Auch wenn sie ihren Dienst als
wunderbare TV-Kommissarin Jo Obermaier im bayerischen „Polizeiruf 110“
im nächsten Jahr quittieren wird, so ist der vorletzte Film sehr
sehenswert und Michaela May kann trotzdem über einen Mangel an Arbeit
nicht klagen
Auch im sechzehnten und vorletzten
Fall des wunderbaren bayerischen „Polizeiruf“-Duos gestaltet sich die
Ermittlungsarbeit mal wieder schwierig und verläuft für beide Figuren
emotional in Wellenbewegungen – die Mutter einer mongoloiden,
schwangeren, jungen Frau wird auf einer Autobahnraststätte brutal
überfallen und fällt ins Koma. Der einarmige Kriminalhauptkommissar
Jürgen Tauber und seine Kollegin, Kriminalhauptkommissarin Jo
Obermaier, ermitteln in einer Patchworkfamilie und in der
Behindertenwerkstatt. Besonders auffallend ist bei diesem Krimi wie es
dem Regisseur Andreas Kleinert gelingt, in die schwere und emotionale
Thematik eine gewisse Komik einzuweben. Beim Besuch der Kommissare in
der Luxusvilla eines verdächtigen Zahnarztes, lässt sich Tauber auf
das unbequeme Sofa fallen und hat danach sein kleines Intermezzo beim
Versuch, eine Olive zu naschen. Diese Szene ist zwar herrlich
anzusehen und veranlasst zum Schmunzeln, leider aber gerät das
gesprochene (und nicht minder wichtige Wort) ins Hintertreffen. „Diese
Szene fand ich beim Zusehen auch witzig, sie ist aber nicht auf meinem
Mist gewachsen, sondern diese Situationskomik geht aufs Konto des
Regisseurs“, sagt Tauber-Darsteller Edgar Selge (60) hierzu.
Darüber, dass Michaela May (56) im
bayerischen „Polizeiruf 110“ nach sechzehn Fällen in acht Jahren bald
ihren Dienst quittiert, ist die Münchner Mimin trotzdem nicht wirklich
traurig. Frei nach ihrer Devise: „Wenn am Schönsten ist, soll man
aufhören“, wünscht die Vollblutschauspielerin dem neuen Team Alles
Gute. Was Michaela May den Abschied sicherlich versüßt, ist der
Umstand, dass sich die Mutter der beiden erwachsenen Töchter Alexandra
(25, arbeitet im britischen Auktionshaus ,Sotherby‘s‘) und Lilian (19,
studiert in England Management und International Relationships) einige
Interessante Rollenangebote für die Zukunft vorliegen hat. Im nächsten
Jahr kommt der Publikumsliebling wieder als eigenwillige Richterin in
„Alles was recht ist“, ihren neuen ARD-Sendereihe mit zwei Filmen pro
Jahr. Auch gehen Michaela May und Fritz Wepper mit der neuen
ZDF-Sendereihe „Unser Mann im Süden“ (vier Filme á 45 Minuten) an den
Start – sie als Ehefrau des deutschen Honorarkonsuls auf Gran Canaria.
Im Interview redet Michaela May, die seit Juni 2006 mit dem Regisseur
Bernd Schadewald (57, „Der Hammermörder“) verheiratet ist, über ihr
Leben und die Bedeutung von Luxus und Geld:
Weil Ihr TV-Kollege Edgar Selge aus
dem bayerischen „Polizeiruf 110“ ausgestiegen ist, wollen auch Sie
aufhören und haben gesagt, dass Ihnen bereits drei tolle
Rollenangebote vorliegen. Eines ist Ihre Hauptrolle als eigenwillige
Richterin in „Alles was recht ist“?
„Das ist auf jeden Fall eine davon.
Die andere habe ich auch schon gedreht und dann gibt es noch eine
dritte Geschichte, die ist noch nicht realisiert.“
Nun kommt der vorletzte „Polizeiruf 110 – Rosis Baby“ (3.8., 20.15
Uhr, ARD) mund der letzte mit dem Arbeitstitel „Wie ist die Welt so
stille“ wird im Herbst gedreht, bevor das neue Ermittler-Team Stefanie
Stappenbeck und Jörg Hube übernimmt. Mit welchen Gefühlen gehen Sie
den letzen Film der Reihe an?
