Mysterious Women, copyright Sylvia Knelles

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zu: „Mein Mann, der Trinker“, 3. September, 20.15 Uhr, ARD

Die Hauptrolle in dem starken Fernsehfilm „Mein Mann, der Trinker“ war für den Wahl-Bayern eine der schwierigsten, auch, weil Robert Atzorn selbst früher mal ein massives Alkoholproblem hatte. Im Interview redet der Schauspieler über diese schlimme Zeit und wie er sie gemeistert hat

Robert Atzorn

„Alkohol ist wirklich ein großes Problem!“

Als der angesehene Karlsruher Uni-Professor am Tag einer Preisverleihung nicht rechtzeitig erscheint, gerät nicht nur für seine Ehefrau das Bild eines glücklichen und krisenfesten Paares mächtig ins Wanken – Robert Atzorn (63, „Der Kapitän“) verkörpert in dem starken Fernsehdrama „Mein Mann, der Trinker“ (3. September, 20.15 Uhr, ARD) einen Intellektuellen mit massivem Alkoholproblem. Er versteckt seine Flaschen hinter Büchern, er liegt sturzbetrunken in der Innenstadt und findet sich in einer Ausnüchterungszelle wieder – und er schlägt auch seine Ehefrau. Wie gefällt Robert Atzorn, als einen Schauspieler, der selbst eine Vergangenheit mit dem Thema Alkohol hat, der Film „Mein Mann, der Trinker“ (3. September, 20.,15 Uhr, ARD)? „Ich finde, dass dieser Film viele Dinge trifft, die ich auch kenne, sowohl aus Beziehungen als auch im Älterwerden, Dingen auszuweichen. Ich habe mich in vielen Szenen wiedergefunden, wo ich sage, das stimmt exakt. Ich finde auch die Dialoge hervorragend, die Ehrlichkeit, und wie tief das geht. Wir drücken uns eben nicht um die schwierigen Auseinandersetzungen herum, sondern es greift immer tiefer. Ich muss sagen, dieses Projekt hat mir von Anfang an sehr, sehr, sehr gefallen.“ Im offenen Interview dazu redet der wunderbare Schauspieler Robert Atzorn, der mit Ehefrau Angelika (60) nach einer Kurzvisite in Hamburg  nun wieder in Bayern am Chiemsee lebt, über diese starke und emotionale Filmarbeit. Er möchte aber ausdrücklich auch über seine Zeit als Alkoholiker – und seinen Weg aus dieser Lebensphase sprechen:

Herr Atzorn, was denken Sie, soll der Film „Mein Mann, der Trinker“ (3. September, 20.15 Uhr, ARD) vom Publikum zur besten Sendezeit auch als eine Warnung verstanden werden?

„Sicherlich! Es ist dieses Schleichende, Alkohol ist ja wirklich ein Gift, das saumäßig gefährlich ist – das muss man so extrem sagen – und es ist gesellschaftlich anerkannt, natürlich. Wir trinken ja alle auf Festen gerne mal einen und plötzlich wird aus einem Glas am Abend erst zwei und dann drei, und dann eine Flasche. Morgens geht es dir dann nicht so gut und denkst, du trinkst nie wieder, aber am Abend ist das dann schon wieder nicht mehr so schlimm. Und so gleitet man leicht in so eine Abhängigkeit hinein. Ich selbst habe auch eine Suchtstruktur, ich kann das sehr gut nachvollziehen und ich muss sehr diszipliniert mit Alkohol umgehen. Es gibt aber auch andere Dinge, Fernsehen macht mich süchtig. Da gibt es auch wirklich mal Strecken, wo ich wirklich meinen Kopf einsetze und sage: Stopp. Stopp! Mache nur Dinge, die du wirklich tun willst!“

Wie haben Sie die Arbeit mit Franziska Walser als Ihrer Film-Ehefrau empfunden?

„Ich es ganz wunderbar, wie sie das spielt. Jedes mal denke ich, das gibt es ja gar nicht, diese Liebe, die da in deinen Augen zu sehen ist in der Beziehung zu diesem Mann. Ich bin immer selber ganz angerührt, wenn ich das sehe, noch mehr eigentlich, als beim Spielen, berührt Franziska mich da. Ich finde es wunderbar, wie sie diese Beziehung und diese Liebe spielt – und ich finde es auch nicht schlecht, was ich mache.“ (lächelt) 

Hatten Sie in der Rolle des Ludwig Wohlstedt, in „Mein Mann, der Trinker“, viel zu spielen? War das für Sie als Schauspieler das berühmte Stück Fleisch?

