seiner
Drogensucht zu stellen, dann lässt es sich mit Konstantin Wecker sehr
offen über Lampenfieber, Erfolge und die damit verbundenen persönlichen
Opfer plaudern:
Zuletzt waren Sie vor drei Jahren in dem Zweiteiler „Apollonia“ vom
Bayerischen Rundfunk zu sehen. Mussten Sie lange überlegen, als das
Angebot für „Einmal Toskana und zurück“ (16. Mai, 20.15 Uhr, ARD) kam?
„Nein, ich musste überhaupt nicht lange überlegen. Ich war hier mit zwei
Schauspielern zusammen, die ich sehr schätze. Mittlerweile habe ich auch
festgestellt, dass es nicht nur zwei tolle Schauspieler sind, sondern
auch wirklich wunderbare Kollegen. Aber die Rolle war so garantiert
meine Rolle, dass ich sie in keinem Fall ausgeschlagen hätte.“ (lächelt)
„Ich habe seit 30 Jahren selbst ein Haus in Italien, gerade mal 50
Kilometer vom Drehort entfernt und ich habe auch selbst Oliven dort.
Allerdings habe ich es nie zum Olivenbauern geschafft, dazu brauchte es
diesen Film, denn das ist wahrlich eine hohe Kunst.“
„Man muss ein wirkliches Händchen haben, um die Olivenbäume zu
beschneiden – das ist die wahre Kunst. Danach, das Abpflücken, mit
Netzen auffangen und in die Presse legen ist ganz einfach. Aber das
Beschneiden der Bäume, das können nur die Profis. Und die Italiener sind
in der Gegend so verrückt nach Oliven, die würden keinen einzigen Baum
falsch behandelt stehen lassen. Selbst wenn er ihnen nicht gehört,
selbst wenn sie so einen Baum nur im Vorbeifahren sehen, würden sie
anhalten und sich dieses Baumes sofort pfleglich annehmen.“
Sind Sie als Schauspieler von den Kollegen Sabine Postel und Peter
Sattmann, die öfter Filme drehen als Sie, ernst genommen worden oder
waren Sie mitunter mehr der Liedermacher? Wie haben Sie sich da gefühlt?
„Dieses Problem hatte ich noch nie. Ich drehe schon sehr viel und das
seit über 30 Jahren. Ich habe ,Dunkle Tage' mit Margarethe von Trotta
gedreht, ,Wer früher stirbt, ist länger tot' mit Marcus Rosenmüller und
die Serie ,Kir Royal' mit Helmut Dietl. Also, ich habe auch mit tollen
Regisseuren drehen dürfen und hatte nie das Problem, dass ich von
hauptberuflichen Profi-Schauspielern nicht ernst genommen worden wäre.
Und mittlerweile, glaube ich, weiß ich auch, was ich kann und -
wohlgemerkt - auch, was ich nicht kann.“ (grinst)
Was können Sie denn als Schauspieler? Ist es da besser, wenn eine
Figur - wie in diesem Fall - sehr nahe an Ihrer Persönlichkeit liegt?
„In meinem Fall absolut ja.“
Wollen Sie nicht unbedingt eine ganz andere Seite zeigen müssen und
womöglich auch in Grenzbereiche gehen?
„Für mich persönlich ist es auf jeden Fall nicht schlecht, wenn die
Rolle nahe an mir dran ist. Und ich hatte auch früher immer Rollen, die
mir relativ nahe waren. Man hat mich so besetzt. Allerdings hat der mit
mir befreundete Regisseur Bernd Fischerauer den Film ,Apollonia' mit mir
gemacht. Darin spiele ich einen alten, grantigen Bauern, der
fremdenfeindlich ist und auch schon optisch völlig verändert ist, mit
Schnurrbart und allem. Ich muss sagen, das hat mir auch sehr viel Spaß
gemacht, denn das ist menschlich so ein richtiger Mistkerl. Dadurch habe
ich entdeckt, dass es große Freude machen kann, so völlig in etwas
anderes herein zu schlüpfen. Aber das muss nicht immer sein und ich
kenne meine Grenzen.“
Was soll das genau heißen?
„Ich könnte zum Beispiel unmöglich wie Robert De Niro in die
verschiedensten Rollen hinein schlüpfen, sondern ich glaube, genau zu
wissen, was ich kann und was nicht.“
Was gucken Sie selbst gerne im Fernsehen?
„Ich bin ein Dokumentations-Freak. Ich sehe mir sehr gerne
Dokumentationen an. Ich finde es sehr schön, dass gerade im politischen
Bereich, immer noch ganz kritische und spannende Dinge im deutschen
Fernsehen laufen. Und ich schaue mir ab und zu Filme an – zum Beispiel
bin ich ein echter Fan von ,Der Bulle von Tölz'. Ich kenne den Otti
Fischer sehr gut. Das sind Filme, die ich ungern auslasse. Da ich
allerdings ein Verfechter der öffentlich-rechtlichen Sender bin und
Werbung nicht ausstehen kann, wird das bei mir alles aufgezeichnet.“
(schmunzelt)
Können Sie sagen, ob Sie bei unterschiedlicher Arbeit auch
unterschiedliche Formen von Lampenfieber haben, und wie es hinterher
ist? Ist nach einem Auftritt auf einer Bühne das schwarze Loch größer?