„Wir haben noch einen Abschlussfilm
dieses Jahr vor uns, ansonsten gilt die Devise, man soll aufhören,
wenn es am Schönsten ist.“ (lächelt)
Mussten Sie seinerzeit lange
überlegen, als das Angebot kam? Sie haben Gaby Dohm abgelöst, kannten
Sie den „Polizeiruf 110“ aus Bayern?
„Ich kenne den ,Polizeiruf 110‘,
aber der wurde damals geändert, denn man wollte einen bayerischen
Aspekt einbringen. Mir hat das Exposé einer bodenständigen Frau gut
gefallen, im Vergleich zu dem eher introvertierten Kopf-Menschen
Tauber. Außerdem hat mich diese Frau interessiert, weil Jo Obermaier
mit einem Türken verheiratet ist, eine bayerisch-türkische Misch-Ehe
führt. Man kann sehr gut zeigen, mit welchen Schwierigkeiten so eine
Ehe verläuft, dadurch, dass der Mann Ausländer ist. Man sieht aber
genauso, dass das eine sehr liebevolle Ehe ist und dass auch
Misch-Ehen verschiedener Nationalitäten gut funktionieren können.“
Mit welchen Gefühlen sehen Sie sich selbst in der Rolle? Sitzen Sie
ganz entspannt vor dem Gerät mit einem Glas Rotwein? Und, zweite
Frage, gibt es hinterher Reaktionen? Klingelt das Telefon?
„Ich kann mich gut sehen und
natürlich klingelt das Telefon und es rufen ein paar Leute an.“
Ist Ihnen diese Resonanz auch wichtig?
„Meine Freunde rufen mich immer an,
wenn sie etwas von mir gesehen haben, und ich freue mich darüber
immer, weil die natürlich mit einem völlig frischen und nicht
vorgeprägten Kopf an so einen Film herangehen. Man selber ist nicht
mehr objektiv, wenn man so einen Film gemacht hat. Ich habe so einen
Film jedoch vorher schon gesehen und es ist bei der Ausstrahlung nicht
das erste Mal, dass ich ihn sehe.“
Gucken Sie schon mit Genuss und
lehnen sich zurück und sagen: Ich werde gut unterhalten?
(grinst): „Ja, also, ich finde, zum
Beispiel ,Polizeiruf 110 – Vater Unser‘ war ein guter Film und in gute
Filme schaue ich gern rein.“
Was würden Sie spontan als Tops und
Flops Ihres Lebens nennen – beruflich und privat?
„Ich habe immer Glück gehabt im
Leben! Ich habe nie etwas mit Gewalt erzwungen. Und es kam immer auf
mich zu. Es kamen die Rollen auf mich zu, es kamen die privaten
Highlights und das ist sehr schön. Ich bin vor Flops im Leben
verschont geblieben. Ich hatte eine Nieren-Operation, das war ein
Tiefpunkt, das betrachte ich als negative Zeit, weil es mich wirklich
zwei Jahre Lebenskraft gekostet hat, wieder zu Kraft zu kommen. Das
ist lange her, aber das einzige, was mir zum Thema Flop einfällt.“
Sind Sie ein positiv denkender
Mensch?
„Ich genieße das Leben und über die
Minusse, die man im Leben erlebt, wenn sie denn privater Natur sind,
dann haben sie vielleicht mit dem Verlust von Menschen zu tun, über
den man hinwegkommen muss. Aber wenn man gerne lebt, dann macht man
das mit einer besonderen Aktivität. Wenn man die Kraft findet, darüber
hinwegzukommen, dann stärkt einen das ungemein fürs Leben.“
Haben Sie denn Angst, dass Ihre
Glückssträhne mal zu Ende gehen könnte? Das kann ja auch beunruhigen?
„Nein, ich habe keine Angst davor,
ich hole mir immer die positiven Seiten des Lebens und bin ein
ausgesprochener Optimist. Ich bin kein Zweifler und Grübler, sondern
ich bin ein Mensch, der den Augenblick genießt und die Gegenwart
genießt. Ich mache mir keine Sorgen, über etwas, dass ich noch nicht
weiß, und ich versuche, die Sorgen, die waren, durch Leben zu füllen.“
Gibt es etwas, was Ihnen früher im
Leben wichtig war und heute unwichtig ist und umgekehrt?