„Absolut ja! Es ist dieses Ausweichende, es geht um Wechseljahr-Probleme, die man sich nicht eingestehen wollen, dass man älter wird. Es geht um Lebenslügen. Er wollte vielleicht auch ein Künstler werden, hat dann aber die Sicherheit der Professur gewählt. Und das ewige Hauptproblem dieser beiden Eheleute ist dieser Kinderwunsch, der bei ihr dann irgendwann nicht mehr ging und bei ihm aber immer weiter geht. Es gibt so ganz viele Dinge. Auch diese unglaubliche Konfliktscheue bei dieser Figur, nicht wirklich in die Dinge reinzugehen, sondern sie auch wegzutrinken. Mit Alkohol ist es auch immer so, dass man die Verantwortung verliert. Man gibt für einen Tag erstmal die Verantwortung ab. Jetzt trinken wir erstmal einen und dann schauen wir mal, wie es Morgen ist. Ich glaube, das kennt jeder mal, dass er so kurzfristig aussteigt – und das geht mit Alkohol.“

Es gibt eine Szene, in der Ihre Figur in der Ausnüchterungszelle landet und Sie den Moment des absoluten Kontrollverlustes darstellen müssen. Wie spielt man als Schauspieler dieses Moment, wo man doch höchst kontrolliert sein muss?

„Natürlich überlegst du dir vorher genau, wie du das spielen möchtest. Ich glaube aber, Kontrollverlust durch Suchtverhalten, das kennen wir alle. Du brauchst nur mal drei Tage lang zu fasten oder drei Tage auf deinen Kaffee verzichten, dann spürst du schon, was das mit dir macht, wie du dich ärgerst, wie du aggressiv wirst. Ich finde das überhaupt nicht schwer zu spielen. Ich muss nur an meine eigene Suchtstruktur denken und schon geht das.“

Sie haben „Mein Mann, der Trinker“ in Baden-Baden und Karlsruhe gedreht. War es gerade bei diesem Stoff vorteilhaft, eine räumliche Trennung zwischen Beruf und Privatleben zu haben? Kommt das Ihrer Kon zentration zugute?

„Das ist für mich immer so und es war hierbei nicht besonders gut, sondern es war wie immer. Ich fand aber die ganze Umgebung gut, dass man mal Karlsruhe sieht und eine Umgebung hat, die man sonst nie sieht. Das fand ich schön. Aber Arbeit heißt für mich immer, weggehen von Zuhause.“

Aber dieses Mal ist ein besonderer Stoff gewesen und da kann man schon sagen, darauf lässt man sich besonders ein und da gibt es Tage, die besonders anstrengend sind, die Szenen in der Entzugszelle zum Beispiel.

„Das ist richtig und ich würde an solchen Tagen nicht nach Hause gehen, auch nicht, wenn die Möglichkeit bestehen würde. Ich möchte dann nicht mit Alltagskram konfrontiert werden. Da ist wieder Post von der ,Telekom‘‘ da oder Rechnungen, und das würde ich in dem Moment nicht wissen wollen. Das ist richtig.“

Wie war es nach Ende dieser Dreharbeiten? Konnten Sie nahtlos zur Produktion des ZDF-Zweiteilers „Der Kapitän“ übergehen oder war erst einmal Pause für Sie angesagt?

„Gott sei Dank war danach erstmal Weihnachten und dann dann kam ein ,Tatort‘. Ich hatte danach für einen Monat frei – und das war auch gut so. Diese Dreharbeiten waren schon sau-anstrengend, das muss ich sagen. Wir hatten sehr viel Textmengen zu bewältigen und mussten auch emotional sehr viel darstellen. Ja, da war ich schon ein bisschen ausgepowert, danach.“

War der Reiz an der starken Rolle für Sie bei „Mein Mann, der Trinker“ größer, als eventuelle Bedenken der Konfrontation mit einer Suchtproblematik, die Sie am eigenen Leib erfahren hatten?

„Nein, ich habe keine Probleme mehr mit diesem Thema und mit der Berührung des Themas schon gar nicht. Da ist das Rauchen viel schlimmer, wenn ich in einer Rolle rauchen muss, dann empfinde ich das als sehr verführerisch. Alkohol macht mir nichts mehr. Damit habe ich keine Probleme mehr. Außerdem ist das ja auch über 30 Jahre her.“

Und wir gehen davon aus, dass Sie während des Drehs keinen echten Alkohol zu sich nehmen mussten.

„Absolut richtig. Das war kein echter Alkohol.“ (grinst)

Aber auch die ganze Atmosphäre und die so intensive Berührung mit dem Thema Alkoholsucht und den Auswüchse war für Sie nicht schwer?

