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Sie ist mit 18 Jahren die dienstälteste „Tatort“-Kommissarin und
wollte immer mal andere Figuren spielen. Der Tod im „Jedermann“ in Salzburg
war sie schon und übernimmt nun die Hauptrolle in dem ARD-Fernsehfilm „Ich
bin eine Insel“
„Ich merke, ich bin privilegiert mit der Lena Odenthal. Da habe ich
meine drei Filme, die ich im Jahr mache und auch eine gewisse
Existenz-Sicherheit, einen festen Posten in der Branche. Aber ich habe auch
immer noch den Ehrgeiz, trotz Lena Odenthal, andere Dinge zu machen.“
Genauso entschlossen wie hoffnungsvoll äußerte sich die Berliner
Schauspielerin Ulrike Folkerts (46) in einem Interview zu ihrem
15-Jahre-Jubiläum als Ludwigshafener „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal im
Sommer des vorletzten Jahres. Nun wird die „Tatort“-Ermittlerin zur
Lehrerin: In dem ARD-Fernsehfilm „Ich bin eine Insel“ (27. Juni, 20.15 Uhr,
ARD) spielt Ulrike Folkerts die Lehrerin Thea Winkler. Nach einem
Schicksalsschlag lebt sie in Scheidung, hat den Schuldienst quittiert und
betreibt einen kleinen Kiosk. Wenn sie nicht im Laden ist, lebt sie sehr
zurück gezogen und meidet menschliche Kontakte. Bis zu dem Tag als Thea
plötzlich Rosa kennenlernt, ein zehn-jähriges, dickes Mädchen. Rosa fehlt es
an Selbstbewusstsein, sie fühlt sich ungeliebt und wird gehänselt.
Ausgerecht Thea Winkler wird von Rosa als Freundin ausgesucht, doch die
frühere Pädagogin weist diese Freundschaft erst zurück. Dann aber begreift
sie, dass Rosa ihr einen Weg zurück ins Leben weist. Ulrike Folkerts hat
diese Arbeit sehr viel Spaß gemacht und eine gute Portion Spielfreude
geweckt. Sie wünscht sich sehr, dass das Publikum in ihr mal nicht Lena
Odenthal sieht, als die ermittelt sie im „Tatort – Sterben für die Erben“
(1. Juli, 20.15 Uhr, ARD) ohnehin bald wieder.
Die Hauptrolle im Fernsehfilm „Ich bin eine Insel“ (27. Juni.,
20.15 Uhr, ARD) wurde Ihnen auf den Leib geschrieben. Was macht das mit
Ihnen? Löst das eine Extra-Erfolgsdruck aus oder schmeichelt es Ihnen eher?
„Sicher ist da ein bisschen Extra-Erfolgsdruck, aber das
Schmeicheln war mehr. Ich habe einfach gemerkt, dass ich so eine große Lust
hatte, etwas anderes zu spielen. Ich wollte mich so gerne auf ein Terrain
begeben, was mir unbekannt war: Wer ist Thea Winkler? Wie tickt diese Frau?
Wie geht die? Wie lacht sie und wie bewegt die sich? Das hat mir einfach
wieder dieses wache Umgehen mit einer Figur und wie gehe ich an einen Film
heran so gezeigt, dass selbst eine Lena Odenthal davon profitiert. Dadurch
stelle ich mir auch mal wieder ein paar Fragen, was die Figur Lena Odenthal
betrifft, ums mir wieder lebendiger zu machen. Da bin ich schon so
routiniert und Regisseure kommen und sagen: ,Du kennst die Figur, mach mal
einfach!'“
Und das war bei „Ich bin eine Insel“ anders?
„Das war absolut aufregend und ich hatte auch mit Gregor Schnitzler
einen super Regisseur, der mich als ,Tatort'-Kommissarin nicht viel gesehen
hatte und ganz unberührt und neu auf mich zu und mit mir umgegangen ist. Er
hat mir schnell signalisiert, dass er total begeistert von meiner
Vielschichtigkeit war – und das hat mich dann auch ein Stück weit getragen
und mutiger werden lassen, mal auszuprobieren, und er hat mich dann eher an
manchen Stellen gebremst und zurück geholt, weil ich dermaßen in Spielfreude
geriet.“ (lächelt)
Das der Regisseur auch über Sie gesagt, dass die Spielfreude nicht
nur vorhanden ist, sondern sich im Laufe der Produktion sogar noch
gesteigert hat. Hängt das damit zusammen?
„Ja, auf jeden Fall.“
Was macht das Kind dabei aus?