„Ja, die Jas und Neins werden klarer
und dadurch lasse ich bewusst vieles im Leben weg. Das sind zum
Beispiel viele offizielle Veranstaltungen, ich ziehe mich mehr auf das
Privatleben zurück.“
Haben Sie unter Ihren Kollegen und
Kolleginnen der TV-Kommissare Favoriten? Wo fühlen Sie sich gut
unterhalten?
„Ich sehe sehr gerne ,Bella Block‘,
also die Kollegin Hannelore Hoger. Das ist in meinen Augen eine Frau,
bei der man merkt, dass sie ein starker, innerer Charakter ist. ,Bella
Block‘ ist meine Lieblings-Kommissarin!“ (grinst)
Früher waren Sie mit einem Anwalt
verheiratet und sind es heute mit einem Regisseur. Hat sich dadurch,
dass Ihr Mann nun mehr Einblick in den Beruf hat, weil er aus der
Branche kommt, Ihr persönliches Pensum an Arbeit verändert? Haben Sie
früher mehr Rücksicht auf Ihren Mann genommen und ihm zuliebe Angebote
abgesagt, die Sie heute eher annehmen? Merken Sie da einen Unterschied
zu früher?
„Ja, ich habe viel gemacht. Im
Unterschied zu früher habe ich viel im Ausland gearbeitet, weil es
schön war, mit Bernd nicht in Deutschland zu sein. Dass er mich
begleitet hat, ging nur, weil er seine Arbeit als Autor überall machen
kann. Bernd hat sich zurückgenommen, indem er mehr geschrieben, als
gedreht hat und dadurch immer dabei war.“
Wenn der Ehemann nun auf der einen
Seite mehr Einblick in den Schauspielberuf hat. Merken Sie dann auch,
dass Sie mehr mitleiden, wenn eines seiner Drehbücher abgelehnt wird
und deshalb überarbeitet werden muss?
„Ich merke sicher eine andere Form
von Interesse an Büchern, an Stoffen, an Geschichten, – wir gehen sehr
oft ins Kino – einen Blick darauf, was das Leben für Geschichten
anbietet, man kann selber entwickeln und mit Stoffen herumspinnen. Und
das macht schon Spaß, selber Geschichten entwickeln und in so einer
Geschichte dann vielleicht auch gemeinsam eine Fantasie weiterspinnen
und dann auf etwas zu stoßen, wo man von alleine nie drauf gekommen
wäre. Er hat eine dramaturgische Fantasie, die mich befruchtet – das
ist ganz sicher so.““
Wenn theoretisch die Möglichkeit
bestehen würde, für einen Tag oder eine Woche das Leben eines anderen
Menschen zu leben, welches könnte Ihnen spontan interessant
erscheinen?
(überlegt): „Sicher wäre es
interessant, mal für einen Tag Meryl Streep zu sein, mal im
Hollywood-Getriebe als Schauspieler zu sein. Moralische Vorbilder, wo
ich sage, das wäre ich jetzt wahnsinnig gerne mal, habe ich in dem
Sinne nicht wirklich, wenn ich das überlege. Ich kann nur sagen, wo
und wie ich gerne leben würde und ich wäre immer der Sonne zugetan.
Also, wenn Sie so wollen, Robinson Cruso. Das ist vielleicht ein
bisschen einsam, aber eben nicht alleine.“ (schmunzelt)
Aber schon eher so jemand und nicht
die deutsche Kanzlerin?
„Nein, dieser Wunsch ginge bei mir
nicht in Richtung der Macht, sondern schon eher in Richtung der
stillen und romantischen Plätze auf der Welt.“
Was haben Sie
mit Ihrer ersten richtigen Gage gemacht – für später angelegt oder
direkt ausgegeben?
„Ich habe mir von meiner ersten Gage
ein Spinett gekauft. Damals hatte ich Klavierunterricht bei einer
Lehrerin und mich hat dieses Instrument so fasziniert, aber wir hatten
Zuhause nur ein Klavier. Ich wollte unbedingt so ein Instrument haben
und das habe ich dann in der Kurzversion gekauft.“
War das eine Investition in die
Zukunft?
„Dieses Spinett habe ich bis heute
noch. Leider ist es zuletzt bei einem Wasserschaden im Keller in Tirol
beschädigt worden, aber ich versuche, das zu reparieren.“
Und was haben
Sie mit Ihrer zweiten Gage gemacht?