„Nein, ich habe ja Suchterfahrungen , zwischen 16 und 30 habe ich wirklich viel getrunken, aber ich war nicht so ein Trinker wie die Figur, die ihre Lebenslügen versucht, zu bewältigen, oder versucht, aus 1.000 Belastungen auszusteigen. Bei mir war das mehr so, um meine Menschenangst oder meine Schüchternheit zu überwinden. Oder aber es war ein Belohnungstrinken. Okay, heute haben wir eine gute Vorstellung gespielt, dann trinken wir erstmal einen. Die Gründe fürs Trinken waren bei mir anders.“

Was kann so ein Film in Ihren Augen bewirken?

„Für mich persönlich war es sehr wichtig, so einen Film überhaupt zu machen, denn ich wollte durch diesen Film unbedingt nochmal klarmachen, wir furchtbar Alkohol ist. Das ist wirklich die gefährlichste Droge, die ich kenne. Ich meine, wenn du an der Nadel hängst, dann ist es eh vorbei – das wissen wir ja alle. Aber diese sanktionierte Droge Alkohol, die zu jedem Fest dazu gehört, die man an Tankstellen, wo in erster Linie Autofahrer zur Kundschaft zählen, kaufen kann. Das ist wirklich verrückt. Wir trinken einfach alle. Und wenn du nicht trinkst, wie ich, ich trinke ganz selten mal ein Glas Wein oder so, dann wird gleich gefragt: Wieso trinkst du denn nicht? Dann musst du dich erklären, als wenn du Vegetarier bist, da musst du auch ständig erklären, warum du kein Fleisch isst.“ Ich bin diese Diskussion auch so leid. Oder wenn die Kellner dich angucken, wenn du Essen gehst und sagst, dass du eine Apfel-Schorle haben möchtest. Natürlich verdienen die mit dem Wein am meisten, denn, wenn einer blau ist, dann kann ich noch ein paar Glas reinschütten., Klar, dann sind die schon ganz enttäuscht. Das Thema Alkohol ist wirklich ein großes Problem!“

Können die Gründe für das suchthafte Trinken von Alkohol bei Ihnen auch Existenzangst oder die Suche nach dem beruflichen und privaten Lebensweg gewesen sein?

„Sicher war das auch eine Bewältigung von Ängsten, ganz bestimmt, aber einen Lebensplan hatte ich nicht. Ich hatte Angst vor Menschen, schüchtern war ich. Und ich hatte auch Angst davor, irgendwelche Sachen nicht hinzukriegen, klar. Dann trinkst du erstmal und du kannst damit so wunderbar aussteigen. Du gibst die Verantwortung für ein paar Stunden ab und das ist so toll. Wenn du dann allerdings am nächsten Morgen aufwachst, dann denkst du: Nie wieder! Oh, Gott, ging es mir schlecht! Und abends hast du das dann schon wieder vergessen. Das Zeig ist schon sehr übel.“

Haben Sie jemals betrunken gearbeitet? Ging Ihre Alkoholsucht so weit?

„Nie! Das geht gar nicht. Das war bei mir mehr ein Belohnungstrinken.“

Wie haben Sie es geschafft, von der Alkoholsucht loszukommen? Haben Sie es geschafft? Hat Ihre Ehefrau Ihnen helfen können? 

„Ich habe mit 30 das zweite Mal geheiratet und dann ging es so Schritt für Schritt weg von der Sucht.“

War damals auch Ihre Karriere etwas gefestigter?

„Nee, das hatte damit nichts zu tun. Ich merke nur, dass ich mit Alkohol ziemlich aggressiv wurde. Meine Frau und ich hatten deshalb viele Auseinandersetzungen und Machtspiele. Ich wollte diese Frau unbedingt behalten, aber das wäre mit Alkohol nicht gegangen. Und dann dachte ich: Okay, Stopp! Ich habe radikal meinen Kopf eingesetzt und aufgehört.“

Ihre Söhne sind auch in der Zeit geboren worden.

„Ja, sicher war das Gründen einer Familie auch eine Form von Festigung und ein schlechtes Vorbild kannst du auch nicht sein. Insofern spielt das auch noch eine nicht unwichtige Rolle.“

Wie gehen Sie in Bezug auf Ihre Söhne mit der Problematik Alkohol um? Sagen Sie vielleicht, bei den Söhnen, da gucke ich einmal mehr hin oder ich fülle sie einmal richtig ab, um abzuschrecken?

„Beides nicht. Außerdem sind unsere Söhne längst aus dem Haus und ich würde da auch nie gucken, das habe ich auch früher nicht gemacht. Das war nie ein Problem. Unsere Söhne haben Gott sei Dank keine Suchtstruktur.“

Was sind für Sie berufliche Ziele, der nächsten Zeit?

„Es kommt der Fernsehfilm ,Im Gehege‘ und zwei Teile ,Der Kapitän‘. Und das war es im Moment.“

©Wolfgang Wittenburg - Infoauswertung honorarpflichtig (08/2008)