„Tülin ist eine Super-Partnerin gewesen, weil sie so pur war, so
unvoreingenommen, so uneitel, natürlich war sie mit ihren Klamotten auch mal
eitel aber sie steckt so selbstverständlich in ihrem Körper und sie hat
erstmal kein Problem mit dem Dicksein. Etwas abnehmen würde sie schon mal
ganz gerne, aber sie weiß nicht wie, das müssten auch ihre Eltern mit ihr
klären. Und vielleicht kriegen die ja auch eines Tages die Kurve, sie haben
es zumindest gesagt.“
Und die Zusammenarbeit war gut?
„Ich muss sagen, ich habe da schon einen ganz guten Weg zu ihr
gefunden. Aber das war auch ganz einfach, weil Tülin vielleicht ein bisschen
verwechselt hat, dass Rosa die Thea gut findet und Tülin dann auch Ulrike
gut fand. (lächelt) Ich weiß es nicht genau, das habe ich nicht richtig
herausgefunden. Das war einfach irgendwann so, dass wir wie zwei Glucken
waren. Wir sind zusammen aufs Klo gegangen, wir haben zusammen Mittag
gemacht, wir haben in den Drehpausen zusammen Blödsinn gemacht. Tülin hat
auch nicht mehr auf ihren Coach gehört, sondern sie ist nur noch zu mir
gekommen. Das war dann auch ein bisschen Konfliktstoff, aber es ist
aufgegangen, denn Tülin war sehr gut vor der Kamera. Sie hat auch schnell
kapiert, selbst, wenn man es zehnmal hintereinander machen muss, dass es
immer wieder neu ist, dass man immer wieder neu spricht und guckt, neue
Emotionen entstehen zu lässt und das Ganze nicht runterreißt.“
Obwohl in „Ich bin eine Insel“ wenig Schule stattfindet, sind
trotzdem bei Ihnen beim Drehen Erinnerungen an Ihre eigene Schulzeit wach
geworden? Gab es Hänseleien damals auch schon und wird es sie immer geben?
„Hänseleien gab es immer, auf jeden Fall, aber, ich glaube, die
gibt es heute noch extremer. Ich möchte heute nicht mehr in die Schule
gehen. In Berlin ist das hart. Erstmal kenne ich Lehrerinnen, aber ich war
auch neulich in einer Schule in Kreuzberg. Die wollten etwas über den Job
der Schauspielerin wissen, und die haben mich so nett eingeladen, dass ich
gedacht habe, ja, da gehe ich hin. Und dann war ich schon überrascht: Das
waren 30 Schüler aus einer 12. Klasse. Das waren drei Deutsche, zwei aus dem
Irak, einer aus Pakistan, einer aus Russland und der Rest war türkisch und
arabisch. Und da habe ich echt gedacht, okay, wo bin ich hier gelandet.“
(lächelt)
Wie war dann die Begegnung?
„Ich habe gespürt, da herrschen ganz andere Gesetze und da frage
ich mich schon, wie kommt man da als deutsches Mädchen in so einer Klasse zu
Recht? Die Jungs und Mädchen waren super-taff und sie waren wahnsinnig
interessiert. Die türkischen Jungs wollten hauptsächlich wissen, wie viel
man so verdient und die türkischen Mädchen wollten wissen, ob man Familie
und Beruf unter einen Hut kriegt. Das war interessant, aber die Vorstellung
heute noch mal Kind zu sein und zur Schule zu gehen, finde ich echt
anstrengend.“
Wie gefallen Sie sich in der Rolle der sehr biederen und zurück
gezogen lebenden früheren Lehrerin selbst? Ist „Ich bin eine Insel“ ein
Film, den sich Ulrike Folkerts am 27. Juni selbst gerne anschaut?
„Ja, doch. Also, ich stehe zu dem Film, ich finde den
bemerkenswert, ich mag ihn. Und ich finde es auch gut, dass da beim Drehen
noch Dinge passiert sind – Dank dem Regisseur Gregor Schnitzler, die der
Geschichte gut tun“
Was ist zum Beispiel „nebenher“ passiert?
„Es gab zum Beispiel den Teil vor der Einblendung ,Drei Jahre
später' vorher nicht. Das heißt, es gab zunächst in Bildern keine
Ausgangsbasis. Das hat Gregor initiiert, dass da noch was geschrieben wurde,
bevor wir angefangen haben zu drehen, denn es so schwer zu verstehen war,
wie man erzählt, warum die Frau aus dem Leben ausgestiegen ist. Und dieser
Teil hat es einfach erzählt und ich musste nicht 90 Minuten Schuld spielen.