„Sicher ist nach einem Konzert das schwarze Loch größer und das
Lampenfieber ist manchmal beim Drehen größer als auf der Bühne.
Wahrscheinlich ist das so, weil ich mich auf der Bühne mehr Zuhause
fühle.“
Fühlen Sie sich bei den zwei Arten Ihrer Arbeit unterschiedlich
sicher?
„In Sienna gab es bei diesem Film Momente, die waren mir sehr peinlich:
Ich saß auf einem Platz und hatte einen ganz einfachen Satz zu sagen. Da
war ein Mädchen, meine Film-Tochter, das auf mich zuläuft - und es war
ein unglaublicher Aufwand: Kamera oben im ersten Stock, Publikum
weggesperrt, Polizei war da und alles Mögliche. Und ich sollte, glaube
ich, nur sagen: Schön, dass du da bist. Das Mädchen kommt auf mich zu,
Kamera ab – und ich wusste meinen Text nicht mehr – aus und vorbei,
schwarzes Loch.“
Was haben Sie dann gemacht?
„Ich dachte mir, gut, das kann passieren. Das ist die Hitze – wie auch
immer. Wir machen das neu. Aber das zweite Mal lief ganz genauso. Das
war so entsetzlich und ich wusste, wenn das noch ein drittes Mal
passiert, dann brauche ich nie mehr im Leben einen Film drehen – und
dann will ich auch nicht mehr!“ (lacht laut)
Aber da ging es? Können Sie Ihre Fans beruhigen?
„Ja, es ging gut und es war garantiert, das haben auch alle eingesehen,
es war diese wahnsinnige Hitze. Dieser Platz war auch überhaupt nicht
schattig … Aber, gut, den anderen ist es auch nie passiert, sondern es
ist nur mir passiert. Aber sooo ein schwarzes Loch, also, das war schon
schrecklich für mich. Und dann kriegst du ja auch noch mit jedem Patzer
immer mehr Angst.“
Haben Sie nach der Bühne ein Mittel gegen das schwarze Loch? Brauchen
Sie dann eher die totale Ruhe und Zeit mit und für sich oder suchen Sie
die Nähe des Teams?
„Meistens gehe ich nach einem Auftritt auf der Bühne direkt zum
Signieren, was ich sehr gerne mache. Ich signiere meine Bücher und CDs
und komme dadurch mit dem Publikum in Kontakt. Das ist sicher in sehr
großen Städten weniger möglich. Wenn man so 2.000 Leute in einer
Großstadt hat, dann geht das eigentlich nicht. Aber ich bin ja auch sehr
viel in kleineren Orten unterwegs und ich genieße das und ich mache es
sehr gerne. Ich bin dann noch für eine halbe Stunde mit dem Publikum und
bin danach meistens noch mit den Künstlern zusammen an der Hotelbar.“
Sie suchen also nicht den kompletten Gegensatz eines ruhigen
Hotelzimmers, fernab von allen Scheinwerfern?
„Nein, das ist für mich unmöglich. Ich habe das mal gemacht, aber dann
kommen so schreckliche Dinge in mir hoch. Da kriege ich zum Beispiel so
einen wahnsinnigen Hunger, ich denke, das kommt auch aus der Leere
heraus, und dann beginne ich, die Süßigkeiten aus der Minibar zu
plündern. (lacht) Das muss man irgendwie auch verhindern.“
Was steht für Sie beruflich als Nächstes an?
„Im Mai ist Premiere des ,Peter Pan'-Musicals im Hamburger Theater
,Schmidts Tivoli' und dann wird das Stück wohl im Herbst und über die
Weihnachtszeit laufen.“
Es gibt aber keine Pläne für weitere Filme mit Ihnen?
„Ich bin offen für weitere Filmangebote! (lächelt) Das Problem dabei
ist, heutzutage werden Filme immer kurzfristiger besetzt, außer, du bist
in der Super-Einser-Riege wie Herr Adorf oder so. Aber so für uns
Normal-Sterbliche ruft dich die Agentin zwei Wochen vorher an und sagt:
,Es wäre gerade für drei Wochen eine Möglichkeit.' Als Musiker muss ich
aber zwei Jahre im Voraus planen. Das ist nicht einfach. Ich habe ein
paar Rollen für den Herbst gehabt, die konnte ich aber nicht annehmen,
weil ich eben unterwegs sein werde.“
Können Sie Erfolg für sich definieren? Was bedeutet Erfolg für Sie
und wo müssen Sie dafür Opfer bringen?