„Die zweite Gage war der Fernseher
für die Familie. Mein Vater hat damals Fernsehen abgelehnt und wir
mussten zu den Filmen, die von mir kamen, nämlich ,Robinson soll nicht
sterben', immer bei den Nachbarn gucken. Mit großem Murren hat mein
Vater dann akzeptiert, dass ich den ersten Fernseher gekauft habe,
indem er dann aber immer sehr euphorisch seine Nachrichten geguckt
hat.“ grinst)
„Luxus ist, richtige Liebe zu
erfahren und Zeit dafür zu haben und den genieße ich in vollen Zügen.“
(lächelt)
Und was bedeutet Ihnen Geld heute?
„Geld bedeutet Freiheit, Freiheit
die Dinge tun zu können, so, wie man sie machen möchte. Aber es
bedeutet auch nicht unbedingt, dass man so viel Geld braucht, um sich
alles kaufen zu können. Ich glaube, dann wird das Leben fad. Es gibt
bestimmte Dinge, die man in seinem Leben auslassen kann und nicht
braucht, nicht kaufen muss. Dazu gehören für mich Luxusartikel wie
Schmuck und Autos. Ich muss auch nicht unbedingt fünf Häuser irgendwo
haben. Geld macht das Leben leichter und flirrender und abhebender,
wenn man zumindest so viel Geld hat, dass man keinen Zwängen
ausgesetzt ist.“
Sie engagieren sich neben der
Schauspielerei auch im sozialen Bereich – im welcher Richtung und wie
kam es dazu?
„Ich engagiere mich seit Anfang 1990
im Verein ,Mukoviszidose e.V.‘, denn ich kannte einen
Mukoviszidose-Kranken, das war mein Nachbar früher, der dann auch
verstorben ist. Und dem habe ich das versprochen und dafür setze ich
mich bis heute ein. Dieser Nachbar war ein ganz wunderbarer Mensch. Er
besuchte die Musikschule und spielte Klavier und Saxophon. Meine
Töchter hatten ihn gerne, sie liebten seine sanfte und
verständnisvolle Art und haben oft mit ihm musiziert, bis er
schließlich mit gerade mal 27 Jahren starb.“
Sie sollen gesagt haben, dass für
Sie mit 55 Jahren die schönste Zeit Ihres Lebens begonnen hat, denn
Sie genießen die Liebe, das Muttersein, den Beruf und Ihr Leben ist
intensiver denn je. Ist das etwas, wovon Sie selbst überrascht sind?
„Also, die schönste Zeit meines
Lebens kann ich nie sagen, denn so war es auch, als meine Kinder auf
Welt kamen. Ich finde, das muss man relativ sehen, denn ich habe auch
als ich zum ersten Mal geheiratet habe, gedacht, das ist die schönste
Zeit meines Lebens. Ich habe nur nicht geglaubt, dass sich das Leben
immer wieder schält und erneuert wie eine Schlange und immer wieder
neue Glitzerpunkte heraus bringt und die Farben immer intensiver
werden. Ich genieße heute sehr, dass man die Jas und Neins klarer
sieht, dass man das essenzielle immer mehr sucht, dass man
Nebensächliches mehr weglässt und, dass einem der Augenblick immer
wertvoller wird und man darauf auch mehr zusteuert. Ich mache mehr
das, was ich gerne mag und ich erkenne die Luftblasen an den Seiten
und zersteche sie. Das macht das Leben für mich auf jeden Fall
intensiver und schöner.“
Haben Sie die Feststellung gemacht,
dass die Zeit Wunden heilen kann, zum Beispiel in Bezug auf Ihre
Töchter, die nach der Trennung von Ihrem Ex-Mann erst einmal Distanz
gesucht hatten?
„Ja, zumindest sorgt die Zeit für
Veränderung. Was Wunden angeht, macht die Zeit sie entweder ganz tief
und unüberbrückbar oder sie heilt. Diese zwei Wege gibt es, aber es
gibt da keinen Mittelweg. Diese Erfahrung mache ich. Auch mit Freunden
war das so.“
Letzte Frage: Guckt Ihr Mann
„Polizeiruf 110“ und gibt es einen Austausch auf kritischer Ebene?
„Ich denke, ja, er schaut immer sehr
genau und ist für mich der wichtigste Kritiker. Er kennt mich ja auch
am besten.“
©Wolfgang Wittenburg -
Infoauswertung honorarpflichtig (07/2008)
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