Da haben wir uns gefragt: Wie soll ich denn da 90 Minuten dieses Drama in
mir tragen? Wie kann man das erzählen? Und dadurch ist es erzählt und dann
wird die Zeit danach erzählt, wie sie damit umgeht, schon dagegen angeht,
nicht mehr dauernd leidet. Das war sehr gut.“
Da haben sich einige wichtige Details für die zu erzählende
Geschichte tatsächlich erst während der Arbeit ergeben?
„Absolut und auch die Rolle des Nachbarn, gespielt von Luc Veit,
die ist erweitert worden, die war gar nicht zu Ende erzählt. Da gab es noch
Möglichkeiten, zum Beispiel die Sequenz auf dem Balkon, wo er von seiner
Frau redet, die nach Bayern zieht – die war noch nicht drinnen, überhaupt
seine Frau und die beiden Töchter gab es vorher nicht. Das war plötzlich
noch eine Idee, das hinein zu schreiben und die Geschichte der beiden
Nachbarn damit auch zu Ende zu erzählen.“
Das war also noch ein Arbeitsprozess zu der Arbeit.
„Ja. Den die Autorin Silke Zertz gerne übernommen hat.“
Sie hatten auch sehr emotionale Szenen zu spielen. Wie gehen Sie
damit um? Gibt es Szenen und Drehtage, die Ihnen regelrecht bevor stehen, wo
das Handy privat absolut aus bleibt?
„Das Handy ist sowieso aus. Nein, das geht gar nicht. Wenn ich eine
Stunde Drehpause habe, dann kann ich vielleicht eine Zeitung lesen, aber
mehr ist nicht drinnen. Ansonsten bin ich schon sehr bei der Sache und
versuche, in der Konzentration zu bleiben und auch ein Stück weit in der
Rolle.“
Ich glaube, ich habe Sie noch nie so oft im Rock gesehen – wie
wichtig ist das Kostüm für Sie, um in eine Figur herein und auch wieder
heraus zu schlüpfen?
„Wichtig, sehr wichtig. Das Kostüm ist mit entscheidend, denn es
hat mich wahnsinnig dabei unterstützt, einfach diese Figur zu finden. Man
bewegt sich anders, das ist klar. Man geht anders und man sitzt anders. Das
Kostüm war einfach sehr hilfreich. Ich habe dann auch letztes Jahr
irgendwann angefangen, mir mal die Haare wachsen zu lassen, damit ich nicht
eins zu eins wie Lena Odenthal aussehe. Jetzt sieht halt Lena Odenthal aus
wie Thea Winkler, aber ich lasse die Haare jetzt mal ein bisschen länger
werden, ab sind sie schnell. Lena muss das jetzt alles abkönnen und diese
Rolle hat halt ziemlich viel bei mir in Gang gesetzt. Und es tut mir gut,
habe ich bemerkt. Es war eine gute Gelegenheit, meine Spielfreude wieder zu
entdecken. Natürlich habe ich auch von Gregor Schnitzler ein Feedback
bekommen, dass er mich gut fand und mich mit meinen Facetten auch
unterschätzt hat. All das hat mir natürlich wahnsinnig geschmeichelt. Und
wenn der Film jetzt noch gut ankommt und der Zuschauer Lust hat, die
Geschichte zu sehen und auch in dem Augenblick Frau Odenthal vergessen kann,
dann bin ich natürlich überglücklich.“
Sie wollen auch wieder als Autorin arbeiten. Wie soll Ihr zweites
Buch heißen und wovon handelt es?
„Das ist ein Bilderbuch für Erwachsene über das Thema Glück, mit
vielen, vielen gemalten Bildern und wir inszenieren Fotos, ich bin da auch
dauernde Protagonistin. Das macht große Freude und ich schreibe kleine
Essays über das Thema Glück in verschiedenen Lebenssituationen. Das ist
teilweise amüsant, teilweise ganz ernst, aber es macht mir total viel Spaß.
Und die Menschen, die jetzt schon ein bisschen reingeschnuppert haben, haben
Spaß gehabt. Mehr ist es auch nicht, ein Buch, das Spaß machen soll.
(lächelt) Und mir macht es jetzt, im Moment, erstmal beim Produzieren Spaß -
mal gucken!“
Sind Existenzängste, die mit dem Schauspielberuf verbunden sein
können und Trennungen und auch mal Durststrecken und das Warten auf gute
Rollen für Sie eine Art Opfer?