„Es gibt für mich im Beruflichen nur einen einzigen Erfolg, der absolut
schmerzlich wäre, wenn er mich verlassen würde. Das ist dieses große
Geschenk, dass ich immer noch, nach 40 Jahren, so ein treues und für
meine Verhältnisse großes Publikum habe. Ich bediene ja eine gewisse Art
von Nischenkunst und dafür ist es ein erstaunliches Publikum.“
„Das ist en Riesengeschenk, denn es ist schon ein Unterschied, ob du
alleine für dich Klavier spielst oder ob du es vor ein paar hundert oder
gar tausend Leuten tun darfst. Und das wäre sehr schmerzlich, wenn es
mal nicht mehr so sein würde. Ansonsten bedeutet mir – und das kann ich
aus vollem Herzen sagen – dieser äußere Erfolg nicht wirklich viel. Ich
habe ja sehr viel erlebt und habe festgestellt, dass die glücklichen
Momente in den allerseltensten Fällen, außer jetzt beim Konzert mit dem
Publikum, etwas mit Erfolg oder Geld zu tun haben. Manchmal kann das
eine nette Basis sein, aber eigentlich ist das Glück woanders
angesiedelt. Und Glück ist definitiv nicht käuflich – weder durch
Erfolg, noch durch Geld.“
„Wenn man das mal so deutlich gespürt hat und wenn man auch so viele
Niederlagen wie ich erlebt hat, und diese Niederlagen auch bewusst
erlebt hat, dann weiß man, dass die Niederlagen auch etwas unglaublich
positives sein können. Mein letztes Buch habe ich nicht zufällig ,Die
Kunst des Scheiterns' genannt. Ich hatte Momente in meinem Leben, wo ich
sehr verlassen war, von Erfolg, von Ruhm und gar Ehre – und das waren
nicht die unglücklichsten Momente in meinem Leben. Ich meine, man muss
es mal erlebt haben, um zu wissen, dass viele der Glücksangebote, die
uns die Gesellschaft macht, einfach nicht stimmen.“
Was empfinden Sie als Opfer? Kann das vielleicht ein Film sein, den
Sie nicht machen können oder eine Trennung von der Familie, nach nur
kurzer Zeit gemeinsam? Wo tut es Ihnen etwas weh?
„Manchmal tut es ein bisschen weh, dass ich so viel arbeite. Aber das
ist einfach notwendig, denn es ist mein Beruf und ich lebe definitiv
davon. Ich habe nicht – im Gegensatz zu anderen vielleicht, die das auch
zu Recht gemacht haben – ich habe mir nichts angespart, ich habe keine
Pfründe, auf die ich zurückgreifen könnte. Hätte ich die, würde ich mir
sicher mal so ein ganzes Jahr Auszeit nehmen. Das geht aber nicht, ich
muss arbeiten und vielleicht ist es für jemanden, wie für mich, auch
ganz gut so. Meine Arbeit hält mich aktiv.“ (schmunzelt)
Wenn die berühmte gute Fee auftaucht und Sie spontan drei Wünsche
frei haben, welche wären das?
„Wenn man Kinder hat, dann ist man durch Schicksal so erpressbar, weil
man andauernd Angst hat. Mir wird jetzt erst klar, wie angstfrei ich
früher leben konnte. Deshalb ist mein erster Wunsch, dass es meinen
Kindern gut geht, dass ich sie gut zum Leben hin geleiten kann, dass
ihnen nichts passiert. Und dann habe ich nur noch einen zweiten Wunsch.
Ich möchte mich einfach weiter entwickeln, noch mehr von mir kennen
lernen und dadurch andere Menschen besser verstehen. Und das subsumiert
so viel an anderen Wünschen in sich. Wenn mir das gelingt, nicht stehen
zu bleiben, nicht der Macht zu erliegen, nicht zu erstarren, lebendig zu
bleiben, dann führe ich mein Leben richtig.“
Und da kann man auch nicht sagen, Sie sind auf der Hälfte des Weges
angekommen, sondern das ein ewiger Prozess?
„Richtig, das bewusste Leben ist ein fortwährender Prozess und er
passiert immer im Jetzt. Ich habe im Älterwerden vieles gelernt – Gott
sei Dank – und eines ist ganz wichtig, sich immer weniger nach der
Zukunft oder nach der Vergangenheit zu richten. Das sind alles
Schimären, Hirngespinste. Das merkt man aber erst, wenn man intensiv und
lange gelebt hat, dass das Schicksal immer etwas anderes mit dir macht,
als du dir vorstellst. Wir können nichts kontrollieren, und schon gar
nicht unser Schicksal, was auch sehr gut so ist.“ (lächelt)
©Wolfgang Wittenburg - Infoauswertung honorarpflichtig (05/2008)