„Existenzangst habe ich weniger, dadurch dass mir Jahr für Jahr
dreimal ,Tatort' zugesichert werden. Das haut dann schon hin. Damit wird man
nicht steinreich, wie sich das vielleicht manche ausdenken, aber damit kann
ich auf jeden Fall leben und auch meine Schulden, die ich irgendwann einmal
gemacht habe, weiter abbezahlen. Das geht ganz gut. Ich bin aber schon auch
so ein Sicherheitsmensch und denke, wenn ich lange frei habe, ich muss
arbeiten und ich kann mir das gar nicht leisten. Was heißt, frei haben, ich
habe nicht wirklich frei. Das ist ein stetiges Bemühen, weiter an sich zu
arbeiten. Jeder Geiger und jeder Sänger muss üben, üben, üben. Und ich will
einfach auch weiter dranbleiben und da nicht auf der faulen Haut liegen und
nichts mehr tun.“
Wie gehen Sie mit der Popularität durch Ihre „Tatort“-Arbeit um?
„Der Wiedererkennungswert ist natürlich schon ziemlich groß, das
liegt auch daran: Meine Haare sind so, wie sie sind, da kann man nicht viel
dran machen. Und ich laufe privat auch gerne in Hose herum. Es vergeht im
Moment kaum mehr ein Tag, an dem ich nicht auf Lena Odenthal angesprochen
werde oder ein Autogramm geben muss. Das ist teilweise sehr nett, weil ich
auch sehr viel Zuspruch bekomme und das geht durch alle Schichten. Da kommen
Männlein, Weiblein, Kinder, Großmütter. Es ist scheinbar wirklich so eine
Familienangelegenheit, ,Tatort‘ zu gucken. Es ist eine breit gefächerte
Zuschauerschaft, die wirklich wohlwollend auf diesen ,Tatort‘ reagieren und
das genieße ich.“
Sie haben gesagt, dass kein Tag vergeht, wenn Sie auf die Straße
gehen, wo Sie dort auf Lena Odenthal angesprochen werden. Seit wann ist das
so?
(lächelt): „Ja, das hat sich mit der Zeit verändert und es ist mehr
geworden, seitdem es mehr ,Tatort‘-Filme im Jahr gibt. Ich persönlich denke,
seit dem zehnjährigen Jubiläum von Lena Odenthal, das hat noch mal so einen
Schub gegeben. Ich würde sagen, seitdem ist das einfach mehr zu meinem
Alltag geworden.“
Ist Ihre Traumrolle immer noch eine Mutter von zwei Kindern?
„Nö.“
Sondern?
„Ich würde einfach mal gerne die Seite wechseln. Ich würde gerne
mal in einem Krimi das Biest sein dürfen – und zwar mit allem, was dazu
gehört.“ (lächelt)
Wir wollen nicht über die Beziehung reden, weil Sie das auch nicht
wollen.
„Nee, nee.“
Aber ist Ihre Lebenspartnerin jemand aus der Branche oder nicht und
haben damit Vor- und Nachteile festgestellt?
„Sie ist nicht aus der Branche, aber sie ist selber Künstlerin und
hat da insofern schon einen anderen Zugang. Sie ist ein freier Mensch und
selbstständig und kann damit ganz gut umgehen, muss ich sagen. Auch da habe
ich auf jeden Fall sehr großes Glück gehabt.“ (schmunzelt)
Vermischen Sie beide Welten oder lieber nicht? Sagen Sie, wenn Sie
beim Drehen in Baden-Baden gerade etwas Luft haben, dass Ihre Partnerin Sie
bei den Dreharbeiten besuchen kommen soll?
„Nein, denn es ist für Nichtbeteiligte eher langweilig am Drehort.
Wenn ich allerdings in Baden-Baden bin und drei Tage frei habe, dann kann
sie kommen und wir fahren für diese Tage nach Straßburg oder nach Paris.“
(grinst)
Eine Frage darf nicht fehlen, was würden Sie auf eine einsame Insel
mitnehmen – drei Dinge dürfen das immer sein?
(überlegt): „Mein Handy oder was, aber da geht der Akku zu schnell
alle. Ein Solar-Handy vielleicht? Nee, ich glaube, ich würde meine Freundin
mitnehmen und dann brauche ich auch kein Handy. Und ich würde auf jeden Fall
ein aufblasbares Gummiboot mitnehmen, falls es uns beide mal verlockt, die
Insel zu verlassen.“ (grinst)
©Wolfgang Wittenburg - Infoauswertung honorarpflichtig (06/2007) |